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Offene Beziehungen im AlltagWie die Liebe mit mehreren gelingt

01.03.2026, 17:43 Uhr 9B4A6383-1Von Lauren Ramoser
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Manche Paare denken über eine Öffnung ihrer Beziehung nach. Wann ist Platz für eine dritte Person? (Foto: dpa)

Polyamorie, also die Liebe mehrerer, stellt das klassische Beziehungsmodell infrage. Das kann herausfordernd sein, aber auch Freiheit bringen. Eine Sexualtherapeutin erklärt, wie die offene Beziehung funktioniert.

Offene Beziehungen klingen verrucht, ungebunden, wie der letzte Versuch als Paar einen gemeinsamen Weg zu finden. In der breiten Öffentlichkeit sind sie verpönt, dabei erfordern sie eigentlich viel mehr Kommunikation und Nähe als eine monogame Beziehung, sagt die Schweizer Paartherapeutin Dr. Ursina Donatsch. In ihrem Buch "Verbunden und trotzdem frei" will sie über Vorurteile aufklären und Interessierten einen Ratgeber an die Hand geben.

"Das ist eine der stärksten Mythen, der immer noch mitspielt, dass alle in offenen Beziehungen machen können, was sie wollen und einfach Sex haben können, mit wem sie gerade Lust haben", erklärt Donatsch. Von der Realität offener Beziehungen könnte das in den meisten Fällen kaum weiter entfernt sein. Dabei kommt es aber vor allem auf die Art der Beziehung an, denn Gestaltungsmöglichkeiten gibt es viele.

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Das Wort Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort "poly" für viel und dem lateinischen Wort "amor" für Liebe zusammen und meint die gleichzeitige Liebe mehrerer Personen, die alle voneinander wissen. "Die gängigsten Modelle sind sicherlich zum einen die sexuell offenen Beziehungen, also einfach aus einer monogamen Beziehung eine sexuelle Offenheit zu kreieren", erklärt die Sexualtherapeutin. "Deutlich seltener ist das Polyamore, also wirklich mehrere Partner zu wollen. Am häufigsten entsteht das noch aus einer offenen Beziehung." Als drittes nennt Donatsch "das Swinging" als verbreitete offene Beziehung, also den klassischen Partnertausch im sexuellen Sinne.

Großes Thema, aber selten gelebt

Studien zeigen, dass all diese Beziehungsformen eher selten sind. Daten der GeSid-Studie, der ersten bundesweiten wissenschaftlichen Befragung zu Gesundheit und Sexualität des Instituts für Sexualforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigen, dass in Deutschland derzeit nur etwa ein bis zwei Prozent der Befragten in einer nicht monogamen Partnerschaft leben - dazu gehören offene und polyamore Beziehungen.

Eine repräsentative Parship-Studie unter rund eintausend Befragten in Deutschland zeigt: 27 Prozent können sich eine polyamore Beziehung grundsätzlich vorstellen, tatsächlich gelebt haben sie aber nur 10 Prozent. Rund 72 Prozent der Deutschen lehnen eine offene Beziehung laut einer Civey-Umfrage hingegen gänzlich ab.

Dass so viele Menschen eine offene Beziehung kategorisch ablehnen, sei historisch begründet. Zwar ist das Beziehungsmodell nicht neu, es wurde aber in den christlich geprägten vergangenen Jahrhunderten mit der starken Fokussierung auf die Ehe zwischen Mann und Frau, lange verteufelt und nicht offen gelebt.

Offene Beziehung braucht mehr Kommunikation

Wer sich dennoch für eine offene Beziehung entscheidet, sollte sich allein und im Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin über die Motive bewusst werden, sagt Donatsch. "Meistens liegt hinter dem Wunsch nicht der gleiche Grund. Wenn sich der eine Partner die offene Beziehung aus sexuellen Gründen wünscht und der andere aus emotionalen Gründen, weil er mehr Menschen in seinem Leben nahe sein möchte, ist das ein riesiger Unterschied", erklärt die Therapeutin.

Zu Beginn jeder offenen oder polyamoren Beziehung sollte daher eine Menge Kommunikation stehen, damit sich der jeweils andere nicht bedroht fühlt. Je besser man den Wunsch nach einer Öffnung begründen kann, desto leichter kann man Ängste des anderen auffangen.

"Das ist eben diese Unverbindlichkeit, die man den nicht monogamen Beziehungen zuschreibt oder sich auch erhofft", sagt Donatsch. "Das ist absolut ungerechtfertigt, denn es ist sogar das Gegenteil. Es braucht viel mehr Verbindlichkeit als in monogamen Beziehungen, denn der Rahmen der Monogamie fehlt." Das Paar müsse alle Elemente neu miteinander besprechen und verhandeln. "Das macht es sehr, sehr verbindlich", sagt die Therapeutin.

Wer profitiert von der offenen Beziehung?

Vor dieser Herausforderung stehen viele Paare, die sich für eine offene Beziehung interessieren, denn es gebe kaum Vorbilder für erfolgreiche Modelle im sozialen Umfeld, so die Therapeutin. "Noch dazu gibt es viel Stigmatisierung und Vorurteile, die dem Paar begegnen." Wer es dennoch versuchen möchte, sollte aktiv auf die Suche nach Vorbildern, Literatur oder Anleitungen gehen, um sich aktiv zu informieren und nicht nur von der Sorge aus dem direkten Umfeld leiten zu lassen.

"Man sollte das als eine Reise verstehen", empfiehlt Donatsch. "Der Weg ist das Ziel." Es sei wichtig, die Flexibilität zu behalten, im Zweifel auch zurückzurudern oder andere Vereinbarungen zu treffen, wenn sich ein Partner oder eine Partnerin unwohl fühlt. "Ein offenes Modell löst Gefühle wie Eifersucht oder Verlustangst per se aus", sagt die Therapeutin. Diese Momente des Reflektierens würden aber nicht zwangsläufig bedeuten, die offene Beziehung sei gescheitert. Viel mehr bedeute es, dass das Paar mehr Kommunikation oder auch andere Regeln brauche. "Kann ich mich auf die Vereinbarung verlassen", sagt Donatsch, sei die konkrete Frage, die man mit einem sicheren Ja beantworten sollte.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Idee, mit einer offenen Beziehung neue Impulse in einer kriselnden monogamen Beziehung zu setzen, funktioniert nicht. "Das ist eine ganz schlechte Ausgangslage. Da braucht es zunächst Heilung und ein Hinschauen", erklärt Donatsch.

Neue Impulse in einer routinierten Beziehung lassen sich hingegen sehr gut durch eine Öffnung hin zu anderen Menschen - ob romantisch oder sexuell - setzen. "Wenn ein Paar merkt, wir sind viele Jahre zusammen und es ist uns langweilig geworden und wir möchten neue Impulse, dann ist das eine mögliche Ausgangslage", sagt die Paartherapeutin. "Wenn man zum Beispiel erkennt, dass etwas fehlt, zum Beispiel eine sexuelle Vorliebe unerfüllt bleibt, dann kann man diskutieren, ob das ausgelagert werden kann", erklärt sie. Die Rahmenbedingungen müssten allerdings klar formuliert werden und beide müssen einverstanden sein.

Kommunikation ist also das A und O einer offenen Beziehung. Wer keine Lust auf mehr Beziehungsgespräche hat, sollte bei einer monogamen Partnerschaft bleiben, "in der man sich zurücklehnen kann in den sicheren Raum", so Donatsch. Eine neue offene Beziehung sei immer auch ein Entwicklungsprozess, könne aber auch ein neues Gefühl der Freiheit auslösen.

Quelle: ntv.de

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