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"Müssen Grenzen überschreiten"Warum der Denkmalschutz neue Wege gehen sollte

29.08.2026, 09:09 Uhr imageVon Torsten Landsberg
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Viel Grün gibt es auf dem Gendarmenmarkt in Berlin nicht. (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Hitze und Extremwetter machen nicht nur Lebewesen zu schaffen, auch alte Gebäude und historische Gärten leiden. Wie muss sich Denkmalpflege im Klimawandel aufstellen - auch zum Schutz von Menschen?

Die große Hitze dieses Jahres ist überstanden, doch der nächste Sommer kommt bestimmt - die Politik streitet über die Kosten und Zuständigkeiten für bessere Maßnahmen zum Hitzeschutz. Die sind teuer, werden selbst in prominenten Fällen aber auch dort nicht umgesetzt, wo ohnehin hohe Summen investiert werden. Von der notwendigen Verschattung der Städte ist die Rede und der Schaffung von Zonen, in denen sich Menschen bei mehr als 30 Grad aufhalten können. Da wundert es doch, dass auf dem für 21 Millionen Euro sanierten Gendarmenmarkt in Berlin keine Bäume Schatten spenden - laut Umweltverwaltung aufgrund strenger denkmalpflegerischer Vorgaben.

"Es ist wirklich an der Zeit, dass wir in der Denkmalpflege vom Wissen über die Begleiterscheinungen des Klimawandels in ein schützendes und bewahrendes Handeln kommen", sagt Ingrid Scheurmann, Historikerin und Honorarprofessorin für Denkmalpflege an der TU Dortmund, im Gespräch mit ntv.de. "Das können wir auf alle Bereiche der Gesellschaft anwenden: Wir brauchen die Bereitschaft, uns dieser Veränderungen anzunehmen, uns über die Risiken bewusst zu werden und entsprechende Schutz- und Anpassungsmaßnahmen vorzunehmen. Da sehe ich noch erhebliche Defizite."

Denkmalschutz soll Kulturgüter und historische Zeugnisse dauerhaft bewahren und Geschichte erlebbar machen. Entsprechend strenge Anforderungen gelten bei Arbeiten, Sanierungen und Rekonstruktionen mit Blick auf den Erhalt der historischen Authentizität. Dass die Denkmalpflege hier umdenken muss, ist inzwischen allerdings ein Selbstzweck. Denn nicht nur Menschen leiden unter Hitze und Extremwetter - die Bedingungen setzen auch Denkmälern zu. "Wir können nicht alles eins zu eins tradieren, ein Denkmal ist nichts Statisches", sagt Scheurmann, die für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt aktuell das Projekt "Denkmalpflege und Klimawandel. Denkmallabore zu Zukunftsfragen der Erhaltung" leitet. "Wir müssen uns nicht nur Gedanken darüber machen, was wir aus der Vergangenheit erhalten, sondern auch wie wir die Objekte aus der Vergangenheit in eine Zukunft führen, die über die nächsten Generationen hinaus reicht."

Warum immer wir?

Dieser Mentalitätswandel sei bereits in dem Bereich erkennbar, der die Folgen von Erderwärmung und Trockenheit längst deutlich spürt. "Die Gartendenkmalpflege ist mit erheblichen Verlusten von Altbäumen konfrontiert und reagiert darauf mit zukunftsweisenden Anpassungsstrategien." Dabei gehe es unter anderem um die Auswahl geeigneter Gehölze, die zunehmende Dürre- und Hitzephasen besser verkraften und anstelle der bislang prägenden Bäume gepflanzt werden könnten. Die jahrhundertealte Tradition der pflegenden Erhaltung weicht den neuen Realitäten.

In der Baudenkmalpflege würden sich die notwendigen Anpassungen dagegen langsamer durchsetzen. "Es gibt generell eine Mentalität, die auch vor dem Denkmalschutz nicht Halt macht: 'Warum sollen ausgerechnet wir die Pioniere sein und nicht erst mal die anderen?'" Gerade Denkmäler könnten in der Gesellschaft aber eine Funktion als Lernorte einnehmen, die über die schlichte Information, wer etwas erbaut oder geplant hat, hinausgehen. "Mit Hinweisen könnte man vermitteln, was konkret in und mit der Natur und auch mit den Denkmalen passiert: 'Schaut euch diese Fassade oder diesen Baum genau an, da gibt es Schäden von Starkregen, der Baum leidet unter Wassermangel oder Insektenbefall - anders als noch vor hundert Jahren.'"

