Panorama

Sinus-Studie zeigt Lebenswelten Jugendliche wollen "sein wie alle"

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"Mainstream" - für Deutschlands Jugendliche kein Schimpfwort, sondern erstrebenswert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Alle vier Jahre untersucht das Sinus-Institut, wie deutsche Jugendliche ticken. Ein friedliches Schlaglicht wirft die Untersuchung in diesem Jahr: Die Lebenswelten wachsen zusammen, Toleranz und gemeinsame Werte werden immer wichtiger.

Sinus-Jugendstudie

ZUWANDERUNG: Toleranz wird im Ergebnis in fast allen Jugendmilieus groß geschrieben. Anders als in der Welt der Erwachsenen ist die Sorge vor Zuwanderung kein großes Thema, Teenager zeigten eher Mitgefühl mit Flüchtlingen. Dazu kommt ein Pragmatismus, den die Forscher der jungen Generation generell attestieren. Zuwanderung sehen viele Jugendliche nur so lange als akzeptabel an, wie die Kapazitäten für eine gelungene Integration ausreichen. Ressentiments gegen Flüchtlinge fanden sich auch - allerdings häufig in Form von Stereotypen, die Teenager vom Hörensagen kannten. Die Wissenschaftler erklären sich die Offenheit auch mit der multi-ethnischen Wirklichkeit, in der viele Jugendliche heute aufwachsen, vor allem in großen Städten.

WERTE: Oben auf der Prioritätenliste stehen Gemeinschaft, Familie, Sicherheit und Wohlstand. Dazu kommen Freiheit, Toleranz und soziale Werte. Für die Planbarkeit von Leben und Karriere nehmen Jugendliche klassische preußische Tugenden wie Pflichterfüllung in Kauf. Was nicht heißt, dass sie auf Ich-Fixierung, Spannung, Spaß und Risiko bis zur Ekstase verzichten. "Hart feiern, aber gute Noten", lautet ein Credo.

DIGITALE WELT: Für Teenager gibt es kein Dasein ohne Internet und Smartphone. Leben heißt "online sein". Ohne soziale Medien drohe Ausgrenzung, lautet ein Fazit. Die bedingungslose Faszination aber beginnt zu bröckeln: Der Umgang mit neuen Medien ist mit Blick auf die Herausgabe persönlicher Daten zunehmend kritisch und selbstbestimmt. Zum ersten Mal wächst eine Minderheit, die sich der digitalen Dynamik mit dem Wunsch nach Entschleunigung zeitweise entziehen will. "Die Jugendlichen sind bestens mit Geräten ausgestattet und wunschlos glücklich", sagt Calmbach.

LIEBE: Es gibt einen breiten Konsens, dass Vertrauen, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit zentrale Voraussetzungen für eine Partnerschaft sind. Der große Wunsch ist eine stabile Beziehung bis spätestens Mitte 30. Auch der Wunsch nach einer eigenen Familie ist früh da - viele Jugendliche koppeln die Idee aber an einen sicheren Job und guten Lebensstandard.

Strebsam, pragmatisch und fast schon überangepasst: Noch nie seit der Nachkriegszeit ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch gewesen wie heute. Das ist ein Hauptergebnis der neuen Sinus-Jugendstudie, die Sozialwissenschaftler in Berlin vorstellten. Dabei haben die Experten die Lebenswelten der 14- bis 17-jährigen Deutschen genauer unter die Lupe genommen. Das Ergebnis zeigt, dass diese zwar sehr unterschiedlich sind, die Jugendlichen zugleich aber zusammenrücken. Große Subkulturen, die vorrangig auf Abgrenzung und Provokation abzielen, gibt es kaum noch.

"Mainstream" ist dabei für viele ein Schlüsselbegriff im Selbstverständnis bei der Selbstbeschreibung. Viele wollen mehr noch als vor wenigen Jahren so sein "wie alle". Ein mehrheitlich gemeinsamer Wertekanon vor allem aus sozialen Werten deutet den Experten zufolge auf eine gewachsene Sehnsucht nach Aufgehoben- und Akzeptiertsein, Geborgenheit, Halt sowie Orientierung hin.

Toleranz, kein Fanatismus

Die Mehrheit der Jugendlichen ist sich der Studie zufolge darin einig, dass gerade in der heutigen Zeit ein gemeinsamer Wertekanon von Freiheit, Aufklärung, Toleranz und sozialen Werten gelten muss, weil nur er das "gute Leben", das man in diesem Land hat, garantieren kann. Und, vor dem Hintergrund der Flüchtlingsthematik besonders spannend: Das trifft auch und gerade für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu, allen voran die muslimischen. Diese distanzieren sich demonstrativ von religiösem Fundamentalismus. Die Akzeptanz von Vielfalt nimmt zu, vor allem religiöse Toleranz wird als wichtige soziale Norm hervorgehoben.

Dabei spielt die Religion eine geringere Rolle als Werte "an sich". Jugendliche sind der Studie zufolge zwar an Sinnfragen interessiert, aber skeptisch gegenüber Religionsgemeinschaften als Institutionen. Die eigene Glaubensgemeinschaft ist in den meisten Lebenswelten nicht besonders wichtig, wird aber auch nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Religiöse Heterogenität im Freundeskreis wird akzeptiert, wichtig ist jedoch, dass es eine gemeinsame Wertebasis gibt. Religiöse Begründungen von Gewalt lehnen Jugendliche aller Lebenswelten deutlich ab. Speziell bei den befragten muslimischen Jugendlichen zeigt sich eine Festigung von religiöser Toleranz.

In allen Lebenswelten findet sich eine Mehrheit für die Aufnahme von Geflüchteten und Asylsuchenden. Ganz sind die Sorgen aber nicht getilgt: In Teilen der Jugend in Deutschland werden auch Ressentiments und ausgrenzende Haltungen gegenüber Menschen anderer nationaler Herkunft und sozialen Randgruppen geäußert.

Die große Frage der Nachhaltigkeit

Auch Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind Themen, die bei den Jugendlichen auf der Agenda stehen. Aus der Perspektive vieler ist der Höhepunkt der digitalen Durchdringung des eigenen Alltags erreicht. Die bislang als jugendtypisch eingeordnete, bedingungslose Faszination ist offenbar größtenteils geschwunden. Jugendliche kennen die Risiken wie Überwachung oder unkontrollierte Datennutzung. Deshalb möchten sie der Studie zufolge digitale Medien nicht nur nutzen, sondern auch verstehen. Digitale Kompetenzen sind in den Lebenswelten dabei immer noch unterschiedlich ausgeprägt.

Zweifel kommen Jugendlichen vor allem bei der Frage, was sie selbst bewirken können: Umweltschutz, die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und kritischer Konsum beschäftigen die 14- bis 17-Jährigen zwar. Im Alltag ist die Handlungsrelevanz dieser Themen den Studienautoren jedoch aus verschiedenen Gründen beschränkt: Preisargumente und das Gefühl, dass Einzelne nicht viel ändern können, sorgen dafür, dass Jugendliche ihr Kaufverhalten in der Praxis kaum anpassen.

Die Jugendstudie wird alle vier Jahre vom Sinus-Institut durchgeführt. Die Ergebnisse beruhen auf qualitativen Tiefen-Interviews, die mit Jugendlichen geführt wurden. Auftraggeber sind die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und die VDV-Akademie.

Quelle: n-tv.de, fma

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