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Klare Corona-Strategie Was man von Dänemark lernen kann

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Der Kopenhagener Vergnügungspark Tivoli ist seit dem 27. März wieder geöffnet.

(Foto: imago images/Ritzau Scanpix)

Dänemark hat einen festen Plan, wie und wann in den kommenden Wochen geöffnet werden soll. Dazu kommen ein durchdigitalisiertes Gesundheitswesen, eine gute Organisation und ein klar formuliertes Ziel. Nicht allem muss man zustimmen, aber Deutschland kann vom Nachbarn einiges lernen.

Natürlich ist es nicht ganz fair, ein kleines Land mit nur einer schmalen Grenze mit Deutschland zu vergleichen. Aber auch wenn man nicht alles eins zu eins umsetzen kann, lohnt sich ein Blick darauf, wie Dänemark mit der Corona-Pandemie umgeht. Denn dort läuft vieles wesentlich besser als hierzulande.

Dänemark hatte zu Weihnachten eine viel schlechtere Ausgangsposition, denn dort waren die Inzidenzen mit Werten über 400 mehr als doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik. Ähnlich wie in Deutschland sanken die Fallzahlen durch einen Lockdown zunächst deutlich, stiegen jedoch seit einer Inzidenz von knapp 47 am 19. Februar mit einigen Aufs und Abs wieder an. Aktuell meldet Dänemark 96,2 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, fast 40 Fälle weniger als Deutschland.

Aus schlechteren Voraussetzungen mehr gemacht

Grundsätzlich galten in Dänemark bis zum 1. März die gleichen Lockdown-Maßnahmen wie in Deutschland. Aber die Mutante B.1.1.7 hatte dort Ende Februar bereits das Pandemie-Zepter übernommen und man hätte annehmen können, dass auch die Fallzahlen entsprechend früher so steil wie in Deutschland hätten steigen müssen. Trotzdem war die Inzidenz nur in der zweiten März-Woche ein paar Tage höher als in Deutschland.

Auch die Sterberate entwickelte sich in Dänemark nicht anders und die Zahlen blieben mit einem nahezu kontinuierlichen Abstand immer deutlich unter den deutschen Werten. Am 31. März hatte das Nachbarland eine 7-Tage-Inzidenz von 0,37 Covid-19-Toten pro 1 Million Einwohner, die Bundesrepublik zählte 1,88.

Dies ist umso erstaunlicher, als Dänemark bereits am 1. März Lockerungen eingeführt hatte, die in der Bundesrepublik erst rund zwei Wochen später folgen sollten. Unter anderem durften Geschäfte mit einer Verkaufsfläche unter 5000 Quadratmetern außerhalb von Einkaufszentren öffnen und der Präsenzunterricht an Schulen wurde schrittweise ausgeweitet.

Während in Deutschland über einen kommenden harten Lockdown diskutiert wird, hat die dänische Regierung gemeinsam mit Oppositionsparteien am 22. März nicht nur beschlossen, weitere Öffnungen vorzunehmen, sondern einen detaillierten Plan für einen Weg in die weitgehende Normalität vorgelegt. So sollen fast alle Einschränkungen enden, sobald alle über 50-Jährigen geimpft sind. Laut Plan soll es ungefähr Ende Mai so weit sein.

Zunächst dürfen Friseure und vergleichbare Dienstleister nach Ostern landesweit wieder öffnen. Auch in den Schulen gibt es dann weitere Lockerungen: Nachdem die Schüler bis zur vierten Klasse bereits seit längerem zurück im Klassenzimmer sind, dürfen nun unter anderem auch die fünften bis achten Jahrgangsstufen zur Hälfte - das bedeutet jede zweite Woche - zum Präsenzunterricht zurückkehren.

Riskant, aber nicht planlos

Danach soll es im Wesentlichen in 14-Tages-Intervallen weitergehen mit den Lockerungen, etwa mit der Öffnung der Außenbereiche von Restaurants und Cafés sowie von Museen und Büchereien am 21. April. Am 6. Mai werden planmäßig auch wieder die Innenbereiche der Lokale sowie Theater und Kinos öffnen dürfen.

