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Medizinfakultäten könnten in Zukunft mehr Bewerber in Betracht ziehen - auch jene ohne Spitzennoten.
Medizinfakultäten könnten in Zukunft mehr Bewerber in Betracht ziehen - auch jene ohne Spitzennoten.(Foto: imago/Bernhard Classen)
Dienstag, 19. Dezember 2017

Gericht könnte NC kippen: Medizinstudium auch ohne Einserschnitt

Von Lisa Schwesig

Wer Arzt werden will, braucht ein sehr gutes Abitur. Wer das nicht hat, kann Wartesemester in grauen Haaren zählen. Das könnte sich nun ändern. Verfassungsschützer entscheiden heute über die Zulässigkeit des Notenschnitts. Ein Urteil mit Signalwirkung.

Sechs Jahre und drei Monate müssen Studierende in der Regel in ihr Medizinstudium investieren, um als Arzt praktizieren zu dürfen. Gewartet haben viele aber sieben und mehr Jahre, ehe sie überhaupt einen Platz an einer staatlichen Universität bekommen. Denn wer sein Abitur nicht mit einer Note von 1,0 bis maximal 1,2 besteht, hat wenig Aussicht und muss lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Was ist der Numerus Clausus?

In den meisten Studiengängen an staatlichen Universitäten gibt es deutlich mehr Bewerber als Plätze. Daher gilt in vielen Fächern der Numerus Clausus, kurz NC. Der Name ist lateinisch und bedeutet "beschränkte Zahl". Der Begriff wird häufig synonym als Zulassungsbeschränkung verwendet.

Der NC richtet sich in jedem Semester nach der Anzahl der Bewerber und den verfügbaren Plätzen. Je mehr Abiturienten sich auf dieselbe Studienrichtung bewerben, desto höher ist der NC. Im Fach Medizin liegt er fast bundesweit bei 1,0, in Schleswig-Holstein bei 1,2.

Doch die bisherigen Zulassungsbeschränkungen - umgangssprachlich Numerus Clausus (NC) genannt - im Fach Medizin könnten fallen und den Studiengang für alle zugänglich machen, die zwar eine Begabung, aber nicht die bisher notwendige Abiturnote mitbringen. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet nun über eine mögliche Abschaffung der Zugangsberechtigung. Seit Jahren wird dagegen geklagt. Im aktuellen Fall bemängeln zwei Medizinanwärter, dass die Wartezeiten trotz Vorkenntnissen und Eignungsprüfung zu hoch seien und berufen sich auf den Artikel 12 des Deutschen Grundgesetzes. Dieser besagt: "Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen." Der NC schränkt die freie Wahlmöglichkeit aber erheblich ein - nicht nur im Fach Medizin. Sollte das Gericht das Gesetz ändern, könnte die gesamte deutsche Hochschulzulassungspraxis umgekrempelt werden.

Experten halten die generelle Abschaffung des NC aber für unwahrscheinlich. "Die Zugangsbeschränkung wird bleiben", sagt Wolfgang Hampe vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der Biochemiker hält die 1,0-Quote aber für pervertiert und plädiert stattdessen für bessere Auswahlverfahren und die Abschaffung der Wartezeitenregelung. "Wir konnten feststellen, dass 40 Prozent der Wartezeitquotler das Studium wieder abgebrochen haben", sagt Hampe. Wer sieben oder acht Jahre lang nicht ans Lernen gewöhnt ist, tue sich schwer, mit 18-Jährigen mitzuhalten.

Schauspieler zeigen, wer was kann

Die Uniklinik Hamburg hat sich daher für eine differenzierte Auswahl der Studienanwärter entschieden. Neben dem HAM-Nat - einer Art Medizinertest -, bei dem laut Hampe naturwissenschaftliche Kenntnisse auf hohem schulischem Niveau geprüft werden, führt die Kommission Gruppeninterviews durch. "Dabei bewerten Juroren das Verhalten der Bewerber anhand vorgegebener Kriterien", erklärt Hampe. Die Studieninteressenten treffen in einem spontanen Rollenspiel auf Schauspieler und müssen dann beispielsweise einer dementen Person eine analoge Uhr erklären. Das Ergebnis: "In solchen Situationen sagen die Bewerber eher das, was sie wirklich denken und nicht das, was wir ihrer Meinung nach hören wollen", erklärt der Professor.

Prof. Dr. Wolfgang Hampe ist am Lehrstuhl für Biochemie und Molekulare Zellbiologie in Hamburg-Eppendorf tätig.
Prof. Dr. Wolfgang Hampe ist am Lehrstuhl für Biochemie und Molekulare Zellbiologie in Hamburg-Eppendorf tätig.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Aufwand, den solche Interviews und Tests mit sich bringen, ist enorm und kann nicht von allen staatlichen Unis gestemmt werden. 60 Prozent der Plätze werden dennoch an Bewerber vergeben, die gut in den Auswahlverfahren abgeschnitten haben. 20 Prozent der Plätze werden nach Abiturnote vergeben und 20 Prozent der Studierenden bringen die ausreichenden Wartesemester mit. Zuletzt bewarben sich etwa 60.000 Interessierte auf 10.000 Medizinstudienplätze. Für Hampe ist das ein "krasses Missverhältnis".

Um ihre Chancen zu verbessern, ergreifen Medizinanwärter teilweise extreme Maßnahmen. Einige heiraten oder bekommen Kinder, um ihre Wartenummer künstlich nach oben zu treiben. Andere absolvieren bis zu drei Berufsausbildungen in medizinischen Bereichen, werden Krankenpfleger, Rettungssanitäter oder Medizintechniker. Wechseln sie dann ins angestrebte Medizinstudium, gibt es in diesen Branchen Engpässe. Zudem gehören Berufserfahrungen längst zum Standard der Wartenden und sind kein Garant mehr für einen schnelleren Studienbeginn. "Man kann pauschal sagen, dass jemand mit einer Abiturnote von 2,4 und einer Ausbildung trotzdem 14 Semester warten muss", sagt Hampe. Er rät jenen mit einem 2er-Abitur, ihren Berufswunsch zu überdenken.

Weder Streber noch Nerd

Für Hampe ist die Abiturnote noch immer das beste Instrument, um einen Studienerfolg vorherzusagen. "Wir sehen, dass Leute mit einem guten Abitur seltener das Studium abbrechen." Bei Abiturienten mit einem 1,0er-Schnitt handele es sich nicht um sozialinkompetente "Nerds", entkräftet Hampe mögliche Vorurteile. "Wer intelligent ist, ist meist auch beliebt und kann gut mit Menschen umgehen." Dennoch beklagt er, dass die Unterschiede zwischen den Bundesländern und den Generationen in Bezug auf die Abiturnoten zu groß seien und keine Vergleichbarkeit sicherten.

Eine pauschale Erhöhung der Medizinstudienplätze sei trotz der hohen Nachfrage und des stundenlangen Wartens in deutschen Sprechzimmern keine Lösung. Pro Medizinstudent entstünden dem Staat Kosten von 200.000 Euro für zwölf Semester. Die meisten Bundesländer wollen das nicht ausgeben, sagt Hampe. "Wir müssten also alle bereit sein, das zu zahlen."

Quelle: n-tv.de