Wenn ein Zuhause versteigert wirdOtto und Monika Sanders Nachlass - Zeit für Melancholie
Sabine Oelmann
Diese Wohnung war Treffpunkt von Schauspielern, Musikern, Künstlerinnen, Freunden - ein Kosmos voller Geist, Humor und dieser eigentümlichen Berliner Mischung aus Tiefsinn und Lässigkeit. Am 5. Dezember werden Werke aus Monika Hansens und Otto Sanders Nachlass versteigert.
Wenn die Eltern sterben, bleiben Dinge übrig. Dinge, die man schon immer haben wollte. Dinge, die wertvoll sind. Dinge, die nur Wert für einen persönlich haben. Und Dinge, die man auf keinen Fall übernehmen möchte. Auf jeden Fall ist es ein kräftezehrender, trauriger, manchmal aber auch lustiger Vorgang, die Wohnung oder das Haus der Eltern "aufzulösen". Erinnerungen kommen hoch - gute, schlechte, anstrengende, vergessene.
Der Ort, der die Kindheit war, wird in den meisten Fällen dann nicht mehr vorhanden sein, der Ort, der das alte Zuhause war, ist unwiederbringlich verloren. Man wohnt, im besten Fall, schließlich schon lange nicht mehr bei den Eltern, hat sein eigenes Leben.
Kommen und gehen, behalten und geben
Zum Abschied lässt man jedoch alles noch einmal durch die Hände gleiten: Kleidung, Briefe, Fotos, Kunst, Möbel. "Brauchst du den Sessel?" könnte man seinen Bruder fragen, denn man selbst hätte gern Beistelltische und Kristallgläser. Was nicht gewollt wird, wird entrümpelt. Oder verschenkt- an Kinder und Freunde. Oder, wenn es sich um wertvolle Dinge handelt, die man aber trotzdem nicht in der eigenen Erbmasse benötigt, dann werden die Dinge schließlich versteigert.
Wie im Fall des Künstler-Paares Monika Hansen-Sander und Otto Sander. Ihre beiden Kinder, Meret und Ben Becker, haben diesen Prozess des Aussuchens hinter sich gebracht und alles, was keinen Platz bei ihnen hat, in die Hände des "Auktionshaus am Grunewald" gegeben. "In diesem Nachlass vereinen sich Geist, Haltung und Geschichte einer Familie, die für Berlin steht", so Lena Winter vom Auktionshaus. "Es ist uns eine Ehre, diesen Ort der Erinnerung und Inspiration noch einmal erlebbar zu machen, bevor seine Kunstwerke neue Wege gehen."
Denn es gibt diese Wohnungen, die eben noch mehr sind als nur vier Wände. Wie die Wohnung der Sanders in der Jenaer Straße 6 - dort herrschte eine locker, ungezwungene Atmosphäre, "aber durchaus mit Regeln", wie Ben Becker bei der Vorbesichtigung der Kunstwerke, die sich ntv.de nur zu gern angeschaut hat, verriet.
Monika, Otto, Meret, Ben
Ben und Meret sind in einer Welt groß geworden, die Berliner Kulturgeschichte atmet: Theater, Kino, Maler; Artisten, Schauspieler, Regisseure, Autoren gingen ein und aus, die kleine Meret und der junge Ben von Anfang an mittendrin. Monika brachte die Kinder mit in die Beziehung, und Otto wurde der beste Stiefvater, Mentor, Vertrauter, den sich Kinder nur wünschen konnten: Großzügig - wie Monika - offen, bestimmt manchmal auch streng, aber immer liebevoll. So der Eindruck, den die Geschwister hinterlassen, wenn sie über ihre Eltern und ihr Aufwachen in dieser Wohnung, in diesem Zuhause, erzählen.
Streiten war wichtig
Ein Zuhause war die Sander-Hansen'sche Wohnung auch immer für andere, wer diesen Ort betrat, spürte sofort: Hier wurde gelebt, gedacht, gelacht, getanzt, geraucht, gespielt, geliebt, gesungen, gestritten und diskutiert. Ein unnachahmliches Selbstverständnis, das man Bohème nennt. Meret Becker: "Streiten war wichtig. Da ging man den Dingen auf den Grund. Beim Streiten haben wir viel gelernt." Manchmal wohnten auch nicht nur die Kinder und die Eltern dort in der großzügigen, hellen, mit über die Jahre immer mehr mit Kunst zugepflasterten Altbau-Wohnung. Auch Freunde fanden manchmal für eine gewisse Zeit ein Zuhause, Wärme, Interesse und überhaupt, ein Dach über dem Kopf. Freunde wie DJ Fetisch, der den Becker-Geschwistern liebevoll zugewandt geblieben ist, der mit Ben, als sie Teenies waren, unzertrennlich wirkte.
Als wären sie dabei
In diesen Räumen in der Jenaer Straße also, deren Objekte nun zu großen Teilen unter den Hammer kommen, wurden Meret und Ben Becker groß. Die Wohnung, ein kleiner Kosmos voller Geist, Humor und der eigentümlichen Berliner Mischung aus Tiefsinn und Lässigkeit, gibt es so nicht mehr, aber die Geschichten bestehen fort. Vor allem dann, wenn Meret Becker sie demnächst aufschreiben sollte.
Weil Ben und Meret so schöne Geschichten über Möbel, Bilder und Objekte erzählt haben, war es bei der Vorbesichtigung fast so, als wären Otto und Monika dabei. Die Kinder dieser beiden Schauspiel- und Berliner Ikonen bestätigten in ihren emotionalen, kurzen Einblicken in das Leben der Familie, dass Monika Hansen durch Großzügigkeit, Stilsicherheit und Haltung beeindruckte. So erscheint auch die Kunst - äußerst persönlich, stilsicher und mit Haltung. Einige Geschenke von Freunden sind dabei, anderes sind Käufe, um Künstler zu unterstützen oder einfach nur, weil ein Bild, ein Objekt, dem Paar gefallen hat.
Meret Becker beschreibt Hansen, die dieses Jahr starb, als unabhängig, klug, voller Witz und Wahrnehmungsschärfe. Ihre Präsenz als Partnerin Otto Sanders, als Künstlerin und auch nach seinem Tod 2013 war einzigartig. Dass ihre Präsenz als Mutter dem in nichts nachstand, erzählten Ben und Meret im Lager des Auktionshauses und sorgten hier und da für viele feuchte Augen, aber auch für aufatmendes Lachen.
Es geht weiter
Monika und Otto sind tot - ihre Kinder aber werden die Berliner Schauspieler-Dynastie, die das kulturelle Leben der Stadt über Jahrzehnte inspirierte, weiterhin am Leben erhalten, davon darf man ausgehen.
Am 5. Dezember ab 18 Uhr werden Kunstobjekte von u.a. Andy Warhol, Gerhard Richter, Rebecca Horn, Cy Twombly, Udo Lindenberg, Günther Uecker, Joseph Beuys und ausgewählte Möbel von Monika Hansen und Otto Sander in der Charlottenburger Droysenstraße 13 unter den Hammer kommen. Hier geht es zum Katalog (zum Gucken, Anmelden und Mitsteigern).