Das scheint angesichts des Infektionsgeschehens ziemlich riskant und aus deutscher Sicht fast schon verrückt zu sein. Zweifellos kann der Plan auch schiefgehen. So schrieb die staatliche Gesundheitsbehörde Statens Serum Institut (SSI) am 23. März, es sehe noch weiteren Raum für Lockerungen nach Ostern. Voraussetzung sei aber, dass schnelle Gegenmaßnahmen ergriffen würden, falls es Anzeichen für über die Erwartungen hinaus steigende Infektionszahlen gäbe. Dazu fertigte das SSI verschiedene Modelle an, die zeigen, wie hoch die Unsicherheit bei der Einschätzung der Entwicklung ist.

Doch die Gesundheitsbehörde setzt nicht nur voraus, dass Dänemark im Gegensatz zu Deutschland versteht, was eine Notbremse ist. Das SSI kann sich auf ein viel ausgereifteres Instrumentarium bei der Pandemiebekämpfung und -kontrolle verlassen, als es hierzulande zur Verfügung steht.

Digitales Gesundheitssystem auf höchstem Niveau

Es beginnt damit, dass sich das Land nicht in einer Mischung aus übertriebenen Datenschutzbedenken und Unvermögen bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens selbst blockiert hat. "Alle Einwohner haben ein digitales Konto bei der Gesundheitsbehörde. Dort finden sich elektronische Patientenakten, sämtliche Arztbesuche und Diagnosen, damit landesweit jeder Arzt im Notfall auf Daten zugreifen kann, statt sich erst Arztbriefe faxen zu lassen", schreibt "shz.de". Dänemark hat sogar eine eigene Behörde für digitale Gesundheitsdaten: die Sundhedsdatastyrelsen.

Schon vor zwei Jahren hieß es im internationalen Vergleich #SmartHealthSystems, das Gesundheitssystem Dänemarks zähle weltweit zu den fortschrittlichsten. "Der Datenaustausch zwischen den Gesundheitsversorgern findet überwiegend elektronisch statt, nicht nur stationär, sondern auch ambulant: 97 Prozent aller Überweisungen geschehen elektronisch", steht darin. "Alle dänischen Hausärzte besitzen eine elektronische Patientenakte (ePA), 98 Prozent tauschen Akten elektronisch untereinander aus."

Dreh- und Angelpunkt ist das Gesundheitsportal sundhed.dk, das 2018 monatlich 1,7 Millionen Dänen besuchten. Mit der Geburt erhält jeder Däne eine persönliche Identifikationsnummer, über die er sich dort einloggen kann. Dort erhält er einen Überblick über seine gesamte Krankengeschichte, inklusive aller Diagnosen, Behandlungen, Operationen und Medikationspläne oder Laborwerte. Mit der Zustimmung des Patienten können auch der Hausarzt oder Apotheker auf die Daten zugreifen. Das Portal wird außerdem für die Abrechnung von Gesundheitsdienstleistungen genutzt.

Perfekt organisierte Impfkampagne

Mit diesem digitalem Pfund im Rücken haben die Dänen trotz des gleichen Mangels wie im Rest der EU bereits einen deutlichen Impf-Vorsprung vor Deutschland. So hatten am 30. März schon 12,62 Prozent die erste Impfdosis erhalten, in Deutschland nur 11,26 Prozent. Und während hierzulande noch kaum eine Tempoerhöhung zu sehen ist, steigt die Kurve im Nachbarland bereits stärker an.

Wenn die Impfstoff-Lieferungen im zweiten Quartal stark zunehmen werden, ist zu erwarten, dass Dänemark diesen Vorsprung rasch ausbauen kann. Denn die digitale Organisation der Impfkampagne ist der umständlichen deutschen Zettelwirtschaft weit überlegen.

So ist es in Dänemark kein Problem gewesen, die über 80-Jährigen zu identifizieren und anzuschreiben, da sundhed.dk mit dem Melderegister verknüpft ist. Ebenso können Risikopatienten mit Vorerkrankungen durch einen Abgleich der elektronischen Gesundheitsakte gefunden und zur Impfung eingeladen werden. Die Impftermine werden im Nachbarland üblicherweise digital vergeben, aber es gibt auch Hotlines, die tatsächlich auch meistens zu erreichen sind.

