Panorama

Corona-Kater nach Sommerrausch Tschechien büßt für Babiš' Fehler

AP_20265371378821.jpg

In Tschechien ist das Coronavirus mit voller Wucht zurückgekehrt.

(Foto: AP)

Mit großzügigen Lockerungen führt der tschechische Premier Babiš sein Land in den Sommer. Nun ist das Coronavirus mit voller Wucht zurück, für ganz Tschechien gilt eine deutsche Reisewarnung. Der Regierungschef ist angezählt.

Weise und mutig, konfliktmeidend und einfühlsam: Wenzel von Böhmen muss ein toller Herrscher gewesen sein - so denn die Legenden um den Mittelalterfürsten wahr sind. Zu Ehren des "Svatý Václav" (Heiliger Wenzeslaus) ist der 28. September in Tschechien ein Feiertag. Zugleich besinnt sich die mitteleuropäische Nation auf die Idee eines starken tschechischen Staates. In diesem Jahr ist die Feierstimmung allerdings getrübt - weil Regierungschef Andrej Babiš in der Corona-Pandemie viele der Wenzel'schen Tugenden vermissen lässt und das Land somit geschwächt gegen eine sogenannte zweite Infektionswelle kämpft.

AP_20265664401658.jpg

Tschechiens Regierungschef Babiš räumte in einer TV-Ansprache Fehler ein.

(Foto: AP)

Noch zu Beginn des Sommers hatte sich Babiš für viele Corona-Lockerungen wie das Ende der Maskenpflicht feiern lassen. Sorglos rauschte Tschechien durch die warme Jahreszeit, als sei das Virus verschwunden. Nun steckt das Land mit seinen 10,7 Millionen Einwohnern tief in der Krise. Am vergangenen Montag räumte Babiš im TV ein, er habe sich im Juni von der Sommerzeit und der "allgemeinen Stimmung mitreißen" lassen. Die damaligen Lockerungen nannte der Populist einen Fehler, den er nicht wiederholen wolle.

*Datenschutz

Wie rasant sich die Virus-Lage in Tschechien entwickelt, lässt sich am ntv.de-Diagramm ablesen. Mittlerweile wurden insgesamt 64.597 Menschen nachweislich positiv auf den Erreger Sars-CoV-2 getestet. Seit Anfang September sieht sich das Land mit einer sogenannten zweiten Welle konfrontiert, deren vorläufiger Scheitelpunkt am 17. September mit einem Wert von 3126 neu gemeldeten Fällen innerhalb eines Tages erreicht worden war. Seither bewegen sich die täglichen Meldezahlen unterhalb dieses Rekordwerts, im Sieben-Tage-Schnitt verzeichnen die Behörden jedoch weiterhin einen stetigen Tagesanstieg oberhalb der 2000er-Marke - und damit höher als in Deutschland.

Ganzes Land ein Risikogebiet

Das Problem sind jedoch nicht nur die neuen Ansteckungen, sondern auch daraus resultierende schwere Krankheitsverläufe. Innenminister Jan Hamáček erklärte kürzlich, dass die Krankenhausbetten angesichts der aktuellen Infektionsdynamik knapp würden. Die Situation sei "ernst". Dem tschechischen Gesundheitsministerium zufolge befinden sich 802 Personen aufgrund einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus. Gestorben sind seit Beginn der Pandemie in Tschechien 606 Menschen im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit.

Auch für Deutschland birgt die Situation Risiken. Zwischen Bayern sowie Sachsen und dem deutschen Nachbarland pendeln täglich Tausende Berufstätige. Zudem ist Tschechien ein beliebtes Urlaubsziel: Mehr als zwei Millionen deutsche Touristen reisen jährlich über die Grenze - sie sind mit Abstand die größte Touristengruppe in Tschechien.

Die dortige Virus-Dynamik zwang die Bundesregierung in den vergangenen Wochen mehrmals zum Handeln, nach zunächst einigen Regionen erklärte das Auswärtige Amt am vergangenen Freitag schließlich ganz Tschechien zum Risikogebiet. Nach Berechnungen von ntv.de auf Basis der täglichen Neuinfektionen weist das Land aktuell 143,8 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen auf. Übertroffen wird dieser Wert in Europa derzeit nur von Spanien. Als Grenzwert für Entscheidungen über Reisewarnungen gilt eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50.

Epidemiologe soll Schaden begrenzen

Die Einstufung als Risikogebiet ist nicht nur für viele vom Tourismus abhängige Kommunen ein herber Schlag, sie ist auch eine ausländische Quittung für das offenkundig zu lasche Krisenmanagement der Babiš-Administration. Als erste personelle Konsequenz räumte vor einer Woche jedoch nicht der Premier seinen Posten, sondern Gesundheitsminister Adam Vojtěch. Der erst 33-Jährige hatte bereits Ende August verschärfte Bestimmungen erwogen, scheiterte aber am Veto seines Chefs. Als eine seiner letzten Amtshandlungen konnte Vojtěch Mitte September dann doch noch eine Maskenpflicht erwirken.

1221521fab3090952c5d5a10f78eb75f.jpg

Der Epidemiologe Prymula (r.) ist neuer Gesundheitsminister unter Babiš (l.).

(Foto: imago images/CTK Photo)

Nachdem Babiš in den vergangenen Wochen internationale Kritik mehrfach zurückgewiesen und landesweite Maßnahmen kategorisch ausgeschlossen hatte, ernannte er in Roman Prymula ausgerechnet einen Hardliner zum neuen Gesundheitsminister. Der 56-Jährige ist eine Art tschechischer Christian Drosten: Als Epidemiologe hatte er die Regierung bereits beraten. Mit radikalen Vorschlägen wie dem eines Notstands war jedoch auch er zuvor am Regierungschef abgeprallt.

Sperrstunde im Heimatland des Pils

Nun lenkt Babiš teilweise ein. Der Milliardär wirkt orientierungslos, während die Ampeln der tschechischen Behörden zur Bewertung des Infektionsgeschehens in immer weniger Regionen grün zeigen. Um sein Gesicht zu wahren, belebte Babiš einen Krisenstab wieder und billigt entgegen vorheriger Parolen neue Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die wohl auf Prymulas Initiative zurückgehen. Neben der Ausweitung der Maskenpflicht etwa wurden die Kapazitätslimits für Großveranstaltungen drastisch heruntergeschraubt, zudem gibt es ab 22 Uhr eine landesweite Sperrstunde.

Mehr zum Thema

Im Heimatland des Pils und der Weltmeister im Bierverbrauch - jährlich 140 Liter pro Kopf - kommt insbesondere die jüngste Maßnahme nicht gut an. Kneipenwirte wie Kunden sind entrüstet, auch in anderen Bereichen der tschechischen Wirtschaft macht sich nach dem lockeren Sommer nun Unmut und Unsicherheit breit. Auch wenn Gesundheitsminister Prymula beteuert, die neuen Regeln würden die Wirtschaft nicht beeinträchtigen, bleiben die Zweifel groß. Zumal schon die deutsche Reisewarnung der Republik schadet.

Immerhin gelang Premier Babiš mit der Ernennung Prymulas ein pandemiepolitisch kluger Schachzug, der seine Fehler kaschieren könnte. Das Land ist in der Krise wieder weitestgehend auf Linie mit den meisten anderen EU-Partnern. Ob die Bürgerinnen und Bürger den neuen Kurs nach dem rauschenden Sommer mittragen wollen, zeigt sich womöglich schon am kommenden Wochenende: Dann stehen in allen tschechischen Regionen außer Prag Regionalwahlen an.

Quelle: ntv.de