Panorama

Nickelhauptstadt in Sibirien Norilsk - kalt, einsam und furchtbar schmutzig

imago0085725797h.jpg

In Norilsk wird es so kalt, dass alle Versorgungsleitungen oben verlegt wurden und nicht im Boden.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Im Juni bringt eine Ölpest die russische Polarstadt Norilsk in die Schlagzeilen. Danach wird klar: Der größte Arbeitgeber der Region, Nickelproduzent Nornickel, nimmt es mit Umweltschutz nicht so genau. Und hat großen Anteil daran, dass Norilsk als schmutzigste Stadt Russlands gilt.

Norilsk ist eine unbekannte, aber außergewöhnliche Stadt. 1935 wurde sie auf den Reißbrettern der Sowjetunion entworfen, um die Bodenschätze zu erschließen, die unter den Nordwestausläufern des Mittelsibirischen Berglandes schlummern. Heute hat Norilsk knapp 180.000 Einwohner. Der Ort ist eine der kältesten Städte der Welt: Im langen Winter liegen die Durchschnittstemperaturen hier bei minus 25 Grad Celsius.

Und eine der einsamsten Städte ist Norilsk auch, fast 3000 Kilometer trennen die Stadt von Moskau im Westen. Fast 4000 Kilometer sind es nach Wladiwostok im Osten. Etwa 400 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt sie in der sibirischen Tundra. Eine lange Autofahrt, wenn Norilsk auf dem Landweg zu erreichen wäre. Aber die Industriestadt ist "leider wie eine Insel nur mit dem Flugzeug zu erreichen oder im Sommer mit dem Schiff", sagt Dorothea Wehrmann, die am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) zu arktischen Städten forscht, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

imago0077403011h.jpg

Viele Fassaden wurden bunt gestaltet, um Farbe in die Tristesse zu bringen.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Aber selbst mit dem Flugzeug oder dem Schiff ist die Einreise ungewöhnlich kompliziert, denn freien Zugang zur Stadt haben nur russische und weißrussische Staatsbürger. Alle anderen brauchen eine Genehmigung, seit 2001 gilt Norilsk als sogenannte geschlossene Stadt. "Offiziell wurde die Arbeitsmigration als Grund angeführt", sagt Wehrmann. Inoffiziell wollte man vielleicht einfach nicht so viele fremde Menschen in der Stadt sehen, denn Norilsk gilt laut der Arktis-Expertin als "schmutzigste Stadt Russlands und als eine der schmutzigsten der Welt". Das hat mit dem größten Arbeitgeber der Region zu tun, Nornickel.

Zwei Katastrophen in einem Monat

Nornickel ist der weltgrößte Nickelproduzent und eines der profitabelsten Unternehmen Russlands. Im vergangenen Jahr blieben von 13,6 Milliarden Dollar Umsatz fast 6 Milliarden Dollar Gewinn übrig - nach Steuern. Von den knapp 180.000 Einwohnern in Norilsk sind fast 80.000 in den Minen und Fabriken des Industriegiganten beschäftigt.

2020-06-05T104303Z_1926035601_RC2Y2H9T6GZF_RTRMADP_3_RUSSIA-POLLUTION.JPG

Satellitenbilder zeigen die Verschmutzungen im Fluss Ambarnaja.

(Foto: via REUTERS)

Aber mit der Sauberkeit nimmt es Nornickel offensichtlich nicht so genau: Anfang Juni wurde bekannt, dass aus einem Kraftwerk des Unternehmens 20.000 Tonnen Öl ausgetreten und in zwei Flüsse geflossen sind. Unbemerkt - in Moskau wusste niemand, was sich schon Ende Mai in Norilsk ereignet hat. "Sind Sie noch ganz richtig im Kopf?", platzte es aus dem russischen Präsidenten Wladimir Putin heraus, als er den Regionalgouverneur und die Unternehmensführung in einer öffentlichen Videokonferenz zur Rede stellte. Experten sprechen von der größten Ölkatastrophe in der russischen Arktis.

