Panorama

Mord und digitale Folter"White Tiger" muss sich wegen grausamster Taten verantworten

09.01.2026, 07:20 Uhr
imageVon Solveig Bach
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Shahriar J. hat über Jahre im Internet Kinder und Jugendliche zu schrecklichen Taten gezwungen, ist die Anklage sicher. (Foto: MOPO/Wunder)

Als die Taten von "White Tiger" ans Licht kommen, sind selbst erfahrene Ermittler vom Ausmaß der Verrohung und Unmenschlichkeit entsetzt. Über Jahre soll Shahriar J. Kinder und Jugendliche im Internet dazu gebracht haben, sich selbst zu verletzen - bis hin zum Suizid. Nun steht er dafür vor Gericht.

In Hamburg beginnt am Freitag der Prozess gegen Shahriar J. Der inzwischen 21-Jährige nannte sich im Internet "White Tiger" und soll dort für eine Verbrechensserie verantwortlich sein, die selbst hartgesottene Ermittler an die Grenze des für sie Aushaltbaren brachte.

Der junge Deutsch-Iraner war im vergangenen Juni im Stadtteil Marienthal in seinem Elternhaus festgenommen worden. Ihm werden mehr als 200 schwere und pädokriminelle Straftaten vorgeworfen, wie es in der Anklageschrift heißt. Gemeint sind schwerste Misshandlungen, zu denen J. Kinder und Jugendliche erpresst hat. Systematisch hat er dafür nach Überzeugung der Anklage schon als Heranwachsender labile Teenager rekrutiert.

Auf Gamingplattformen und in geschlossenen Chatgruppen erschlich er sich zunächst das Vertrauen seiner potenziellen Opfer. Dabei handelte es sich um besonders verletzliche Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren, die er in sozialen Medien angesprochen und emotional von sich abhängig gemacht haben soll. Die aus diesem Cybergrooming entstandene Verbundenheit soll er dann unter anderem für die Erstellung kinder- und jugendpornografischer Aufnahmen ausgenutzt haben. Doch auch das war nur die Vorbereitung für noch ungeheuerlichere Taten.

Digitale Folter und Aufruf zum Suizid

Mit den erstellten Aufnahmen wurden die Kinder und Jugendlichen erpresst - zu immer weiteren erniedrigenden und gefährlichen Taten. Nach Erkenntnissen der Ermittler drohte er ihnen damit, die Aufnahmen an Eltern oder Schulfreunde weiterzuleiten. Um das zu verhindern, sollten sich die Opfer nach Erkenntnissen der Ermittler in Livechats seinen Namen in die Haut ritzen, ätzende Flüssigkeit in die Wunden gießen und an den Genitalien verletzen. "Cybervergewaltigung" nennen es die mit dem Fall betrauten Fahnder - und digitale Folter.

Bereits 2021 waren Ermittler in den USA auf Aufnahmen von diesen Selbstverletzungen aufmerksam geworden und hatten die Datenspuren bis zu Shahriar J. nach Hamburg zurückverfolgt. J. wurde von deutschen Behörden wegen des Verdachts des Besitzes jugendpornografischer Aufnahmen vernommen, die Ermittlungen aber wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Ein FBI-Ermittler informierte die deutschen Behörden im Februar 2023 bei einem Treffen in der Hansestadt über weitere Erkenntnisse. Die US-Kollegen hielten J. inzwischen für einen führenden Kopf der pädokriminellen Gruppe 764, die sich an den schweren Selbstverletzungen Minderjähriger ergötzt. Und sie machten J. für den Tod des 13-jährigen Jay Taylor in den USA verantwortlich, der sich im Februar 2022 das Leben genommen hatte.

Als 17-Jähriger soll "White Tiger" den 13-Jährigen über das Internet in den Suizid getrieben und sich dabei einer anderen, ebenfalls von ihm über das Netz gequälten Minderjährigen bedient haben. Jay hatte sein Sterben gefilmt, den Stream sollen J. und das weitere Opfer verfolgt und später öffentlich geteilt haben. Für die Mitglieder von 764 sind solche Aufnahmen regelrechte Trophäen. Für manche von ihnen ist der Suizid eines anderen im Livestream das oberste Ziel.

"Unvorstellbare Gewalt"

Die Anklage wirft J. deshalb einen vollendeten und fünf weitere versuchte Morde vor, weil er seine Opfer zu den Selbsttötungen überredet hat oder versucht hat zu überreden. Insgesamt werden dem Angeklagten Straftaten zur Last gelegt, die er laut Gericht zwischen Januar 2021 und September 2023 zum Nachteil von mehr als 30 Kindern und Jugendlichen begangen haben soll. Die Opfer stammen nach Angaben der Ermittler aus Deutschland, England, Kanada und den USA. Zwei der deutschen Opfer kommen demnach aus Hamburg, eines aus Niedersachsen.

Nach der Festnahme von "White Tiger" sprach der Hamburger Polizeipräsident Falk Schnabel von "Abgründen fast unvorstellbarer sexuell motivierter Gewalt". Die Taten zeigten ein unvorstellbares Maß an Verrohung und Unmenschlichkeit. Die Videos waren nach Angaben der Polizei so grausam, dass sogar erfahrene Ermittler sie kaum anschauen konnten. Den Hamburger Ermittlerinnen und Ermittlern wurde psychologischer Beistand zur Seite gestellt.

Der FBI-Beamte quittierte später seinen Dienst, das Video-Material der monströsen Verbrechen hatte den Afghanistan-Veteranen schwer traumatisiert. "Wenn man sich die Chats angeschaut hat, waren da viele Kinder dabei, die nach Liebe und Aufmerksamkeit gesucht haben", sagte der Mann RTL/ntv. "Und er hat ihnen diese Aufmerksamkeit gegeben." Er wirft den deutschen Behörden vor, J. nicht gestoppt zu haben, eine Person, die er als "fasziniert von absoluter Gewalt und Töten" beschreibt. Monate und Jahre seien vergangen, in denen er gewusst habe, dass "White Tiger" noch immer auf freiem Fuß war.

Es dürfte ein Mammutprozess werden, in dem vermutlich erst am Ende des Jahres ein Urteil fällt. Weil J. die Straftaten selbst als Jugendlicher begangen haben soll, findet die Verhandlung vor einer Jugendkammer der Großen Strafkammer des Landgerichts statt - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Im Jugendstrafrecht gilt der Staatsanwaltschaft zufolge eine Jugendstrafe von fünf Jahren als schwerwiegendste Maßnahme. Bei Verbrechen, die im Erwachsenenstrafrecht mehr als zehn Jahre Haft vorsehen, sind im Jugendstrafrecht maximal zehn Jahre möglich. Das wäre bei Mord der Fall. Besteht bei einem Heranwachsenden zudem eine besondere Schwere der Schuld, ist eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren möglich.

Quelle: ntv.de

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