Panorama

Essener Uniklinik im Coronamodus "Nicht in drei Wochen Intensivpflegekraft"

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Das Personal auf der Intensivstation kann trotz der Lage immer noch ein wenig lächeln.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit Wochen bereitet sich das Uniklinikum Essen auf schwerkranke Covid-19-Patienten vor. Der ärztliche Direktor der Universitätsmedizin, Jochen Werner, hat in dieser Zeit jede Menge umorganisiert und hofft, dass alle Patienten gut versorgt werden können. Für alle Mitarbeiter werden die kommenden Wochen ein Kraftakt.

ntv.de: Befinden wir uns noch in einer beginnenden Pandemie-Situation oder stecken wir da bereits mitten drin?

Jochen Werner: Die Einschätzung darüber, wo wir uns genau befinden, würde ich am liebsten Epidemiologen oder Virologen überlassen. Wir versorgen hier mitten im Ruhrgebiet täglich mehr Patienten. Ich habe das Gefühl, dass wir auf jeden Fall in der aufsteigenden Kurve sind. Wo genau, kann ich nicht sagen.

Welche Anpassungen haben Sie an der Uniklinik Essen für die zu erwartende Erkrankungszeit vorgenommen?

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Der ärztliche Direktor der Universitätsmedizin Essen, Jochen Werner, kümmert sich schon seit Wochen um die Organisation rund um die Covid-19-Erkrankten.

Wir haben schon die geplanten, aber nicht dringenden Eingriffe ausgesetzt, bevor Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit diesem Anliegen an alle Geschäftsführer der deutschen Krankenhäuser geschrieben hat. Das ist jetzt drei Wochen her und es hat einen großen Umstrukturierungsprozess gegeben. Wir sind ein Unternehmen mit 1700 Betten. Aber durch den zeitlichen Vorsprung konnten wir sehr gut Bereiche freiziehen, die jetzt komplett für Covid-19-Patienten genutzt werden können. Wir konnten außerdem andere Bereiche für die Patienten definieren, die wir weiter behandeln wollen und müssen. Zudem haben wir die Zentrale Notaufnahme deutlich erweitert, weil immer wieder Patienten selbst kommen. Für diese Patienten haben wir einen eigenen Zugang geschaffen, damit wir unsere Abläufe gut strukturieren können. Das hilft uns zu differenzieren: Welche Patienten können wir schnell versorgen und dann wieder nach Hause schicken? Wo sind weitere Abklärungen erforderlich, bis hin zur notwenigen stationären Aufnahme?

Inwieweit haben Sie denn Ihre Beatmungskapazitäten ausgebaut?

Glücklicherweise haben wir noch weitere Beatmungsgeräte beschaffen können und haben jetzt zusätzlich eine 22-Betten-Station aufgebaut, die wir jetzt belegen können. Momentan ist sie noch verschlossen und wird in Betrieb genommen, wenn die Patienten kommen. Man darf bei der Diskussion um Beatmungsmaschinen jedoch nicht vergessen, dass es sich ja nicht nur um ein Beatmungsgerät handelt, sondern um zusätzliche Gerätschaften und vor allem darum, dass man auch kompetentes Pflegepersonal dafür braucht.

Haben Sie das?

Ja und wir haben die Zeit auch genutzt, um Personal zu schulen. Natürlich wird man nicht in drei Wochen zu einer erfahrenen Intensivpflegekraft, aber man kann zur Hand gehen und unterstützen. Der Pflegenotstand der vergangenen Jahre ist jetzt trotzdem nicht einfach beseitigt. Deshalb müssen wir mit den vorhandenen Kräften sorgsam umgehen und dürfen sie nicht überlasten.

Haben Sie denn Möglichkeiten gefunden, zusätzliches medizinisches Personal zu gewinnen?

