Panorama

Krude Mythen um "Satan-Synagoge"Hitler-Verherrlicher kapern Epstein-Fall für antisemitische Hetze

25.02.2026, 06:58 Uhr Aljoscha-PrangeVon Aljoscha Prange
In-this-photo-illustration-the-Released-documents-from-the-U-S-Justice-Department-files-on-Jeffrey-Epstein-Released-documents-from-disgraced-late-financier-and-sex-offender-Jeffrey-Epstein-referencing-court-cases-against-him-are-seen-in-the-handouts-released-by-the-U-S-Justice-Department-and-printed-and-arranged
Die Veröffentlichung der neuesten Epstein Files löst im Internet eine massive Welle judenfeindlichen Hasses aus. (Foto: picture alliance / Sipa USA)

Um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein ranken sich etliche Verschwörungstheorien. Viele zielen darauf ab, dass er Jude war. Im Internet geben sich stramme Antisemiten, Hitler-Fans und Verfechter wirrer Okkultismus-Mythen die Klinke in die Hand.

Arbeitete Jeffrey Epstein als Agent für den Mossad? Organisierte er satanische Baby-Ritualmorde? Und ist er in Wahrheit gar nicht tot, sondern einfach nur untergetaucht? In den sozialen Medien existieren unzählige Verschwörungsmythen über den verurteilten Sexualstraftäter. Viele davon fußen auf Antisemitismus und NS-Verherrlichung.

Epstein wuchs als Kind jüdischer Einwanderer in New York auf. Ein Umstand, der Antisemitinnen und Antisemiten weltweit dazu veranlasst, ihn als Teil einer jüdischen Weltverschwörung darzustellen. Wie die Initiative Democ in einer Untersuchung herausgefunden hat, löste die Veröffentlichung der neuesten Epstein-Akten Anfang Februar eine massive judenfeindliche Mobilisierungswelle im Internet aus - vorangetrieben durch einige reichweitenstarke und einflussreiche Akteure.

So sprach die rechte US-Influencerin Candace Owens in einem Livestream kurz nach der Veröffentlichung der über drei Millionen Seiten etwa über "jüdische okkultistische Mystiker" und deren Rolle in Hollywood und der US-Politik. Außerdem fabuliert sie über die "Synagoge Satans" und eine jüdische Geheimloge, die für den US-amerikanischen Bürgerkrieg verantwortlich gewesen sein soll. Die Sendung hat allein auf Youtube über 2,7 Millionen Aufrufe. Owens folgen auf der Plattform fast sechs Millionen Menschen.

"Eine Katastrophe für Antisemiten"

Die Wortsuche im Transkript von Owens' Livestream ergibt: Die Begriffe "Jude" und "jüdisch" werden gut 30 Mal erwähnt, das Wort "Israel" mehr als 20 Mal. Der Name "Trump" taucht in der einstündigen Sendung nur viermal auf. In den Epstein Files selbst hingegen zigtausendfach. Auch andere Persönlichkeiten aus dem MAGA-Universum pflegten den Kontakt zu Epstein, wie die Akten belegen. Darunter etwa Elon Musk und Steve Bannon - beide, wie auch Trump selbst, nicht jüdisch.

"Für Antisemiten und die US-amerikanische Rechte sind die neu veröffentlichten Epstein Files eine Katastrophe", sagt der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume im Gespräch mit ntv.de.

Teil des Glaubens an eine sogenannte jüdische Weltverschwörung sei unter anderem, dass Jüdinnen und Juden sämtliche Gerichte, Parlamente und Medien kontrollieren. Der demokratische Rechtsstaat sei damit im Grunde eine Lüge. Nun aber zeige sich an der Veröffentlichung der Akten, an der Verhaftung Epsteins und seiner langjährigen Vertrauten Ghislaine Maxwell sowie der des ehemaligen britischen Prinzen Andrew: "Der Rechtsstaat funktioniert doch. Für Antisemiten bricht damit alles zusammen."

Baby-Fresser und Embryo-Chips

Die Konsequenz daraus laute allerdings nicht, sich geschlagen zu geben, sondern die Lage weiter zu eskalieren, indem man immer extremere Verschwörungsideen verbreitet. Erst letzte Woche etwa verstörte Xavier Naidoo am Rande einer Demonstration in Berlin mit Aussagen über angebliche Baby-Fresser und Chips, die mit embryonalem Pulver gewürzt werden.

Der Sänger, der insbesondere in der Corona-Pandemie immer wieder mit kruden Verschwörungsmythen aufgefallen war, reihe sich damit ein in eine uralte antisemitische Erzählung über angeblich Kinder opfernde und Menschenfleisch essende Juden - die sogenannte "Ritualmordlegende", erklärt Blume. "Damit hat Xavier Naidoo ganz tief in die Kiste der antisemitischen Verschwörungsmythologie gegriffen."

