"Niemand ist immer glücklich"Wie Jugendliche die Fehler der Eltern vermeiden können
Von Torsten Landsberg
Die Weltlage stellt ein lange gültiges Versprechen infrage: dass es der nachfolgenden Generation besser gehen wird. Wie man trotzdem glücklicher wird als die Eltern, hat Bettina Kaltenbach aufgeschrieben.
Wie wäre das eigene Leben wohl verlaufen, wenn diese eine Entscheidung damals anders ausgefallen wäre? Hätte der andere Job oder jenes Hobby nicht viel besser gepasst? Solche Fragen schlagen im Erwachsenenleben wohl bei den meisten früher oder später auf. Wer mit den eigenen Erfahrungen den Nachwuchs bei seiner Entscheidungsfindung unterstützen möchte, sollte nicht mit Dankbarkeit und offenen Ohren rechnen. So sinnvoll und hilfreich sie auch sein mögen, Elternratschläge quittieren Jugendliche bestenfalls mit rollenden Augen.
"Ich hätte mir als Jugendliche gewünscht, dass mir jemand von außen ein paar Ratschläge an die Hand gibt: 'Nimm, was du brauchst, den Rest kannst du weglassen'", sagt Bettina Kaltenbach, die in ihrem Jugendbuch "Wie werde ich glücklicher als meine Eltern?" eine Handreichung mit 50 Tipps zusammengestellt hat, damit sich junge Menschen die Wirren der Adoleszenz und der Welt als Ganzes nicht von den uncoolen Eltern erklären lassen müssen. Neben den Allzeit-Themen Liebe und Job wachsen sie in enorme gesellschaftliche Umbrüche hinein - Künstliche Intelligenz, Klimawandel, Altersvorsorge, Kriege.
Das lange gültige Versprechen, der nachfolgenden Generation werde es (noch) besser gehen, steht auf wackeligen Beinen. "Angesichts der weltpolitischen Lage kann schnell ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht aufkommen", sagt Kaltenbach ntv.de. "Vieles lässt sich ohnehin nicht beeinflussen, also muss man sich fragen: 'Was kannst du tun und wie kannst du handeln?' Um eben nicht in der Sorge zu erstarren, dass alles irgendwie gar keinen Sinn hat."
Nicht desillusioniert, aber ambivalent
Völlig desillusioniert ist der jugendliche Blick in die Zukunft nicht - aber ambivalent. In der Trendstudie "Jugend in Deutschland 2025" zeigte sich die Mehrheit der 14- bis 29-Jährigen im Privaten zuversichtlich, aber gesellschaftlich und politisch enttäuscht. Zwar gaben 65 Prozent an, insgesamt positiv auf ihre persönliche Zukunft zu blicken, jeder Vierte schätzte aber den eigenen psychischen Zustand als behandlungsbedürftig ein. Zu den größten Sorgen zählten Kriege, Wirtschaftskrise, Klimawandel und Altersarmut.
In der Anfang dieses Jahres veröffentlichten Sinus-Jugendstudie im Auftrag der Barmer zeigten sich nur 44 Prozent der Befragten zwischen 14 und 17 Jahren optimistisch für die Zukunft des Landes. Vor fünf Jahren waren es noch 62 Prozent. Erstaunlicherweise sehen rund 79 Prozent ihre persönliche Zukunft dennoch positiv. Auch hier bereiten Kriege, Klimawandel, politischer Populismus und Umweltverschmutzung die größten Sorgen.
"Ich finde es wichtig, achtsam und vorsichtig mit dem Nachrichtenkonsum umzugehen", sagt Kaltenbach. Die vielen negativen Meldungen hätten starken Einfluss auf unseren inneren Zustand. Umso wichtiger sei es, den eigenen Wirkungsbereich zu gestalten und Entscheidungen zu treffen, mit denen man sich wohlfühle - wichtiger als das Glück selbst: "Glücklich zu sein ist sowieso kein Dauerzustand, niemand ist immer glücklich."
Der Midlife Crisis schon in der Jugend vorbeugen?
Die Einordnung "glücklicher" suggeriert natürlich, dass die Eltern es nicht unbedingt sind. "Viele Eltern sind einfach enorm gestresst", sagt Kaltenbach. Die Anforderungen im Job, Familiengründung, Kindererziehung, eine kriselnde oder zerbrechende Beziehung: "Es gibt viele Gründe dafür, dass Kinder oder Jugendliche ihre Eltern nicht gerade als glücklich bezeichnen würden." Viele Erwachsene würden ihre Lebensentscheidungen erst kritisch hinterfragen, wenn die Krise bereits vor der Tür stehe. Lässt sich der Midlife Crisis etwa schon in der Jugend vorbeugen? "Es kann nicht schaden, ein paar Sachen schon früher zu wissen. Dann muss man nicht warten, bis die große Krise kommt."
Im Normalfall werden sich die meisten Eltern für ihre Kinder wünschen, dass sie ein glückliches Leben führen - unabhängig davon, was sie machen, für welche Ausbildungen oder Jobs sie sich entscheiden und wen sie lieben. Auf irgendeinem Gebiet erfolgreicher zu sein als die eigenen Eltern, sei allerdings kein Selbstläufer, sagt Kaltenbach. Viele Jugendliche würden sich das nicht zugestehen, aus Schuldgefühl oder Solidarität den Eltern gegenüber.
"In Familien sitzen oft ganz tief liegende Loyalitäten, emotionale Bindungen, selbst wenn sie nicht positiv sind." Gehe es den Eltern finanziell oder gesundheitlich nicht gut, könne es den Kindern schwerer fallen, ein eigenes, weniger beschwertes Leben zu führen. Auch wegen einer besseren schulischen Bildung könnten sie sich Vorwürfe machen. "Viele befürchten, dass die Verbundenheit in Gefahr gerät und man sich entfremdet, wenn sich die Kinder aus dem sozialen Umfeld herausschälen." Es sei wichtig, sich davon zu lösen und bewusst zu machen, dass ein erfülltes Leben im Sinne der Eltern sei.
Wann müsste man nun damit beginnen, die Zukunft konkreter zu planen und die gesteckten Ziele konsequent zu verfolgen - gerade in einer Lebensphase, in der sich Interessen, Wünsche und Bedürfnisse recht schnell ändern können? "'Müssen' steht in diesem Alter auf dem Index, wenn es um die Zukunftsplanung geht", sagt Kaltenbach. Statt voreilig den späteren Karriereweg strategisch auszutüfteln, sollten Jugendliche so unbeschwert wie möglich spüren, was sie interessiert, sich dabei Zeit geben und Pausen lassen. "Sie sollen sich ausprobieren, Neues entdecken, jobben, auf Reisen gehen", sagt Kaltenbach. Das gelte auch für die Zeit nach dem Schulabschluss. "Wir werden immer älter, arbeiten kann man also noch lange genug." Das solle nicht bedeuten, Arbeit als Übel zu sehen und möglichst zu vermeiden. "Im Gegenteil: Wer Leidenschaften entdeckt und verfolgt, entwickelt auch Ehrgeiz." Wenn der Beruf Spaß mache, führe das unmittelbar zu Zufriedenheit, Bestätigung und sowohl kurz- als auch langfristig zu mentaler Gesundheit. "Das gilt übrigens nicht nur für Jugendliche."
