Panorama

Mehr als eine AdresseWenn Straßen nach Kolonialisten und Völkermördern heißen

13.09.2026, 14:13 Uhr imageVon Torsten Landsberg
00:00 / 08:18
image
Bevor aus der Mohrenstraße die Anton-Wilhelm-Amo-Straße wurde, war sie eine Weile - natürlich illegal - die sehr sympathische "Möhrenstraße". (Foto: picture alliance/dpa)

Umbenennen oder nicht? Um Straßennamen mit kolonialem Hintergrund entbrennen immer wieder hitzige Debatten. Ein Forschungsprojekt will die Auseinandersetzungen nun sprachlich dokumentieren.

Geschichte kann unangenehm sein und nicht alle wollen mit ihren dunklen Kapiteln konfrontiert werden. Irgendwann muss es doch mal gut sein, argumentieren die einen. Die anderen hatten es vor 20, 30 Jahren noch schwer, mit ihrem Anliegen durchzudringen: Die Umbenennung von Straßennamen, die auf die koloniale Vergangenheit verweisen, löst immer wieder hitzige Debatten aus.

In den meisten Städten und Gemeinden ist es heute eine Selbstverständlichkeit, über fragwürdige Namen zumindest zu diskutieren. In der Grundfrage, wie eine Gesellschaft sinnvoll mit schmerzvollen Bereichen der eigenen Historie umgeht - belassen, ändern, informieren? - bleibt die Auseinandersetzung selten frei von Emotionen. Tausende Menschen deutschlandweit erhielten in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eine neue Adresse, obwohl sie gar nicht umgezogen waren. Sie hatten zuvor in Straßen gelebt, die nach Figuren wie dem Mediziner Gustav Nachtigal, dem Gouverneur Theodor Leutwein oder dem Reeder Adolph Woermann benannt waren - Schlüsselfiguren des deutschen Kolonialismus und Beteiligte oder Wegbereiter am Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia.

"Koloniale Straßenbenennungen waren bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts kein komplexes Inventar, die Namen überschneiden sich in vielen Städten", sagt Verena Ebert, die am Zentrum für Philologie und Digitalität der Universität Würzburg das Projekt "Informieren, Dokumentieren, Beraten: Integrierte Namen-, Text- und Bilddatenbank über den Umgang mit kolonialen Straßennamen seit 1945 bis heute" leitet. Die Zielgruppe des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts gehe über die wissenschaftliche Gemeinschaft hinaus. "Wir wollen die Stadtgesellschaften von postkolonialen Initiativen bis hin zu Anwohnenden ansprechen, aber auch Schulklassen, die sich zunehmend mit dem Thema beschäftigen."

image
An den Straßen, die Richard und Cosima Wagner gewidmet sind, gibt es nun in Bayreuth Ergänzungsschilder wegen deren antisemitischer Haltung. (Foto: Pia Bayer/dpa)

Über eine Website können sich Interessierte beteiligen; entstehen soll ein interaktives Rechercheportal mit Karte und der Möglichkeit, Suchanfragen zu stellen. Anhand einer Übersicht über erfolgte Umbenennungen soll das Portal in laufenden Debatten als Informationshilfe dienen: Man kann recherchieren, ob ein kolonialer Name bereits in anderen Städten umbenannt oder kontextualisiert wurde, wie der Diskurs verlief, ob es vielleicht im Nichts verlaufen ist.

Als Datengrundlage dient eine strukturierte Sammlung an kolonialen Benennungen von 1884 bis 1945. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erteilte der Alliierte Kontrollrat, die Regierungs- und Besatzungsbehörde der vier Siegermächte, die Anweisung, alle Namen zu entfernen, die einen Bezug zum Nationalsozialismus hatten. "In der DDR fand in Abgrenzung von allen Formen des Imperialismus als staatlich-ideologisches Selbstverständnis eine vollständige Tilgung kolonialer Straßennamen statt", so Verena Ebert.

In den westlichen Besatzungszonen habe es dagegen kaum Umbenennungen gegeben, weil diese eben nicht primär mit der NS-Ideologie assoziiert wurden, obwohl viele koloniale Benennungen erst in der NS-Zeit stattfanden. In der BRD habe sich später kaum jemand mit den Ursprüngen der Straßennamen auseinandergesetzt. Stattdessen seien sogar neue Namen mit indirekten Bezügen zur Kolonialgeschichte vergeben worden, etwa für die 1965 angelegten Straßen Safariweg und Savannenweg in Hannover. Die Debatten über Umbenennungen hätten erst in den 1980er Jahren begonnen.

