Alarmsignale frühzeitig erkennenSuizide verhindern: Was Betroffene und Angehörige tun können
Von Aljoscha Prange
In Deutschland verliert alle 51 Minuten jemand eine nahestehende Person durch Suizid. Zum Welttag der Suizidprävention erklärt ein Arzt, auf welche Warnzeichen man bei Gefährdeten achten sollte und wo Betroffene im Notfall Hilfe bekommen.
Mehr als 10.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an Suizid. Das sind mehr Todesfälle als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen. Hinzu kommen gut 100.000 Suizidversuche pro Jahr. Etwa jede dritte betroffene Person unternimmt nach dem ersten einen weiteren Versuch und jede zehnte stirbt später durch Suizid. Das geht aus Zahlen des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (Naspro) hervor.
Betroffenen fällt es meist schwer, mit Therapeuten, Angehörigen, Freunden oder Kollegen über ihre Gedanken zu sprechen. "Häufig besteht die Angst darin, nicht ernst genommen zu werden, soziale Kontakte zu verlieren, als psychisch krank bezeichnet zu werden, und vor Autonomieverlust durch zwangsweise Behandlung", heißt es in dem Naspro-Bericht. Außerdem hätten viele die Vorstellung, niemand könne sie verstehen oder ihnen helfen.
Auch Scham spiele dabei eine Rolle, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Steffen Conrad von Heydendorff. "Insbesondere suizidale Krisen, die durch sozioökonomische Einschnitte ausgelöst werden, wie etwa Jobverlust oder Insolvenz, werden häufig als schamhaft und als Zeichen der Schwäche empfunden. Vor allem von Männern."
Doch Suizidgedanken sollten keinesfalls als Zeichen von Schwäche verstanden werden. "Viele Patienten mit einer schweren Depression stellen sich die Frage 'Warum habe ich es nicht alleine geschafft?' Es ist wichtig, in ihnen den Gedanken zu schärfen, dass sie an einer Erkrankung leiden und nichts dafür können."
Warnsignale erkennen
Das eine typische Warnzeichen für eine schwere psychische Krise mit Suizidgedanken gibt es nicht, sagt von Heydendorff. Vielmehr sei oft eine Veränderung im Vergleich zum gewohnten Verhalten entscheidend. "Wenn ihr langjähriger Kollege, mit dem Sie normalerweise immer über Fußball reden, sich plötzlich völlig zurückzieht und gar keine Lust mehr auf Gespräche hat, könnte das ein Alarmsignal sein."
Natürlich hat jeder mal einen schlechten Tag, ergänzt der Facharzt. "Aber wenn so etwas eine gewisse Zeit lang anhält, wäre es gut, denjenigen mal anzusprechen und vorsichtig zu fragen, was los ist." Dabei gehe es vor allem darum, zunächst eine Gesprächsbereitschaft zu signalisieren "und zu zeigen: 'Hey, ich sehe dich und merke, dass bei dir gerade etwas anders ist. Ich bin für dich da.'"
Angst, das Thema Suizid gegenüber einer womöglich gefährdeten Person anzusprechen, müsse man laut dem Mediziner nicht haben. "Oft besteht die Sorge, man könne damit etwas triggern oder auslösen. Diese Befürchtung lässt sich klar verneinen. In der Regel sind die Betroffenen eher dankbar, jemanden zu haben, der das bemerkt hat."
Aufmunterungsversuche vermeiden
Will man das tiefere Gespräch mit einer suizidgefährdeten Person suchen, sei es wichtig, den richtigen Rahmen dafür zu schaffen. "Es ist ratsam, genug Zeit einzuplanen und dem Gegenüber mit einer wohlwollenden Haltung und Stimme zu begegnen", sagt von Heydendorff. Das Gespräch sollte unbedingt aus der Ich-Perspektive geführt werden, ohne Vorwürfe oder voreilige Ratschläge.
"Wenn Sie Ihren Kollegen zwischen zwei Terminen ansprechen und sagen 'Sag mal, du arbeitest ja gar nicht mehr richtig, bist du krank oder was?', wird von ihm höchstwahrscheinlich keine bereitwillige Antwort kommen." Stattdessen empfehlen sich Aussagen über die eigene Wahrnehmung wie: "Mir fällt auf, dass du dich zurückziehst und mache mir Sorgen. Wollen wir uns heute Abend mal auf ein Getränk treffen und ein bisschen quatschen?"
Vermeiden sollte man pauschale Trostsätze und Aufmunterungsversuche wie etwa "Kopf hoch, das wird schon wieder" oder "Denk doch mal positiv". Auch Gegenargumente, warum das Leben doch so schön sei, erzeuge bei Betroffenen oft nur noch mehr Schuldgefühle.
Es kommt laut von Heydendorff darauf an, die Not der Person zu erkennen und diese ernst zu nehmen. "Letztlich geht es um Menschlichkeit und Empathie. Darum, sich für jemanden Zeit zu nehmen und zu zeigen: 'Ich interessiere mich für dich.'"
