"Unverschämtes aller Art"So können "gaga Systemnutten" sich gegen Müll-Kommmentare wehren
Ein Interview von Sabine Oelmann 
Natürlich, wenn man JournalistIn ist, weiß man, dass man nicht die einzige Person auf der Welt ist, die für ihre Arbeit oder wegen ihrer Arbeit oder weil sie überhaupt das macht, was sie macht, beschimpft wird. Aber manchmal reicht es eben. Ein Gespräch mit Anwältin Meike Rodenstein bringt Klarheit.
Wenn ein Mann schreibt "Die gaga Systemnutte Oelmann", dann kann ich das ignorieren. Was ich gegenüber den Typen, die mir aus unerfindlichen Gründen auf Instagram folgen, obwohl ich so blöd bin, auch so handhabe. Einer zum Beispiel postet nichts anderes als volksverhetzendes Zeug "light", denn so viel Mut hat er dann doch nicht, um sich mal richtig zu positionieren. Also schreibt er lieber #schuckfolz oder postet das Geschwurbel von Richard David Precht kommentarlos auf seiner Seite und Sportvideos von einem jungen Mann (weil er selbst eben nicht so gut Skifahren, Golf spielen oder Rolle rückwärts kann?), statt sich zu zeigen. Mit der Syndikusrechtsanwältin in der Medienpolitik bei RTL, Meike Rodenstein, habe ich mich darüber unterhalten, was man gegen solche Kommentare unternehmen kann.
ntv.de: "Die gaga Systemnutte Oelmann" ist wirklich noch eine der harmlosesten Beleidigungen, die ich so bekomme, mal abgesehen von Drohungen. Und ja, diese - in meinem Fall sind es meist - Männer sind sicher nur arme Würstchen, die mit dem falschen Fuß aufgestanden sind, keinen Sex haben oder Job-Frust, aber: Manchmal reicht es eben. Was gibt es für Möglichkeiten, gegen Unverschämtheiten dieser Art vorzugehen?
Meike Rodenstein: Das Thema hat über die Jahre stark zugenommen, dass sich eine bestimmte, konzentrierte Form von Wut gegen die "Systemmedien" und auch einzelne Journalisten herauskristallisiert hat, und das bei uns dann vermehrt ankam. Wir haben das vor allem auf den Facebook-Fanpages gesehen, wo sich viele Hasskommentare gesammelt haben - sowohl gegen unsere Sendergesichter als auch Leute aus Beiträgen. Wir hatten uns das Thema damals vorgenommen, weil wir nicht, wie viele andere Medien es getan haben, aus Vorsichtmaßnahmen die Kommentarspalten abschalten wollten. Wir waren uns sicher, dass sich dieser Hass dann an anderer Stelle seinen Weg sucht.
Also in Foren zum Beispiel …
Genau, und da bekäme man dann vieles gar nicht mehr mit. Außerdem ist das Thema Meinungsfreiheit ein hohes Gut, das schon beruflich in unserer DNA liegt. Deswegen wollten wir die Diskussionen nicht unterbinden, sondern haben überlegt, wie wir das Problemen ursächlich-strukturell angehen können. Wir haben damals damit angefangen und diese Kommentare zur Anzeige gebracht, bei Staatsanwaltschaft und Polizei.
Hat das was gebracht?
Sagen wir mal so: Es war unglaublich erdend (lacht), und Prozesse waren noch nicht definiert. Wir haben dann ein Pilotprojekt gestartet, das sich "Verfolgen statt nur Löschen" nennt, wo wir uns mit der Landesanstalt für Medien NRW zusammengetan haben, um eine effektive Strafverfolgung im Netz voranzutreiben. Es gibt in NRW eine Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC), die darauf spezialisiert ist, und zwar über die lokalen Zuständigkeiten einzelner Staatsanwaltschaften hinaus.
Ging das nur von RTL aus?
Gründungsmitglieder waren neben der Medienanstalt das Landeskriminalamt, die Polizei NRW, die ZAC und als Medienpartner neben RTL die Rheinische Post und der WDR, weil wir mit unseren Zuschauern und Nutzern eine große Zielgruppe erreichen.
Was wollten - und wollen - Sie der Zielgruppe denn möglichst nahebringen?
Wir hatten von Anfang an das Gefühl, dass ein Mangel an Unrechtsbewusstsein herrscht. Dass diese Menschen ehrlich gesagt gar nicht wissen, was sie anrichten. Die meisten verschleiern ihren Account nicht einmal, sie agieren unter ihren Klarnamen.