Naidoo wird übrigens auch in einigen der mehr als 21.000 Kommentare unter Owens' Youtube-Video erwähnt. Ein User aus Deutschland schreibt etwa, dass der Künstler bereits früh über "Blutrituale mit Kindern" gesprochen habe und dafür "im ganzen Land geächtet" und von den Medien "vernichtet" worden sei. Ein weiterer User kommentiert diesen Beitrag mit einem lachenden Smiley und schreibt dazu: "Ich dachte, du meintest den in Österreich geborenen deutschen Künstler" und spielt damit vermutlich auf Adolf Hitler an.

Hitler-Verherrlicher kapern Epstein-Fall

Ein ähnliches Bild zeigt sich laut Democ auf Instagram, wo sich unter Videos mit Epstein-Bezug immer wieder kodierte NS- und Hitler-Verherrlichungen finden lassen. In einem Kommentar wird etwa der Erfolg des "österreichischen Malers" herbeigesehnt. Es ist mit mehr als 120.000 Likes der populärste Beitrag unter dem millionenfach aufgerufenen Post.

Andere Nutzer sparen sich die Umschreibungen und posten direkt Hitler-Bilder oder -Zitate, mit denen auf dessen angebliche Kinderliebe angespielt werden soll. In einem Reel mit über zehn Millionen Aufrufen und mehr als einer halben Million Likes heißt es: "Die Menschen, die sich selbst dabei filmen, wie sie Kinder vergewaltigen und foltern, haben die letzten 80 Jahre damit verbracht, uns zu erzählen, Hitler sei der böseste Mensch gewesen, der je gelebt hat … Lassen Sie das einmal auf sich wirken."

Laut den Expertinnen und Experten von Democ veranschaulicht das Video besonders gut den Kernmechanismus der antisemitischen Reaktionen auf den Fall Epstein: Seine Verbrechen "werden einer Gruppe zugeschrieben, die implizit als jüdisch identifiziert wird. Und der Holocaust wird als eine Täuschung dargestellt, die von derselben Gruppe begangen wurde - wodurch Hitler von einem Täter zu einer Figur gemacht wird, deren Ruf von seinen Opfern absichtlich zerstört wurde."

Der Tenor vieler weiterer Instagram-Beiträge lautet, dass wenn die Nationalsozialisten alle Jüdinnen und Juden auf der Welt vernichtet hätten, es niemals einen Fall Epstein gegeben hätte. Auch hier: Tausende Likes und Kommentare der Zustimmung.

Der Untersuchung zufolge wird dies durch die algorithmische Kommentarsortierung auf Instagram begünstigt. Zwar machten antisemitische Kommentare nur rund acht Prozent der untersuchten Stichprobe aus, sammelten dafür aber mehr als 33 Prozent aller Likes. "Dies deutet darauf hin, dass die Systeme von Instagram hochgradig interaktiven Hass systematisch in prominente Positionen rückten und ihn den Nutzern als relevante Reaktion präsentieren".

Ziel solcher Kommentare und Inhalte sei vor allem, extremistische - in diesem Fall antisemitische - Ideologien in den Mainstream zu tragen und Menschen zu erreichen, die normalerweise nicht damit in Berührung kommen würden.

"US-Regierung hält zu viel zurück"

Politik- und Religionswissenschaftler Blume befürchtet angesichts dieser Entwicklung, dass "ein Teil der Antisemiten noch radikaler und noch gewalttätiger wird" und fordert: "Es ist wirklich wichtig, dass alle Epstein Files veröffentlicht werden. Die US-Regierung hält noch immer zu viel zurück." Je mehr in dem Fall aufgedeckt und aufgeklärt werde, desto schwerer sei es, antisemitische Verschwörungsmythen aufrechtzuerhalten.

Democ fordert zudem, dass Social-Media-Plattformen gezielter gegen antisemitische sowie NS- und Hitler-verherrlichende Inhalte vorgehen und ihre algorithmischen Filter stärker auf die Erkennung von extremistischen Codes trainieren. Es sei aber auch eine Aufgabe für Politik, Bildung und Gesellschaft, antisemitische Erzählungen zu erkennen und abzubauen.

Mit Blick auf den Fall Epstein sagt Blume, er hoffe, "dass am Ende dieses ganzen Prozesses mehr Leute begriffen haben, dass wir alle Menschen sind. Und dass an dem Mythos der jüdischen Weltverschwörung nichts dran ist."

Quelle: ntv.de

VerschwörungstheorienSexueller MissbrauchJudentumAdolf HitlerUSANationalsozialismusAntisemitismusJeffrey Epstein