Das System zeige auch, welche älteren Menschen zwar impfberechtigt seien, aber noch keinen Termin gebucht haben, sagte Sundhedsdatastyrelsen-Chefin Lisbeth Nielsen dem "Spiegel". "Deren Namen leiten wir an die Kommunen weiter, damit sie dort anrufen können. Wenn es an logistischen Schwierigkeiten liegt, organisiere man einen Fahrdienst zum Impfzentrum. "Es ist uns wichtig, dass alle gleichermaßen eine Impfung bekommen können und nicht nur die, die sich am hartnäckigsten darum kümmern."

Bei der Verteilung der Impfstoffe kocht in Dänemark auch nicht jede Region ihr eigenes Süppchen. Dies regelt zentral das SSI und hat so auch jederzeit den Überblick, wo wann welche Menge benötigt wird. Um den Fortschritt im Auge zu behalten, treffen sich Vertreter der fünf dänischen Regionen und der Gesundheitsbehörden zweimal die Woche.

Corona-Pass ohne schlechtes Gewissen

Impfungen und Öffnungsstrategie kommen im sogenannten Corona-Pass zusammen. Er soll nachweisen, dass eine Person entweder fertig geimpft ist, mit dem Coronavirus infiziert gewesen ist oder innerhalb der vergangenen 72 Stunden entweder mit einem PCR- oder einem Antigen-Schnelltest negativ getestet wurde. Zunächst soll es mit dem Pass möglich sein, Restaurants und Cafés im Freien, Museen, Kunstgalerien und Bibliotheken zu besuchen. Ab Mai soll er dann Zugangsschlüssel zu weiteren Bereichen sein.

Laut "Der Nordschleswiger" dient zunächst die App "MinSundhed" als einfacher Corona-Pass. Für Ende Mai werde dann eine weiterentwickelte und benutzerfreundlichere App erwartet, die gemeinsame europäische Standards berücksichtigen soll. Menschen ohne Smartphone sollen den Impfpass in Papierform zugeschickt bekommen.

Ohne Zweifel kann sich Deutschland bei der Digitalisierung und der Organisation der Impfkampagne eine dicke Scheibe abschneiden. Was die weitgehende Rückkehr zur Normalität betrifft, ist das strittig. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach beispielsweise hält die Strategie für einen "spektakulären Fehler". Er fürchtet, viele ältere Ungeimpfte und Menschen unter 50 Jahren würden dann erkranken und sterben. Außerdem erinnerte er an mögliche Langzeitfolgen.

Testen, testen, testen

Ministerpräsidentin Mette Frederiksen wies allerdings darauf hin, dass der Zeitpunkt, wenn alle über 50 geimpft worden seien, zwar ein äußerst wichtiger Fixpunkt sei, allerdings müsse die Zahl der Infektionen weiter niedrig gehalten werden. Bei lokalen Ausbrüchen solle auf lokaler Ebene schnell und einfach eingegriffen werden.

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Und zur Eindämmung der Pandemie hat Dänemark nicht nur einen besseren Impfplan als Deutschland, sondern fährt auch schon länger eine wesentlich entschiedenere Testkampagne. Im Nachbarland finden aktuell pro 1000 Bewohnern täglich rund 25 Tests statt, in der Bundesrepublik etwas mehr als zwei. Die derzeitige absolute Kapazität von 400.000 Tests pro Tag soll auf 700.000 bis Mitte Mai erhöht werden, schreibt "shz.de".

Die Positivrate in Dänemark ist mit 0,2 Prozent extrem niedrig. Das heißt, kaum ein Infizierter bleibt unerkannt. In Deutschland liegt die Positivrate aktuell bei 9 Prozent. Nach Einschätzung der WHO sind geringe Testzahlen bei gleichzeitig hohen Trefferquoten problematisch. Man vermutet dahinter eine hohe Dunkelziffer. Und diese bedeutet, dass Lockerungen mit höheren Risiken verbunden sind.

Quelle: ntv.de