Panorama

Aus der Schmoll-EckeWarum sind die Ostzonalen so, wie sie sind?

16.08.2026, 08:00 Uhr schmollEine Kolumne von Thomas Schmoll
00:00 / 07:08
Feature-Symbol-Ostalgie-DDR-Erinnerungsstuecke-07-03-thg-Gesellschaft-Kultur-Alltag-Ost-Osten-DDR-Deutsche-Demokratische-Republik-Regime-Diktatur-Artikel-Devotionalien-Ostalgie-Nostalgie-Retrospektive-Retro-Welle-Rueckschau-Rueckblick-Reminiszenz-Erinnerung-Wiederbelebung-Verklaerung-Produkte-Produkt-Gebrauchtwaren-Alltagsware-Alltagswaren-Gegenstaende-Alltagsgegenstaende-typisch-typische-Wimpel-Flagge-Flaggen-Fahne-Nationalflagge-Hammer-Zirkel-Aehrenkranz-Emblem-Junge-Pioniere-Jungpioniere-Pionierorganisation-Bild-Erich-Honecker-Staatsratsvorsitzender-Parteichef-SED-Foto-Mann-FDJ-FDJler-Frei-Deutsche-Jugend-FDJ-Hemd-Emblem-quer
Na, wie ist sie denn nun wirklich, die Stimmung im Osten? (Foto: picture alliance / teutopress)

Unser Kolumnist hat sich die Rede der Bundestagspräsidentin zum Jahrestag des Mauerbaus angehört und dachte: Das Die-Mauer-in-den-Köpfen-Gerede offenbart vor allem Ratlosigkeit und Unkenntnis westdeutscher Berufspolitiker über die Stimmung im Osten.

Schwimmt ein Riesenhai in die Ostsee, um nach seinem Kumpel Timmy zu suchen - und stirbt vor Gram. Ein kleiner Scherz zum Auftakt dieser Kolumne als kleiner Hinweis auf das geistige Niveau, das sie hier an dieser Stelle (mal wieder) erwartet. Das Bekenntnis lege ich nicht umsonst öffentlich ab. Denn ich sitze im Glashaus, werfe mit Steinen auf die Gesellschaft im Allgemeinen und mit Felsbrocken auf die Politik im Speziellen, wozu mein Wehklagen über die geistige Verarmung in der Berliner Republik gehört.

Dabei ist es gar nicht so schlimm, wie ich es in Schwarz und Weiß permanent an die Wand male. "Die Mauer stand 28 Jahre. Sie fiel vor 37 Jahren - und scheint doch häufig noch in unseren Köpfen zu stecken", hörte ich neulich die Bundestagspräsidentin sagen. Als Journalist bin ich meiner Pflicht nachgekommen und habe die Angabe auf Korrektheit überprüft: 2026 minus 1989 ist gleich 37. Stimmt exakt. Das beweist, dass die Bundestagspräsidentin sehr gut im Rechnen ist, was meiner These von der geistigen Verarmung in der Politik eindeutig widerspricht. Der zweite Teil der Aussage ist nicht zu verifizieren, weil ich nicht in die Köpfe der Menschen schauen kann. Und das Verb "scheint" lässt darauf schließen, dass sich die Frau vom Stamme der Christdemokraten selbst nicht sicher ist, ob es wirklich so ist, wie sie es in ihrer Rede behauptet hatte.

Nun mal im Ernst: Dass die Bundestagspräsidentin die bald 40 Jahre alte Metapher von der Mauer in den Köpfen bemüht, fand ich bezeichnend, zeigt es meiner Meinung nach die Ratlosigkeit westdeutscher Berufspolitiker über die Stimmung im Osten. Die große Unkenntnis darüber, was dort im Gange ist, wird eingepackt in Worthülsen des Verständnisses - "mit der Treuhand verbanden viele die Zerstörung der eigenen Lebensgeschichte" -, gefolgt von der Klage über den Mangel an "Bereitschaft" im Westen, "das Leben der Landsleute kennenzulernen". Wenn man das auch vier Jahrzehnte nach dem Mauerfall noch einfordern muss, liegt einiges im Argen, oder?

Mut- und Hindernis-Geblubber

Natürlich kam in der Rede der Begriff Mut vor, da eine Menge Ostzonale im Herbst 1989 den Mut hatten, auf die Straße zu gehen. Längst nicht alle - viele hatten nachvollziehbar Angst und ließen die anderen man schön machen, warteten in ihren Wohnungen mit Kohleheizung, ob die SED zur Methode Peking greift und dem Prager Frühling einen Leipziger Herbst folgen lässt, um dem Aufbruch in die Freiheit ein Ende zu bereiten. "Auch heute ist Mut gefragt. Der Mut, aufeinander zuzugehen", sagte die Bundestagspräsidentin. "Wir wollen die Hindernisse überwinden, die manchmal immer noch zwischen uns sind."

