Panorama

"Kommen um Lockdown nicht herum" Epidemiologe zeichnet düsteres Szenario

Die britische Mutante bestimmt das Infektionsgeschehen in Deutschland. Die Fallzahlen steigen. Auch immer mehr Kinder müssen ins Krankenhaus. Im ntv-Interview fordert der Epidemiologe Timo Ulrichs ein schnelles Eingreifen des Staates. Ein konsequenter Lockdown sei unausweichlich.

ntv: Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA rät vorerst nicht zu einem Impfstopp von Astrazeneca für Jüngere. Viele europäische Länder impfen jetzt damit weiter. Deutschland macht das nicht. Ist das zu streng?

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"Das ist einfach Sorgfaltspflicht", sagt Epidemiologe Timo Ulrichs über den Astrazeneca-Stopp.

(Foto: ntv)

Timo Ulrichs: Streng würde ich nicht sagen, aber vorsichtig. Und zwar aus dem Grund, dass wir ja bei einem Impfstoff sehen, dass da ein möglicher Zusammenhang zu schweren Nebenwirkungen sein könnte, die extrem selten, aber immerhin da sind. Das ist einfach Sorgfaltspflicht. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass etwas auftritt, extrem selten ist. Also man kann natürlich abwägen, wie das auch bei anderen Ländern der Fall ist, dass man sagt: 'Es ist ein extrem seltenes Ereignis und der Nutzen überwiegt das bei Weitem.' Man kann aber eben auch den Standpunkt haben, den die STIKO (Ständige Impfkommission, Anm. d. Red.) jetzt vertritt. Dort sagt man: 'Das, was an Nebenwirkungen auftreten könnte, können wir eben vermeiden, wenn wir vor allen Dingen Frauen, die jünger sind als 60, von Astrazeneca ausnehmen.'

Die Bildungsgewerkschaft GEW fordert jetzt eine Rückkehr zum Notbetrieb für Kitas, weil Erzieherinnen und Erzieher aus ihrer Sicht nicht ausreichend geschützt werden können, wenn sie nicht mehr weiter geimpft werden. Außerdem gebe es im Gegensatz zu den Schulen auch keine Ferien. Das Personal muss also weiterhin jeden Tag kommen. Die Zahlen steigen. Ist jetzt eine Rückkehr zum Notbetrieb für Kitas noch unausweichlich?

Eigentlich ja. Aber mit einer anderen Begründung. Es ist nämlich so: Wir haben stark steigende Zahlen, und das erhöht den Infektionsdruck bei den Kitas, sodass man ähnlich wie am Beginn der zweiten Welle zusehen muss, wie man dort möglichst schnell die Kontakte reduzieren kann. Die Begründung mit den Impfungen, die zieht so eigentlich nicht. Es ist ja auch für die Kita-Erzieherinnen und -Erzieher möglich, einen anderen Impfstoff zu bekommen. Und selbst wenn sie die erste Impfung mit Astrazeneca erhalten haben, könnte man dann heterolog mit einem anderen Impfstoff die zweite Impfung durchführen.

Es liegen immer mehr Kinder in Krankenhäusern, die mit dem Coronavirus infiziert sind. Also wohlgemerkt nicht auf Intensivstationen. Aber sie müssen stationär aufgenommen werden. Das haben wir bis jetzt in dieser Pandemie noch nicht gesehen. Ist das schon eine Auswirkung der britischen Mutante?

Ja, das haben wir so noch nicht gesehen. Und es ist auch so, dass wir unter den infizierten Kindern immer mehr sehen, die dieses generalisierte Entzündungssyndrom haben. Dort muss man noch mal genauer nachsehen, wie die Zusammenhänge sind. Aber in der Tat, die Altersgruppen kleiner 80, die sind jetzt stark betroffen, weil die Zahlen generell steigen. Das sind alles gute Gründe, dass man sofort in einen Lockdown geht, um diese Welle zu brechen, sodass auch bei allen Altersgruppen wieder Rückgänge zu sehen sind. Denn das bedeutet zwar nicht direkt, eine intensivmedizinische Versorgung, aber eine Belastung des Gesundheitswesens. Auch, wenn das Risiko von schweren Verläufen bei den Jüngeren nicht so gegeben ist. Aber trotzdem: Das wird alles aufsummiert und das können wir uns auf Dauer einfach nicht leisten. Wir müssen jetzt etwas tun, damit wir Vorsorge treffen.

