Wenn die Gondeln Trauer tragenMeloni versinkt im Kultur-Chaos der Lagune
Von Udo Gümpel, Venedig
Die Fetzen fliegen im rechten Lager der Meloni-Koalition in Italien. Es ist eine echte Schlammschlacht, jeder gegen jeden. Entzündet hat sich der Streit - alleine im Meloni-Lager und unter Meloni-Getreuen - um die Kunstbiennale von Venedig, die am Samstag offiziell eröffnet wird.
Was als Schaufenster der neu-rechten Kultur Italiens geplant war - das Ende der Herrschaft der Links-Woken über Kunst und Kultur - ist zum offen ausgetragenen Ringkampf ausgeartet, vor allem unter Rechten: Zwischen Alt-Kameraden aus der Zeit der neofaschistischen Jugendorganisation "Fronte della Gioventù" und des MSI, der Nachfolgepartei der Mussolini-Anhänger nach 1945. Einer Partei, in der Giorgia Meloni politisch groß wurde, wie auch ihre Schwester Arianna, FdI-Parteisekretärin, deren Ex-Ehemann Francesco Lollobrigida, Landwirtschaftsminister, sowie der ganze Führungskreis der Fratelli d'Italia.
Der Anlass der rechten Schlammschlacht ist die Entscheidung des Biennale-Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco, ebenfalls in "Fronte della Gioventù" groß geworden, den russischen Pavillon wiederzueröffnen. Die Kommissarin des russischen Pavillons, Anastasia Karnejewa, Tochter eines ehemaligen Generals des russischen Geheimdienstes, arbeitet eng mit Ekaterina Winokurowa zusammen, ihres Zeichens Tochter des Außenministers Sergei Lawrow. Mehr Sumpf, mehr Verquickung, mehr Putin-Nähe geht kaum noch.
Die Europäische Union wertete dies als klaren Verstoß gegen die Sanktionsregeln. Aus Brüssel kam umgehend ein Brief, dass man Fördermittel in Höhe von zwei Millionen Euro für die nächsten drei Jahre streichen werde, wenn Russlands Pavillon geöffnet werden würde. Brüssel ließ der Biennale 30 Tage Zeit, den Pavillon wieder zu schließen - die Frist wird mit der Eröffnung verstrichen sein.
Drinnen Putin-Getreue
Auch die fünfköpfige internationale Jury der Biennale hatte die Russen an der Lagune als politischen Affront gewertet, die in den Tagen des "Pre-Opening" den Pavillon schon geöffnet halten. Draußen stehen schwerbewaffnete Hundertschaften der Polizei, drinnen kommandieren die Putin-Getreuen.
Die Jurorinnen und Juroren beschlossen darauf einstimmig, diejenigen Pavillons nicht bei der Preisverleihung zu berücksichtigen, deren Länder Regierungschefs haben, gegen die der internationale Strafgerichtshof in Den Haag Haftbefehle wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen hat: also Israel und Russland. Als Reaktion darauf reichte die Biennale-Jury geschlossen ihren Rücktritt ein.
Eines ist sicher: So hatte sich Giorgia Meloni die Eroberung der Kulturhoheit und die Vertreibung der "gender-affinen Linkswoken" aus den Tempeln der Kultur sicher nicht gedacht.
Dabei war es zu Anfang doch so gut gelaufen, die Deutungshoheit im Fernsehen hatte man schnell erreicht. Die Hälfte der italienischen Haushalte schaut Sender des Berlusconi-Fernsehens, in dem die Berlusconi-Partei Forza Italia tonangebend ist. Das Staatsfernsehen RAI selbst steht unter direkter Kontrolle der Parlamentsmehrheit. Es gibt sogar eine "Kontrollkommission des Parlamentes über die RAI" - das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Das Parlament kontrolliert die Journalistinnen und Journalisten. Eigentlich sollte es andersherum laufen - aber eben nicht in Italien.
Stürzen wird Meloni über den Kulturkampf nicht. Dafür ist ihre Parlamentsmehrheit zu sicher: Mit 43,79 Prozent der Stimmen gewann sie 237 von 400 Sitzen, dank eines für sie günstigen Wahlrechts.