Aktuell haben wir 500 Medizinstudierende, die sich bei uns gemeldet haben und uns unterstützen wollen. Diese werden wir, so gut es geht, hier einbinden. Dann gibt es eine Reihe von Medizinstudierenden, die eine Pflegeausbildung haben, manche sind sogar ausgebildete Intensivpflegekräfte. Diese versuchen wir natürlich adäquat im Bereich der Pflege einzusetzen, also je nach Kenntnisstand. Zudem haben wir Ärztinnen und Ärzte registriert, die sich von außerhalb der Uniklinik gemeldet und Unterstützung angeboten haben. Schließlich gibt es auch weitere Pflegekräfte von außerhalb, die bereit sind, uns zu unterstützen. Da sind wir im Registrierungsprozess und schulen auch schon Personen. Aber noch sind wir in der Vorbereitungsphase, in zwei oder drei Wochen sieht das wahrscheinlich schon anders aus.

Was lernen Sie von Kollegen in den anderen Ländern, was den unmittelbaren Umgang mit den Covid-19-Patienten angeht?

Dort gibt es natürlich Situationen, von denen jeder sagt, das kann bei uns nicht eintreten. Wir versuchen alles dafür zu tun, dass diese Situationen tatsächlich nicht eintreten. Das Problem ist, dass wir trotzdem vor dem Problem stehen könnten, zu entscheiden, wer einen Beatmungsplatz bekommt und wer nicht. Das ist etwas, was gerade die Ärzte enorm umtreibt. Zumal die Patienten eine ganze Zeit an der Beatmung bleiben. Wir haben ja Kontakte über die Grenzen hinweg und hören sehr genau, wie es anderswo ist. In unserer Einsatzzentrale, die jeden Tag zusammenkommt, werden diese Informationen auch ausgetauscht. So können sich alle Mitarbeitenden bestmöglich vorbereiten.

Wo wird es denn bei der Beschaffung von medizinischem Gerät oder Schutzausrüstung schwierig?

Also, wenn uns jemand sagen kann, wo es noch Beatmungsgeräte gibt, sind wir sofort interessiert. Wir kümmern uns auch weiter darum. Aber im Moment ist der Markt extrem dünn versorgt. Bei Schutzausrüstungen war es auch sehr angespannt, gerade, was Mund-Nasen-Schutz und Schutzkittel betrifft. Da sind wir jetzt für den Moment einigermaßen versorgt. Wir haben Material für einige Zeit, aber manchmal fehlen einzelne Materialien, die uns unter Umständen schneller an den Rand des Möglichen bringen. Es ist ein globaler Wettstreit um diese Materialien entbrannt, auch mit den USA, die ja gerade besonders stark betroffen sind. Wir haben eine hochengagierte Einkaufsabteilung, die den ganzen Tag damit beschäftigt ist. Es gibt natürlich viele unseriöse Angebote. Für uns erweist sich einmal mehr, dass langjährige Partner auch die höchste Verlässlichkeit haben.

Sie sind seit 2015 an der Essener Uniklinik und haben Zahlen für Ihren Normalbetrieb. Können Sie die wirtschaftlichen Folgen schon übersehen?

Schon die jetzige Umstrukturierung unseres Uniklinikums auf eine deutlich intensivierte Beatmungs- und Versorgungsmedizin für schwer erkrankte Covid-19-Patienten hat enorme wirtschaftliche Auswirkungen. Wir sagen natürlich jetzt zudem andere Eingriffe ab. Die Universitätskliniken sind schon bisher im Nachteil gewesen, weil wir 24/7 eine Infrastruktur für jede mögliche Komplikation vorhalten. Das hätte schon in der Vergangenheit besser vergütet werden müssen, aber jetzt kommen wir in eine Situation, in der offensichtlich wird, dass die Unikliniken ein ganz wesentlicher Anker für die Gesundheitsversorgung von Schwerstkranken sind. Und die Forschung kann man auch nicht reduzieren, auch wenn das jetzt gefordert wird. Denn die anfallenden Daten sind eine mächtige Waffe im Kampf gegen das Virus. Gerade kümmern wir uns darum, dass die Menschen, die uns anvertraut werden, möglichst wieder gesund werden. Wir sind nicht verschwenderisch, aber Schutzmaterialien sind deutlich teurer. Das muss man irgendwann abrechnen. Da gibt es nur den Ausweg, dass Unikliniken anders abgerechnet werden als andere Krankenhäuser.

Mit Jochen Werner sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de