Panorama

Die Nacht, in der Hilfe ausbliebSchleuser müssen sich für Ärmelkanal-Unglück mit 31 Toten verantworten

08.09.2026, 06:50 Uhr
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Im Hafen von Calais kamen die meisten Menschen nur noch tot an. (Foto: picture alliance/dpa/AFP)

31 Menschen sterben im November 2021 im Ärmelkanal, als ein Schlauchboot in der Nacht untergeht. Nun stehen 14 mutmaßliche Schleuser vor Gericht, gegen französische Rettungskräfte wird noch immer ermittelt.

Es war das schlimmste Unglück, seit Migranten versuchen, den Ärmelkanal in Schlauchbooten zu überqueren: 31 Menschen kamen in einer Novembernacht 2021 ums Leben, als ihr überfülltes Boot Luft verlor, unter ihnen zwei Jugendliche und ein sieben Jahre altes Mädchen. Vom heutigen Dienstag an müssen sich 14 mutmaßliche Schleuser in Paris unter anderem wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten.

Der Fall hatte großes Aufsehen erregt, nicht nur wegen der hohen Zahl der Toten, sondern auch wegen des Verdachts auf unterlassene Hilfeleistung gegen die französischen Behörden. Derzeit laufen Ermittlungen gegen sieben französische Soldaten, die in einem Überwachungszentrum und auf einem Boot in der Nähe die Notrufe der Menschen in Seenot ignoriert haben sollen. Ob es zum Prozess gegen die Soldaten kommt, ist noch offen.

Zu dem Prozess gegen die mutmaßlichen Schleuser haben sich 114 Nebenkläger gemeldet, eine ungewöhnlich hohe Zahl. Es sind vor allem Angehörige der Opfer, die unter anderem aus dem irakischen Kurdengebiet, Afghanistan, Äthiopien und Ägypten stammten. Nur zwei Menschen überlebten das Unglück, ein Somalier und ein Iraker.

Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben

"Die Justiz muss alle bestrafen, die eine Rolle in diesem Drama hatten", forderte der Anwalt Matthieu Chirez, der zahlreiche Nebenkläger vertritt. Der auf drei Wochen angesetzte Prozess biete eine "Gelegenheit, einen anderen Blick auf die Männer und Frauen zu werfen, die in diese Boote steigen", sagte er. "Es handelt sich nicht um Migrationsströme, sondern um Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind", erklärte der Anwalt Emmanuel Daoud.

Die meisten der Angeklagten stammen aus Afghanistan. Zwei von ihnen, darunter ein mutmaßlicher Bandenchef, wird der Prozess in Abwesenheit gemacht. Die meisten weisen die Vorwürfe zurück.

Den Angeklagten wird vorgeworfen, die Überfahrt des mit 33 Migranten besetzten Schlauchboots organisiert zu haben. Nach Erkenntnissen der Ermittler stammten die Schlauchboote aus der Türkei und wurden in Deutschland zwischengelagert. Sie waren demnach von schlechter Qualität und ungeprüft, die Seitenwülste hatten einen Durchmesser von nur 60 Zentimetern. Nicht alle Passagiere hatten Rettungswesten. Es gab weder ein Ortungsgerät noch einen Steuermann mit Erfahrung.

Nach wenigen Stunden im Wasser begann das Boot zu sinken. Die Menschen an Bord riefen mit ihren Mobiltelefonen die französische Seenotrettung an. "Wir sind im Wasser", beschworen sie die französische Dienststelle. "Ja, aber sie befinden sich in britischem Gewässer", lautete die Antwort den später veröffentlichten Protokollen zufolge. Eine Absprache mit britischen Stellen habe es jedoch nicht gegeben.

Leichen im Wasser

Am folgenden Morgen bemerkte ein französischer Fischer mehrere im Wasser treibende Leichen und die Überreste eines Schlauchboots. Die meisten Leichen konnten geborgen werden, vier Passagiere blieben vermisst.

Zu den Toten zählt auch Khazal Hussein, eine 45 Jahre alte Mutter, die mit ihren drei Kindern aus Afghanistan geflohen war. Ein Foto-Reporter hatte die Familie kurz zuvor an der französischen Küste getroffen, nachdem Sicherheitskräfte ihre Zelte zerstört hatten. Der 16 Jahre alte Sohn Mubin habe ihm Chips angeboten, obwohl die Familie kaum etwas zu essen gehabt habe, berichtete der Fotograf später. Die sieben Jahre alte Tochter Hasti habe ihm erzählt, dass sie Lehrerin werden wolle.

Seit 2018 - nachdem Überfahrten als blinde Passagiere in Lastwagen kaum noch möglich waren - überquerten mehr als 200.000 Menschen in Schlauchbooten den Ärmelkanal von Frankreich nach Großbritannien. Viele von ihnen haben dort bereits Verwandte oder Freunde oder hoffen darauf, dass sie sich dort auf Englisch und ohne Ausweispflicht besser durchschlagen können.

Frankreich und Großbritannien arbeiten eng zusammen, um die Überfahrten zu verhindern. Seit Beginn des Jahres erreichten etwa 16.500 Migranten Großbritannien auf dem Seeweg - 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Quelle: ntv.de, Cécile Feuillatre, AFP

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