Das Problem ist nun aber: Wenn man die Kultur beherrschen will, deren Sprache aber nicht spricht, dann gibt es Stress. Wenn Leute allein wegen ihrer Parteitreue, der gemeinsamen Vergangenheit in der - damals - neofaschistischen MSI und Fronte della Gioventu auf Spitzenpositionen befördert werden, ihr Metier aber allein rein technisch nicht verstehen und sich dann auch noch ungehorsam zeigen. Venedig ist schließlich nicht irgendeine Stadt, sondern Weltkulturerbe und Sitz der Biennale der Künste.
In Venedig bricht das System rechten Kunst- und Kulturmanagements jedoch gerade zusammen, nicht einmal die Getreuen gehorchen noch. Der italienische Kulturminister Alessandro Giuli versuchte verzweifelt, seinen alten Freund Buttafuoco von der neuen Linie Melonis zu überzeugen. Das Gespräch der beiden können wir uns so vorstellen: "Lieber Pietrangelo, wir müssen jetzt einfach ein bisschen Kreide fressen, also gehorche und schließ den Putin-Pavillon." "Nitschewò. Nix da."
Und wer springt Putin-Verteidiger Buttafuoco sofort zur Seite? Natürlich Matteo Salvini, Anführer der rechtsnationalen Lega, uralt-Verehrer Putins. Uneiniger kann man kaum noch sein.
In Venedig hatte Melonis Kulturkampf bereits vor wenigen Tagen eine schwere Niederlage erlitten. Die von Melonis Leuten im hochangesehenen Theater La Fenice als Chefdirigentin berufene Beatrice Venezi hatte man am 26. April entlassen müssen. Venezi, eine Dirigentin ohne bemerkenswerte internationale Erfahrung, die vom gesamten Orchester und dem Chor einhellig wegen mangelnden Könnens abgelehnt worden war und über die die deutsche "Opernwelt" schrieb, ihre Berufung habe sicher keine künstlerischen Gründe gehabt, hatte sich als "rechte Dirigentin" medial profiliert. Doch als Venezi anfing, Theater, Chor und Orchester Vetternwirtschaft vorzuwerfen, war es für die Meloni-Leitung genug - sie wurde entlassen. Die Nachricht der Entlassung feierten Publikum und Orchester bei einer Lohengrin-Aufführung frenetisch.
Als "rechts" zu gelten, gute Beziehungen zur Meloni-Familie zu haben, oder alte MSI-Bande, sind eben doch kein hinreichendes Kriterium, um eine Kultureinrichtung zu leiten oder ein Orchester zu dirigieren.
Nun kippt die Stimmung in Italien natürlich nicht nur wegen der Kultur. Das Biennale-Desaster zeigt aber deutlich, wie zerstritten die Regierung ist und wie unfähig viele der politischen Günstlinge sind, die gerade in der Kultur eingesetzt worden sind. Auch wirtschaftlich läuft es nicht, trotz der 200 Milliarden EU-Hilfe des NGEU-Geldtopfes für Italien, der in diesem Jahr ausläuft.
Aufs falsche Pferd gesetzt
Meloni hat zu lange auf die falschen Pferde gesetzt: Trump und Orban. Orban ist weggefegt worden und Trumps tägliche Pöbeleien gegen den Papst kommen in Italien gar nicht gut an. Die Zolldrohungen gegen Auto-Importe treffen auch Italiens Wirtschaft brutal, ist Italien doch der Zulieferer Nummer eins der deutschen Autowerke.
Die Stimmung kippt. Die beiden größten Oppositionslager Italiens, Linkspartei, Grüne und 5-Sterne-Bewegung, würden nach den jüngsten Umfragen in diesen Anfangstagen der Biennale das erste Mal seit vier Jahren bei der Sonntagsfrage vor dem Meloni-Lager liegen.
In Venedig hat der am Präsidentensitz festgetackerte Präsident Buttafuoco entschieden, dass der Biennale-Preis, der eigentlich zu Beginn von der Jury vergeben wird, von den Besuchern bestimmt werden soll. Wie, weiß keiner. Kulturminister Giuli boykottiert die Eröffnung und die Rechts-Koalition im Rathaus von Venedig befürchtet, die Mehrheit in der Stadt bei den Kommunalwahlen in drei Wochen so gut wie sicher zu verlieren.
Glücklich sind nur die Russen in ihrem Pavillon, sie sagen: "Danke, Italien, für die Unterstützung."