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Verzehnfachung der Inzidenz Lehr: Zu wenig Impfungen - Herdenimmunität kommt nicht

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In Deutschland wird es keine Herdenimmunität geben, sagt Experte Lehr.

(Foto: picture alliance/dpa/Malte Krudewig)

"Das exponentielle Wachstum ist voll im Gange", sagt Prognose-Experte Lehr. Die Impfbereitschaft sei zu gering. Er erwartet, dass sich die Spitäler wieder füllen und auch mehr Jüngere sterben. Ein neuer Lockdown ist für ihn kein Tabu.

Angesichts der aktuellen Corona-Lage sieht der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr keine Chance für das Erreichen einer Herdenimmunität in Deutschland. "Ich glaube nicht, dass sie erreichbar ist." Dafür gebe es unter anderem viel zu wenig Impfungen und Impfbereitschaft, sagte der Experte für Corona-Prognosen. Für eine Herdenimmunität und somit eine erfolgreiche Eindämmung der Pandemie müssten 85 Prozent der Deutschen geimpft oder genesen - also immun - sein.

Stattdessen sieht Lehr eine neue Welle auf Deutschland zurollen. Und die Zahlen werden jetzt weiter steigen", sagte er nach seinen Berechnungen. Wenn das Wachstum so weitergehe, wie derzeit, dann sei Ende September eine Inzidenz von 150 zu erwarten. "Wir würden also bis dahin ein Verzehnfachung der Inzidenz sehen. Das muss man schon als neue Welle bezeichnen", sagt Lehr, der zusammen mit anderen Forschern ein Covid-19-Simulationsprojekt betreibt.

"Nicht alle Maßnahmen lockern"

Eine Verlangsamung könnten sicherlich Impfungen bringen, aber die Zahl der Impfungen gehe momentan "wirklich massiv zurück", sagte er. Vor allem die der Erstimpfungen. In Deutschland ist rund die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft.

Pharmazie-Professor Thorsten Lehr steht vor einem Bildschirm mit seiner Simulation der Corona-Entwicklung. Foto: Iris Maria Maurer/dpa/Archivbild

Pharmazie-Professor Thorsten Lehr erwartet eine weiter stark steigende Inzidenz.

(Foto: Iris Maria Maurer/dpa/Archivbild)

Der niederschwellige Zugang zu Impfangeboten werde nun "ganz wichtig" sein: "Der Berg muss auch mal zum Propheten kommen." Zudem müsse man auch "in Gruppen reingehen", die noch nicht geimpft worden seien - wie die 12- bis 15-Jährigen. Zwischen 60 und 70 Prozent aller neuen Infektionen betreffen laut Lehr die 15- bis 35-Jährigen. Die ansteckendere Delta-Variante mache insgesamt fast 90 Prozent der Fälle aus. Lehr sagte, er sehe bei steigender Inzidenz eine "relativ große Gefahr, dass sich Durchbruchvarianten entwickeln könnten".

Aber: Selbst wenn das Impftempo jetzt wieder Fahrt aufnähme, würde das wegen des zeitlichen Verzugs - also bis die Impfungen voll wirkten - derzeit nicht stark weiterhelfen. "Deshalb sollten wir vor allem zusehen, dass wir nicht sämtliche Maßnahmen lockern", sagte der Experte. Man sollte Grundregeln und die Maskenpflicht beibehalten - und auf keinen Fall wie in Großbritannien alle Maßnahmen über Bord werfen. "Die Krankenhausbelegungen sind dort bereits dramatisch gestiegen. Es wird da noch drastisch werden."

Mehr Tote bei jüngeren Patienten

Auch in Deutschland rechnet Lehr mit einem erneuten Anstieg der Krankenhausbelegungen mit Covid-Patienten. "Wir sehen das schon in manchen Bundesländern." Sicherlich gebe es eine Verschiebung zu Patienten, "die nicht ganz so schnell sterben". Aber es bleibe dabei, dass sie wahrscheinlich einen schweren Verlauf haben werden. Und: Es werde auch unter den jüngeren Patienten mehr Todesopfer geben.

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Er sei für das Festhalten an der Sieben-Tage-Inzidenz als Wert für die Bewertung der Corona-Lage. Sie zeige das Infektionsgeschehen und die Viruslast in der Bevölkerung. Der Faktor der Hospitalisierung trete zeitverzögert zu den Fällen auf.

Lehr sagte, er habe bisher geglaubt, dass Deutschland ohne Lockdown durch die vierte Welle komme. "Ich bin mir inzwischen nicht sicher, ob wir nicht irgendwelche Maßnahmen brauchen." Es hänge auch sehr viel von der Politik ab. "Es ist Bundestagswahl im September. Ich glaube, die Bundestagswahl wird mit unschönen Inzidenzen in Kombination kommen."

Quelle: jwu/dpa

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