Seit mehr als 30 Jahren blubbert es so aus Politikermündern zu den Jahrestagen Mauerbau und -fall. "Manchmal" ist lustig. Nie waren das Unverständnis und die Spaltung so tief wie jetzt. Ich wäre gespannt, was bei einer bundesweiten Umfrage herauskäme, ob man die Mauer wieder hochziehen soll. Die Westdeutschen würden dafür stimmen; die Ostzonalen deutlich dagegen, denn die wollen das Gute des bösen Westens behalten, den Supermarkt, die Reisefreiheit, das Westgeld, aber trotzdem die DDR irgendwie zurück, in der man ungestraft Rassist sein und Zigeunerschnitzel bestellen durfte, falls der Kellner - "Sie werden platziert" - einen Tisch freigab.

Mich wundert es, wo heutzutage in Deutschland Mut beginnt. Oder besser: beginnen soll. Wenn ich die Bundestagspräsidentin richtig verstanden habe, ist es mutig, mit jemandem zu reden, der eine Partei wählt, die man selbst bescheuert findet. Ist das nicht der Sinn der Demokratie? Ich vermute, die Frau vom Stamme der Christdemokraten wird all ihren Mut zusammennehmen und ab sofort jeden Monat mindestens einmal in den Osten fahren und mit Menschen reden, um Hindernisse zu überwinden, die manchmal immer noch zwischen uns sind. Denn gute Politiker lassen ihren Worten stets Taten folgen.

Oder - das ist weniger aufwendig - die Bundestagspräsidentin empfängt Ostzonale zur Bürgersprechstunde im Bundestag und redet mit ihnen zehn Minuten lang über Hindernisse und wie sie beseitigt werden könnten. Am Ende kann sie den berühmten Satz sagen, den Politiker innen und außen sagen, um dem Überbringer eines Anliegens das Gefühl zu geben, die Botschaft verstanden zu haben: "Ich nehme das mal mit." Wohin sie es mitnimmt, wissen die Götter. Vielleicht zu ihrem Lebensgefährten, der es in seine Quizsendung einbauen kann. Warum sind die Ostzonalen so, wie sie sind? A: Weil sie so sind. B: Weil wir sie so empfinden. C: Weil sie eine Meise haben. D: Alles zusammen.

Ein Messias - dann noch einer

Ich erlebe immer öfter Unverständnis, tiefe Ablehnung bis hin zu Verachtung für das, was im Osten passiert, weil die Ostzonalen nicht tun, was wünschenswert wäre, von ihnen erhofft und mitunter erwartet wird. Sie sind eben irgendwie anders, unerklärlich anders. Ich, selbst in Leipzig geboren und aufgewachsen, weiß nicht, was sie reitet. Bringt reden wirklich was, wenn es am Ende um Emotionen geht? Keine Ahnung. Ich frage mich obendrein: Wen interessiert eigentlich wirklich die Mauer in den Köpfen? Alles starrt doch auf die Brandmauer in den Köpfen. In Sachsen-Anhalt will Sahra Putinknecht sie einreißen, um einem dauerlächelnden Messias an die Macht zu verhelfen, der mit seiner Alternative für Durchgeknallte erst Sachsen-Anhalt und dann ganz Deutschland wieder "normal" machen will.

Ein anderer Politiker, von Beruf Ministerpräsident, schwingt sich ebenfalls zum Messias auf und bringt - mindestens symbolisch - eine Rollstuhlfahrerin wieder zum Gehen. "Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie", schrieb einst Matthäus - der Evangelist, nicht der Fußballer - über Jesus, einem weltweit bekannte(re)n Vorgänger des Ministerpräsidenten. Da bin ich dann doch wieder bei meiner These von der geistigen Verarmung in der Kaste der Politiker. Wie kann so etwas passieren, dass man auf Wahlplakaten eine Frau im Rollstuhl zeigt, um sie dann auf einem weiteren Werbebanner - oh Wunder! - stehend zu präsentieren? Das muss doch irgendwer merken, nicht zuletzt der Ministerpräsident selbst. Als gäbe es keine zweite Komparsin in ganz Sachsen-Anhalt, um Volksnähe zu simulieren.

Quelle: ntv.de

MauerfallJulia KlöcknerOstdeutschlandDDR