Panorama

Lebensgefahr, Vorsorge, Impfung Pandemie hat gefährliche Nebenwirkungen

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Wer krank ist, soll einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen.

(Foto: dpa)

Das Hauptaugenmerk liegt derzeit auf dem Coronavirus, seiner Ausbreitung und der von ihm ausgelösten Krankheit Covid-19. Die Bewältigung der Pandemie lässt jedoch wichtige Bereiche der Gesundheitsversorgung ins Hintertreffen geraten. Unter Medizinern wächst bereits die Sorge.

Aus Angst vor einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus kommen deutlich weniger Patienten mit akuten Beschwerden in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Diagnosen wie Schlaganfallverdacht, Herzinfarkt oder Blinddarmentzündung haben nach Angaben der Bayerischen Krankenhausgesellschaft deutlich nachgelassen. Das Klinikum Nürnberg kann den Rückgang vor allem ab dem 9. März deutlich beziffern: "In die kardiologische Notaufnahme kommen zwischen 20 und 30 Prozent weniger Patienten zur Abklärung unklarer Brustschmerzen", teilte das Krankenhaus mit. Im Vergleich zu 2019 habe es in der neurologischen Notaufnahme 30 Prozent weniger Schlaganfallverdachtsfälle gegeben.

2018 gab es 210.000 Herzinfarkte und etwa 300.000 Schlaganfälle in Deutschland. Dass sich diese Zahlen zwei Jahre später um 30 Prozent verringert haben, ist sehr unwahrscheinlich. "Es muss aber vermieden werden, dass Angst vor dem Virus andere Krankheiten und Todesfälle verursacht", sagte ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.

Gleiches gilt für Krebspatienten. Auch in diesem Bereich registrieren Mediziner, dass viel weniger Patienten mit dringenden Symptomen in die Kliniken kommen. Das liegt zum Teil daran, dass Vorsorgeuntersuchungen verschoben werden, bei denen sonst Verdachtsfälle gefunden werden. Das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft warnen bereits vor einer "Bugwelle" an zu spät diagnostizierten Krebsfällen. Die Institutionen raten allen Patienten, Untersuchungstermine zur Abklärung verdächtiger Symptome und eventuell verschobene Therapien unbedingt so bald wie möglich wahrzunehmen.

Schlechtere Heilungschancen

"Wir empfehlen auch, die Kapazitäten zur Abklärung und Therapie von Krebserkrankungen im regionalen Bereich durch Leitstellen zu koordinieren, die idealerweise an die großen Krebszentren angegliedert sind", sagt Olaf Ortmann, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Möglicherweise nehmen Menschen aber auch Symptome nicht ernst, weil sie einen Krankenhausbesuch scheuen oder ihnen die Beschwerden im Vergleich zu Covid-19 zu leicht erscheinen. "Wenn man akuten Behandlungsbedarf nicht erkennt, riskiert man möglicherweise lebensbedrohliche Probleme", sagt der Lungenkrebsspezialist Niels Reinmuth.

Reinmuth ist Chefarzt für Thorakale Onkologie an der Asklepios Fachklinik in Gauting bei München und fürchtet, im Sommer viele Patienten zu bekommen, "die besser vier Monate früher gekommen wären". Bei einem Tumor könne eine Verzögerung bedeuten, "dass die Erkrankung gar nicht mehr oder mit sehr viel schlechteren Heilungschancen behandelt werden kann".

Unterstützung und Impfschutz

Ähnlich besorgt äußern sich auch Kinderärzte. Gerade vermeiden Eltern Arztbesuche soweit es geht. Trotz sichtbarer Krankheitszeichen würden Kinder erst sehr spät beim Kinderarzt vorgestellt, berichtet der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Dadurch gehe beispielweise bei akuter Leukämie wichtige Zeit für die Therapie von lebensbedrohlichen Erkrankungen verloren, betont BVKJ-Vizepräsidentin Dr. Sigrid Peter. Diese Fälle hatten Kinderärzte berichtet.

In normalen Zeiten wenden sich Eltern auch an ihren Kinderarzt, wenn sie sich mit der Erziehung überfordert fühlen. Aus der oft jahrelangen Vertrauensbeziehung heraus können die Ärzte dann Hilfen vermitteln. "Auch dies unterbleibt zurzeit und wir müssen davon ausgehen, dass einige unserer Patienten gerade auch wegen der Ausgangsbeschränkungen zu Hause Gewalt ausgesetzt sind", sagt Peter. Die befürchtete Zunahme häuslicher Gewalt wird seit Beginn der Corona-Infektionswelle immer wieder thematisiert.

Ebenso wie bei den Erwachsenen werden auch bei Kindern die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen häufig nicht wahrgenommen. Damit verbunden sind oft Impftermine, die bei Kindern die Grundimmunisierung für gefährliche Krankheiten wie Keuchhusten, Polio und Masern aufbauen soll. "Kinder, die diese Grundimmunisierung und auch die Auffrischimpfung nicht bekommen, sind den Erregern dieser Krankheiten schutzlos ausgeliefert", heißt es beim BVKJ. Durch sinkende Impfraten werde auch die Gruppenimmunität gefährdet. Das wiederum treffe vor allem jene, die wegen vorhandener Vorerkrankungen nicht geimpft werden können. Wer Impftermine verschoben habe, solle sie deshalb zeitnah nachholen.

Quelle: ntv.de, sba mit dpa