Umwidmungen reichen nicht aus

In manchen Fällen blieben Namen erhalten, obwohl ihr kolonialer Hintergrund nicht nur eindeutig war, sondern sogar als änderungswürdig anerkannt wurde. "Nach der Wiedervereinigung setzte man gerne auf sogenannte Umwidmungen", sagt Verena Ebert. Dabei handelte es sich zwar rechtlich um eine Umbenennung, der alte Name blieb aber erhalten. "Die Petersallee in Berlin sollte ursprünglich den deutschen Kolonialisten Carl Peters ehren, ab 1986 wurde sie formal auf den Kommunalpolitiker Hans Peters umgewidmet." Weil das Vorgehen umstritten war und die Kritik nicht abriss, erfolgte 2024 eine endgültige Umbenennung, heute erinnert die Allee in zwei Teilen an die namibische Widerstandskämpferin Anna Mungunda und den Schlachtruf "Maji Maji" von Aufständischen gegen deutsche Kolonialtruppen. "Man möchte heute an Opfer des Kolonialismus erinnern, ihre Nachfahren ehren und damit ein klares Zeichen setzen."

Die Umbenennung von Straßen und Plätzen ist in den meisten Fällen eine sogenannte örtliche Angelegenheit, weshalb die rechtlichen Hürden relativ niedrig sind. Die Maßnahme kann allgemein erinnerungspolitische Gründe haben und beschränkt sich nicht auf Kolonialismus. Berlin hat in seinem Straßengesetz explizit Bezüge zu "Wegbereitern und Verfechtern von Kolonialismus, Sklaverei und rassistisch-imperialistischen Ideologien" festgehalten. Das schützt nicht vor langwierigen Verfahren: Initiativen forderten bereits seit Ende der 1990er Jahre die Umbenennung der heutigen Anton-Wilhelm-Amo-Straße, erst 2020 wurde sie beschlossen, durch Klageverfahren aber bis 2025 verzögert.

Überschaubares Interesse

Eindeutige Mehrheiten für Umbenennungen sind selten. In Münster stimmten Anfang dieses Jahres in einem Bürgerentscheid 52 Prozent der Teilnehmenden für die Beibehaltung von fünf im Nationalsozialismus vergebenen Straßennamen. Das Interesse war überschaubar, die Abstimmungsbeteiligung lag bei 33,19 Prozent. In einer Umfrage von Radio Bremen aus diesem Juni lehnten 60 Prozent Umbenennungen grundsätzlich ab - am häufigsten begründeten sie das mit dem bürokratischen Mehraufwand bei der Änderung der Anschrift.

Für die Umbenennung zweier kolonial belasteter Straßennamen in Köln sprachen sich 59 beziehungsweise 64 Prozent aus. "Es gab in einigen Orten langwierige Diskurse, die letztlich nicht zu einer Umbenennung geführt haben", sagt Verena Ebert. Das werde häufig damit begründet, dass Geschichte durch eine Streichung unsichtbar werde und die alten Namen als Mahnung für die Gegenwart erhalten bleiben müssten.

Egal, ob eine Straße letztlich einen neuen Namen erhält oder nicht: Die Debatte darüber kann den konstruktiven Rahmen schnell verlassen. Können die gesammelten Dokumente Aufschluss über unsere Debattenkultur geben? Verena Ebert: "In Beteiligungsverfahren für Namensvorschläge im Afrikanischen Viertel in Berlin tauchten Einreichungen wie 'Niemals-Grüne-wählen-Straße' auf, in Neustadt an der Weinstraße gab es die zwei Vorschläge 'Woke-Straße' und 'Sich-dem-woken-Zeitkreis-anbiedernder-Stadtrat-Straße'." Eine Kommentierung solcher Eingaben sei durch ihr Projekt allerdings nicht vorgesehen. "Wenn sich Kommunen über unser Portal informieren, wie Umbenennungsprozesse in der Vergangenheit funktioniert haben, und mit welchen Argumentationen pro und kontra zu rechnen ist, kann das erheblich zu einer Versachlichung aktueller und künftiger Debatten beitragen."

Quelle: ntv.de

BerlinBundesanstalt für StraßenwesenKolonialherrschaftNationalsozialismusKöln