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Stade-Mörder tot aufgefundenWarum man Suizide im Gefängnis nicht immer verhindern kann

22.07.2026, 15:29 Uhr IMG_9087Von Max Patzig
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Eine-Justizbeamtin-steht-am-10-01-2013-vor-einer-Zelle-der-neu-eroeffneten-Justiz-Vollzugsanstalt-JVA-Bremervoerde-Niedersachsen-Sie-ist-das-erste-teilprivatisierte-Gefaengnis-Niedersachsens-Die-66-Millionen-Euro-teure-Anstalt-hat-Platz-fuer-bis-zu-300-Gefangene
In einer Zelle wie dieser saß der Mörder von Stade seit seiner Festnahme ein. (Foto: picture alliance / dpa)

In Stade tötet ein 45-Jähriger im Zusammenhang mit einem Sorgerechtsstreit sechs Menschen. Zur Rechenschaft gezogen werden kann er nicht, da er sich im Gefängnis das Leben nimmt. Verhindern lässt sich das nicht immer, sagen zwei JVA-Experten.

Der Sechsfachmörder von Stade hat sich in einer Gefängniszelle der Justizvollzugsanstalt Bremervörde das Leben genommen. Ein Wärter fand den Mann am Dienstagmorgen mit Anzeichen auf Strangulation und ohne Lebenszeichen. Eine Wiederbelebung war nicht mehr möglich. Wie ist so etwas möglich? Und warum wurde der 45-Jährige bei seinem Vorhaben nicht gestoppt? Während das niedersächsische Justizministerium zu diesen Fragen ermittelt, ordnen zwei Experten den Fall ein.

"Die JVA kann in niemanden reinschauen, sie kann das letztlich nicht verhindern", sagt Jurist Thomas Galli im Gespräch mit RTL und ntv. Er war 15 Jahre im Strafvollzug tätig, leitete unter anderem zwei sächsische Gefängnisse. "Wenn jemand ernsthaft und langfristig den Wunsch hat, sich umzubringen, dann wird er das auch schaffen", so Galli. Die Bediensteten könnten nur mit den Insassen reden und versuchen, Anhaltspunkte auf eine Suizidgefahr zu finden. Anhand dieser Gespräche müssten Einschätzungen getroffen werden, "die natürlich ganz, ganz schwierig sind".

Bei der Beurteilung einer möglichen Suizidgefahr der Häftlinge sind die Gefängniswärter nicht auf sich allein gestellt, erklärt Oliver Mageney, Vorsitzender des Verbands Niedersächsischer Strafvollzugsbediensteter und ehemaliger Mitarbeiter der JVA Bremervörde. "Die Inhaftierten sind eng an eine Psychologin oder einen Psychologen angebunden. Erst nach einem gewissen Zeitraum, wenn ein Psychologe sagt 'Ja, der ist jetzt stabil, da besteht keine Suizidgefahr', dann geht der Inhaftierte von einem kameraüberwachten Haftraum in einen normalen Haftraum", so Mageney zu RTL und ntv.

Im Normalfall würden die Häftlinge dann übergangsweise nachts überwacht werden. Bei Kontrollgängen schauen JVA-Mitarbeiter durch eine Klappe in der Tür, wie es dem Insassen geht. "In der Regel wird das nach einigen Wochen geprüft und dann auch entsprechend zurückgefahren, weil es eine Belastung für den Inhaftierten ist, wenn er jede Nacht durch eine Klappe beobachtet und geweckt wird", sagt Mageney.

"Größte Blender und Betrüger"

Der JVA-Mitarbeiterverbandschef ist überzeugt, man kann der Psychologin oder dem Psychologen keinen Vorwurf an der Einschätzung zur Verfassung des 45-Jährigen machen. "Wir haben die größten Blender und Betrüger im Vollzug. Und es ist immer die große Herausforderung, die nicht nur Psychologen haben, sondern auch Kollegen im Dienst, zu schauen, wie jemand tickt." Mageney fordert deshalb mehr Personal auf den Stationen. Nur so seien mehr Gespräche und eine noch genauere Einschätzung der Häftlinge möglich, womit sich unter Umständen einige der Suizide verhindern ließen. Im Jahr 2023 nahmen sich 96 Häftlinge in deutschen Gefängnissen das Leben. Damit stieg die Zahl der Suizide gegenüber dem Vorjahr um 17 Fälle an. Das war der höchste Stand seit 2001 (104). Aktuellere Angaben liegen noch nicht vor.

"Jetzt wird man gucken, was die Psychologin oder der Psychologe in den Gesprächen notiert hat. Wie hat sie ihn wahrgenommen? Wie hat er sich geäußert? Da werden sehr, sehr strikte Berichte geschrieben. Die werden jetzt vom Justizministerium ausgewertet", fasst Mageney die nächsten Schritte in der Untersuchung zu dem Todesfall zusammen. Er ist sicher: "Man wird zu dem Entschluss kommen, der war stabil."

Nach Informationen des NDR habe der 45-Jährige "konkrete Lebenspläne" vorgelegt, wie etwa studieren oder ein Buch schreiben zu wollen, wenn er aus der Haft entlassen würde. Zudem gab er zu verstehen, zur Aufklärung seiner Morde beitragen zu wollen, berichtete der NDR unter Berufung auf Sicherheitskreise. Wohl aufgrund dieser Aussagen entschied sich das Gefängnis dafür, den Untersuchungshäftling von einer videoüberwachten Zelle in eine Zelle ohne Kameras umziehen zu lassen. Und viel mehr noch: Laut Justizministerium wurden die Kontrollen des Häftlings am Tag vor seinem Suizid komplett heruntergefahren.

"Wenn er das in dieser Nacht nicht gemacht hätte (Suizid begehen, Anm. d. Red.), hätte er es vielleicht nach drei Monaten gemacht", gibt Mageney zu bedenken. "Wer den Willen gefasst hat, der macht das auch."

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der Deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Quelle: ntv.de

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