imago0079588023h.jpg

Auch im sommerlichen Norilsk geht man am See baden - zwischen Versorgungsleitungen, Kraftwerken und Autos.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Nur einen Monat später geriet das Unternehmen erneut in Erklärungsnot: Gemeinsam mit Umweltschützern und einem ehemaligen Behördenmitarbeiter fand die regierungskritische Zeitung "Nowaja Gaseta" heraus, dass Nornickel in der Region hochgiftiges Abwasser in Flüsse und Seen leitet. Mutmaßlich schon jahrelang, denn die Folgen seien bereits deutlich sichtbar, sagt Dorothea Wehrmann: "Es stehen tote Bäume in der Region, manche sind gelb-orange gefärbt. Es wächst einfach nichts mehr. Tiefer im Wald findet man auch größere, übel riechende Tümpel, die darauf schließen lassen, dass das nicht zum ersten Mal praktiziert wurde."

Anders als bei dem Ölleck Ende Mai übernahm der Kreml bei der zweiten Umweltkatastrophe erst einmal die Nornickel-Version. Die hochgiftigen Abwässer mussten angeblich in die Tundra geleitet werden, um eine Überschwemmung des Absetzbeckens zu verhindern. In diesen künstlich angelegten Reservoiren werden im Bergbau Abwässer abgeleitet.

imago0085725778h.jpg

Der Übergang von Wohn- zu Abbaugebiet ist fließend.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

"Feind Nummer eins des Nordens"

Auf dem Bildmaterial der Journalisten und Umweltschützern waren aber keine Rohre zu erkennen, die eilig verlegt worden waren, um einen Notfall zu verhindern. Die Videos zeigten eine dauerhafte Einrichtung. Später räumte Nornickel einen Fehler ein und stoppte die Abwasser-Entsorgung. Die russische Umweltaufsicht erwartet deshalb eine "freiwillige Kompensationszahlung" von umgerechnet rund 1,8 Milliarden Euro.

Wie lassen sich solche Umweltverbrechen jahrelang verstecken? Das liege vor allem an den Kungeleien zwischen den Behörden und dem Konzern, berichtet die "Nowaja Gaseta". Nornickel sei "schon viele Jahrzehnte der Feind Nummer eins des Nordens". Oder besser gesagt, Wladimir Potanin, der reichste Mann Russlands und Präsident von Nornickel. Ein sehr einflussreicher Oligarch, dem auch sehr enge Verbindungen zu Wladimir Putin nachgesagt werden, erzählt Wehrmann. "Und dadurch, dass vor allem ehemalige Manager in der Stadtverwaltung von Norilsk arbeiten, ist der Einfluss des Unternehmens natürlich sehr hoch in der Region."

imago0096689765h.jpg

Natürlicher Aggregatzustand: Winter mit Eis und Schnee.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Trotz dieser lebensfeindlichen Bedingungen in Norilsk gilt Nornickel als einer der beliebtesten Arbeitgeber Russlands. "Es werden vergleichsweise hohe Gehälter gezahlt", sagt Wehrmann. "Das motiviert die Menschen, dort für längere Zeit zu leben." Und 90 Urlaubstage im Jahr, ausgiebige Sozialleistungen und eine Rente ab 45 Jahren helfen sicherlich genauso. Auch wenn die Temperaturen an besonders kalten Tagen im neun Monate langen Winter auf unter minus 40 Grad fallen und es die Sonne in der fast zwei monatigen Polarnacht nicht mehr über den Horizont schafft.

*Datenschutz

Alle Folgen von "Wieder was gelernt" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Wie hat sich die Raumfahrt seit der Shuttle-Ära verändert? Wie sieht der Zoo der Zukunft aus? Und wie meistert Afrika die Corona-Krise? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de