Nochmal zurück zur britischen Mutante: Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat gesagt, dass sie bei bis zu 90 Prozent der nachgewiesenen Corona-Fälle vorliegt. Jetzt wird immer gesagt, dass sie gefährlicher ist. Aber was konkret ist denn gefährlicher?

Was man ziemlich sicher weiß, ist, dass sich diese britische Mutante oder Variante leichter von einem auf den anderen Menschen übertragen lässt. Das hängt damit zusammen, dass sie sich wohl leichter im Rachenbereich festsetzen kann. Also mit weniger Viren auch schon recht erfolgreich sein wird und die Infizierten scheiden diese britische Variante auch länger aus. Das heißt also, sie ist länger im Vermehrungszyklus bei einem Infizierten, bevor das Ganze dann vom Immunsystem unter Kontrolle gebracht wird. Und das beides zusammen hat die Folge, dass hier eine schnellere Verbreitung stattfindet. Aber diese Wege dazwischen - zwischen einem, der infiziert ist und einem, der es noch nicht ist - die lassen sich genauso unterbrechen, wie bei den Wildtyp-Varianten. Nämlich, indem man Abstände einhält, Masken trägt und so weiter. Das heißt also, wenn wir jetzt die Kontakte schnell und stark reduzieren, können wir auch ganz gut diese Variante und mögliche andere unter Kontrolle bringen und halten.

Aber es wird auch immer gesagt, sie sei tödlicher. Stimmt das?

Ja, da gibt es widersprüchliche Informationen von verschiedenen Studien, die das in anderen Ländern untersucht haben. Das ist noch nicht ganz klar. Also es hängt natürlich auch von der Altersgruppe ab, die betroffen ist. Und die Vergleiche sind sehr schwierig, weil zum Beispiel bei den begonnenen Impfkampagnen, auch in Deutschland, die Menschen, die am stärksten betroffen sind und das höchste Risiko haben zu versterben, jetzt mittlerweile ganz gut durchgeimpft sind. Da fällt der Vergleich etwas schwerer.

Zusammengefasst: Wir haben hier eine gefährlichere Mutation. Wir haben exponentiell steigende Zahlen. Wir haben einen Dämpfer unserer Impfkampagne, wegen des Astrazeneca-Impfstopps für Jüngere. Kommen wir um einen Lockdown jetzt überhaupt noch herum?

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Nein, kommen wir nicht. Und wir hätten auch schon sehr viel früher in den Lockdown gehen können und müssen! Vor allem ist es so ärgerlich, dass wir das ja alles schon kennen, diese ganzen Abläufe seit November, Dezember. Wo wir auch viel zu zögerlich waren, in den Lockdown zu gehen. Wir sehen dann, je später man in den Lockdown geht - und da entscheiden schon Stunden und wenige Tage -, desto schlimmer sind die Auswirkungen und desto schwieriger ist es, die Welle klein zu halten. Und deswegen sollte man das jetzt so schnell wie möglich machen und angesichts der steigenden Zahlen auch immer radikaler. Das heißt möglicherweise auch, die Schulen dann nach den Osterferien noch länger geschlossen zu halten. Das mit den Kitas müsste man mittlerweile auch diskutieren, angesichts der stark steigenden Zahlen. Also wir werden nicht drum herumkommen. Und es wird noch schlimmer werden mit den Zahlen. Die werden jetzt immer noch stärker steigen.

Mit Timo Ulrichs sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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