"Das ist ein Notfall"
Von sich aus das Gespräch mit Angehörigen, Freunden oder anderen nahestehenden Personen zu suchen, falle vielen betroffenen Personen schwer. Deshalb rät der Experte eher dazu, sich im Falle einer suizidalen Krise direkt professionelle Hilfe zu suchen. "Wenn jemand Suizidgedanken hat, ist das ein Notfall. Und diese Person gehört dann unbedingt zu einem Psychiater."
Das könne etwa eine ambulante Praxis sein, dort müsse man sich aber mitunter auf längere Wartezeiten einstellen. Der schnellste Weg führe über die Notaufnahme der nächstgelegenen Klinik. "Jeder Bewohner in Deutschland ist einem Versorgungsgebiet zugeordnet, für das ein psychiatrisches Krankenhaus zuständig ist. Jedes davon hat eine Notaufnahme, die 365 Tage im Jahr geöffnet ist. Dort können sich Betroffene rund um die Uhr hinwenden, wie in einem herkömmlichen Krankenhaus auch."
Dabei sei es wichtig zu betonen, dass eine Psychiatrie keine "Irrenanstalt ist. Sondern letztlich ein Krankenhaus wie jedes andere auch, in das man rein- und irgendwann auch wieder rausgeht."
Im Zweifel 112 wählen
Sollte eine suizidale Person trotz akuter Krise und konkreter Gefährdung nicht bereit sein, psychiatrische Hilfe aufzusuchen, könnte man als nahestehende Person auch die 112 wählen. "Dann bringt der Rettungswagen die Person zunächst in eine Klinik, notfalls mit Hilfe der Polizei."
Das könne zwar als Vertrauensbruch gesehen werden und die Beziehung schwer belasten. Doch letztlich gehe es darum, Leben zu schützen. "Dieser Schritt ist so etwas wie das letzte verbleibende Mittel. Doch wenn Sie merken, da ist jemand völlig neben der Spur und benötigt dringend Hilfe, dann ist es nicht nur Ihr Recht, sondern vielmehr Ihre Pflicht, im Zweifelsfall einen Rettungswagen zu rufen", so von Heydendorff.
Suizidprävention als politische Aufgabe
Suizidprävention findet aber nicht allein im sozialen Nahfeld, in Praxen und therapeutischen Einrichtungen statt. Sie ist "eine ebenso politische wie gesamtgesellschaftliche Aufgabe", schreibt der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) in einem Statement zum Welttag der Suizidprävention, der jährlich am 10. September stattfindet.
"Vor dem Hintergrund der seit Jahren gleichbleibend hohen Zahlen bei Suiziden in Deutschland sieht der BDP vor allem die Notwendigkeit einer Stärkung der suizidpräventiven Strukturen sowie deren Finanzierung, damit Menschen in suizidalen Krisen aufgefangen werden können", erklärt Fredi Lang, Leiter der Abteilung Fach- und Berufspolitik im BDP.
Mit dem Entwurf eines Suizidpräventionsgesetzes sei ein wichtiger erster Schritt getan. Nun komme es darauf an, das Gesetz so schnell wie möglich umzusetzen. Der BDP empfiehlt zudem "die Einrichtung einer permanenten Bundesfachstelle für Suizidprävention inklusive eines interdisziplinären Fachbeirats zur Entwicklung evidenzbasierter, multisektorieller und bedarfsgerechter Präventions- und Behandlungsangebote."
Eine zusätzliche Aufklärungskampagne könne dabei helfen, das Thema Suizid zu entstigmatisieren und mehr Sensibilität und Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen. Auch die Unterstützung von Hinterbliebenen müsse politisch und gesellschaftlich mitgedacht werden.
"Suizide können verhindert werden"
Als Chefarzt der Median-Klinik im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim hat von Heydendorff tagtäglich mit suizidalen und schwer depressiven Patientinnen und Patienten zu tun. "Viele von denen kommen zu uns und sagen, sie möchten nicht mehr leben und glauben nicht daran, dass ihnen überhaupt geholfen werden kann."
Nach gezielter psychotherapeutischer und oft auch medikamentöser Behandlung zeige sich dann aber meist ein anderes Bild. "Die gehen hier raus und berichten, dass es ihnen deutlich besser geht. Es gibt Notfallmedikamente, mit denen wir die Menschen mitunter innerhalb von einigen Stunden bis wenigen Tagen aus dieser Suizidalität bekommen."
Dass man "Patienten verliert" gehöre zur traurigen Realität in der Psychiatrie dazu. "Ein Herzchirurg wird im Laufe seines Lebens eine Anzahl an Patienten verlieren, die auf dem OP-Tisch oder danach sterben. Und letztlich ist es bei uns genauso."
Die Regel sei aber die, dass den meisten Betroffenen erfolgreich geholfen werden kann. "Suizidalität ist meist Ausdruck von psychischen Erkrankungen. Diese können wir behandeln wie andere Erkrankungen auch - und so Suizide verhindern."