Sie denken auch nicht daran, dass sie reale Menschen beleidigen …
So weit schon gar nicht! Ob man sich dagegen individuell strafrechtlich wehren sollte, ist ein Punkt, den man persönlich abwägen muss. Ob diese Personen dann aufhören, oder ob sie sich sagen, jetzt erst recht, weiß man nicht.
Als JournalistIn ein dickes Fell zu haben schadet jedenfalls nicht …
Unbedingt, denn bereits beim nächsten Text kann es ja wieder Kommentare unter der Gürtellinie hageln.
Diese Einschüchterungstaktik darf natürlich nicht funktionieren. Dann hätten die Hater ihr Ziel erreicht, die freie Presse bei ihrer Arbeit zu behindern. Nicht nur Journalisten geht das so, auch Influencern oder generell Menschen, die sich in die Öffentlichkeit wagen.
Der Gedanke unseres Projektes ist, dass wir bestimmte Sachverhalte bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige bringen, denn dann wird das Thema im Rahmen unseres Strafrechts verfolgt. Wir wollen, dass die Menschen die Konsequenzen spüren. Ziel ist das Zurückdrängen von strafbaren Kommentaren im Internet und generalpräventiv eine abschreckende Wirkung auf künftige Täter. Wir als Medienhäuser wollen die Bevölkerung aufklären und dadurch verhindern, dass diese Dinge überhaupt passieren.
Also ein Umdenken herbeiführen …
Ja, ich nehme im Geschäft ja auch nicht einfach mit, was mir gefällt, sondern bezahle. Genauso klar muss es sein, dass ich im Netz niemanden beleidige oder mich anders strafrechtlich relevant verhalte mit dem Gedanken, einfach so davonzukommen.
Als Rechtsbeistand können Sie Betroffene begleiten, aber man weiß dennoch nie sicher, wie das weitergeht …
Genau, was wir den journalistischen Kollegen nicht abnehmen können, ist die Entscheidung: Lasse ich es auf sich beruhen, oder gehe ich die Extra-Meile und piekse potentiell in ein Wespennest, sodass das Ganze am Ende noch viel schlimmer wird?? Die Frage: "Wird es eskalieren?" ist nicht auszuschließen. Das ist äußerst schwer einzuschätzen.
Bei persönlichen Beleidigungen steckt man als Journalist eher zurück …
... wenn es allerdings volksverhetzende Inhalte sind, die da veröffentlicht werden, also allgemein strafrechtlich relevante Inhalte, dann bringen wir, als Unternehmen, das zur Anzeige. Wenn es höchstpersönliche Delikte sind, zum Beispiel per Direktnachricht oder Brief oder Mail, dann wird es komplizierter.
Wer ist der typische Hatespeech-Verfasser?
Das ist eher thematisch unterschiedlich. Unsere Erfahrung sagt, es gibt Männer, Frauen, Alte, Junge, es zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Das sind zumindest die Erfahrungen in unserem Projekt.
Bringt Ihre Arbeit denn was?
So gesehen ist es ein Kampf gegen Windmühlen, das stimmt. Wir haben in unserem Haus im Monat insgesamt über eine Million Kommentare auf unseren Social-Media-Seiten. Dass da immer wieder neue Hassnachrichten hinzukommen, ist nicht zu leugnen. Bis zum Dezember 2025 konnten wir in unserem Projekt aber über 1860 Anzeigen verzeichnen, die bei der ZAC NRW eingegangen sind. Mittlerweile machen bei dem Projekt 26 Projektpartner mit.
Also ist das Projekt ein Erfolg?
In unseren Augen schon, ich würde sagen, dass wir eine positive Entwicklung mit angeschoben haben. Es gibt mittlerweile in fast allen Bundesländern ähnliche Projekte. Das schafft, auch mit unterschiedlichen Titeln für die jeweiligen Projekte, Synergien, und wir können in ganz Deutschland gegen Täter vorgehen, egal, ob in Schleswig-Holstein oder Berlin, Bayern oder im Saarland. Diese Zusammenarbeit ist ein großer Erfolg. Macht das das Netz frei von Hass? So weit sind wir noch nicht (lacht). Aber wir arbeiten dran. Ich bin davon überzeugt, dass bei vielen, die wir bis heute erreicht haben, ein tatsächlicher Denkprozess stattgefunden hat.
Mit Meike Rodenstein sprach Sabine Oelmann