Rollos zum Schutz vor Hitze

Heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude sind einmal unter anderen Vorzeichen gebaut worden: Ausgetrocknete Böden können zu Setzungsrissen führen, Starkregen kann dem sensiblen Mauerwerk zusetzen. In der Denkmalpflege ist von "Zeitschichten" die Rede, die verschiedene Bau- oder Nutzungsphasen im Laufe der Jahrhunderte beschreiben und durchaus Veränderungen beinhalten. "Man kann den Gründervätern kaum vorwerfen, nicht alle heute wichtigen ökologischen Belange vorausgedacht zu haben", sagt Ingrid Scheurmann. "Aber es ist bei heutigen Entscheidungen dringlich, diese neuen Bedürfnisse mitzudenken."

Das ist in der Praxis nicht immer der Fall. Es kann zu Konflikten kommen, wenn Denkmalbauten mit Hitzeschutz nachgerüstet werden sollen, nicht für das Denkmal selbst, sondern für Menschen, die darin leben. Die Behörden können außen angebrachte Rollos, Markisen oder andere Verschattungslösungen aus Gründen des beeinträchtigten Erscheinungsbildes ablehnen. "Bei geschützten Gebäuden, die einen Gebrauchswert haben und in Nutzung stehen, muss diese auch in Hitzephasen möglich sein", sagt Scheurmann.

Es sei schließlich auch üblich, an und in Denkmälern Aufzüge und Duschen zu installieren, die es dort historisch nicht gab. Bei Denkmalwerten gehe es um historische Substanz, nicht nur um Ästhetik. "Dass es für ein Gebäude keine passablen Hitzeschutzlösungen geben soll, können wir nicht mehr akzeptieren."

Die Historikerin plädiert dafür, den Klimawandel in allen Planungen konsequent zu priorisieren, auch auf öffentlichen Plätzen. Bei der Rekonstruktion des Dresdner Neumarkts war Denkmalschutz das Gestaltungsprinzip, der Bremer Marktplatz ist ein "städtebauliches Kunstwerk von Rang" - und baumfrei. Am Gendarmenmarkt verhinderte nicht nur der Denkmalschutz die Anpflanzung zentraler Bäume, sondern auch seine Nutzung als Veranstaltungsort. Ein anderes Erscheinungsbild wäre dennoch möglich gewesen: "Ich denke nicht, dass man dort zwingend auf Begrünung verzichten musste", sagt Ingrid Scheurmann.

Könnten kreativer sein

Der Platz habe unterschiedliche Zeitschichten durchlebt, in denen er auch begrünt und mit Schmuckbeeten gestaltet gewesen sei. Erst die Nationalsozialisten machten ihn zu einer steinernen Aufmarschfläche. "Ob man unbedingt das als Bezug für die Restaurierung nehmen muss? Wir könnten durchaus kreativer sein und danach entscheiden, was heute dringlich und wertvoll ist. Es ist wichtig, Plätze so zu erhalten, dass sie eine Aufenthaltsqualität für Menschen haben."

Kreativität ist immer auch eine Frage der Möglichkeiten. Denkmalpflege ist Angelegenheit der Länder, jedes Bundesland hat ein eigenes Denkmalschutzgesetz mit Definitionen, Vorgaben und Verfahren. Steht die föderale Struktur einer modernen Denkmalpflege im Weg? "Ich glaube nicht, dass es Gesetzesänderungen bedarf, wir müssen die Prozesse nur anders aushandeln", sagt Ingrid Scheurmann. Dafür sei eine Bestandsaufnahme mit allen Beteiligten notwendig, von Behörden über Universitäten bis zu den Eigentümern. "Wo wollen wir hin, wie können wir das umsetzen? Häufig führen Wissensdefizite dazu, dass man die Dinge so entscheidet, wie man es immer schon gemacht hat."

Für den Erhalt des Kulturerbes gebe es eine gesellschaftliche Gesamtverantwortung. "Es ist wichtig, dass wir eingefahrene Grenzen überschreiten." Die Universitäten müssten ihre Angebote häufiger aus dem Hörsaal in die Praxis verlagern, damit künftige Denkmalpflegerinnen und -pfleger selbst Putze anrühren lernten oder unmittelbar mit den komplizierten Materialien moderner Bauten in Berührung kämen.

Die Branitzer Baumuniversität in Cottbus werde gerade zum überregionalen "Kompetenzzentrum für historische Gärten und Parks im Klimawandel" umgebaut - ein mögliches Vorbild auch für die Baudenkmalpflege. "Es muss auch nicht jede Kleinigkeit von einem Gebietsdenkmalpfleger begutachtet werden", sagt Ingrid Scheurmann. Im niederländischen Denkmalsektor würden Ehrenamtliche eingebunden, die historische Gebäude auf Schäden hin untersuchten und reparierten. "Das ist eine wunderbare Kultur einer Pflege, die wir so nicht haben. Wenn man Menschen einbezieht, ihnen erklärt, was sie machen können und sie dazu befähigt, finden sich ganz viele, die Lust darauf haben, an der Bewahrung ihres Kulturerbes mitzuwirken."

Quelle: ntv.de

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