Ein simples "Hallo" wär' schönWie Smalltalk unsere Diskussionskultur retten kann
Von Torsten Landsberg
Die Welt ist widersprüchlich, die öffentlichen Debatten über die großen Themen sind verhärtet. Um wieder zueinanderzufinden, plädiert der Autor Pierrot Raschdorff für die Renaissance einer alten Tugend.
Im Eingangsbereich stehen Nachbarn auf einen kurzen Plausch zusammen, als jemand die Haustür aufschließt. Ein bislang unbekanntes Gesicht einer - wegen des Schlüssels offenbar hier wohnhaften - jungen Frau taucht auf. Wortlos und ohne Blickkontakt geht sie zwischen den anderen hindurch und verschwindet hinter einer Wohnungstür im Erdgeschoss. Wenn ein unverbindliches "Hallo" unter Nachbarn als geringster Austausch menschlicher Interaktion schon zu viel ist, wie sollen wir dann erst schwierige Themen vernünftig ausdiskutieren? Und wäre es nicht schön, wenn jemand die gute, alte Höflichkeit reaktivieren könnte?
"Ich glaube, dass der Begriff, wie wir ihn bisher kennen, nicht mehr ausreicht", sagt Pierrot Raschdorff, Autor von "Die neue Höflichkeit - Über eine Tugend und wie sie uns wieder zusammenbringt", im Gespräch mit ntv.de. Höflichkeit werde mit Etikette verbunden, bedeute aber viel mehr, als jemandem die Tür aufzuhalten. "Die 'neue' Höflichkeit ist eine Einladung zu mehr Selbstreflexion. Im Alltag zeigt sie sich vor allem darin, wie wir mit Unterschieden umgehen: ob wir andere sofort abwerten oder ihnen mit Offenheit begegnen. Dafür brauchen wir mehr Ambiguitätstoleranz."
Der etwas sperrige Begriff bedeutet, mit Widersprüchlichkeit umgehen zu können, auch wenn es schmerzhaft ist. Damit zu leben, dass das Gegenüber einen anderen, vielleicht mit den eigenen Werten nicht kompatiblen Standpunkt vertritt, kann in einer komplexen Welt eine wertvolle soziale Kompetenz sein. Im Englischen schließt man solche Situationen gerne mit agree to disagree - wir sind uns einig darin, uns nicht einig zu sein.
Die Idee, über Höflichkeit zu schreiben, sei ihm bei Diskussionen nach Lesungen seines ersten Buchs "Schwarz. Rot. Wir." gekommen, erzählt Pierrot Raschdorff. In dem 2022 veröffentlichten Buch beschäftigte er sich mit Vielfalt und Vorurteilen in unserer Gesellschaft. "Damals sagten viele Menschen, sie wüssten gar nicht mehr, wie sie sich vernünftig unterhalten könnten. Sie waren ratlos, wie sie in den Dialog treten sollten." Gerade bei Diversity-Themen gebe es viele Begriffe, die nicht allen geläufig seien. Manche Menschen hätten deshalb Angst, in einer Diskussion moralisch vorgeführt zu werden.
Wer Debatten in den sozialen Netzwerken verfolgt, weiß um die Verhärtung. Ein ungeschickter, unüberlegter Ausdruck genügt, um zur Zielscheibe von Spott und digitaler Ächtung zu werden. "Hier kommt die Höflichkeit zum Tragen: Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, wie wir mit anderen Menschen umgehen wollen. Wir müssen auch eine gewisse Fehlertoleranz mitbringen, sonst können wir keine Debatten mehr führen", sagt Pierrot Raschdorff. Er nehme bei vielen Menschen Interesse und Offenheit für komplexe Themen wahr. "Es ist gefährlich, wenn diese Menschen, die innerlich einen ganz klaren Wertekodex haben, nicht mehr in den Dialog gehen und sich wegen der Anfeindungen sogar dem Gegenlager anschließen."
Als schwarzer Autor sei er selbst nicht frei von diskriminierender Sprache. "Wer ist das schon in einem unüberlegten Moment? Es geht letztlich darum, sich das selbst einzugestehen und das Fehlverhalten zu revidieren." Bewusst oder mindestens unbewusst trage jeder Mensch Vorurteile in sich. "Ich glaube, fast jede und jeder hat sich in meinem Umfeld schon einmal rassistisch geäußert." Entscheidend sei, wie beide Seiten auf Grenzüberschreitungen reagieren würden: "Nicht alles, was falsch formuliert wird, ist böswillig gemeint - was nicht heißt, dass es keine Grenzen gibt."
Jeder Zweite wurde im Internet schon beleidigt
Schwierig wird es, wenn die kritische Selbstreflexion ausbleibt. Gerade im Digitalen ist der Raum für Vielstimmigkeit begrenzt. Laut der 2024 veröffentlichten Studie "Lauter Hass - leiser Rückzug" des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz wurde fast jede zweite Person in Deutschland online schon einmal beleidigt. Besonders häufig betroffen sind Menschen mit Migrationshintergrund oder aus der LGBTQ+-Gemeinschaft sowie junge Frauen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Hass im Netz zur Verrohung der Debattenkultur führt und den demokratischen Diskurs bedroht.
"Social Media ist tatsächlich zu einem schwierigen Raum geworden", so Raschdorff. Weil Nutzerinnen und Nutzer sich hier in ihren eigenen Echokammern bewegten und in ihren Ansichten fortlaufend bestätigt würden, sei die Ambiguitätstoleranz online besonders gering. "Hinzu kommt, dass der Algorithmus eben nicht neutral ist, sondern darauf abzielt, zu eskalieren und negative Botschaften großzumachen." Die sozialen Medien seien mittlerweile ungeeignet, kritisches Denken zu fördern.
Die digitalen Blasen haben Auswirkungen auf den analogen Alltag. Die Studie des Kompetenznetzwerks beschreibt den "Silencing Effect": Menschen verändern ihr Verhalten im echten Leben, werden vorsichtiger und konfliktscheuer. Die jährlich erscheinende JIM-Studie über das Medienverhalten der 12- bis 19-Jährigen bestätigt, dass Hass auf den Plattformen den Offline-Alltag junger Menschen beeinflusst. Viele der befragten Jugendlichen fühlen sich hilflos und passen ihr reales Verhalten den digitalen Erfahrungen an.
Wendepunkt Pandemie
Als gesellschaftlichen Wendepunkt sieht Raschdorff die Pandemie. Sie habe die Debattenkultur nachhaltig verändert. Nie zuvor habe er eine solche Verhärtung von Menschen erlebt, die sich der Debatte und Argumenten völlig verschlossen hätten. "Diese Art der Diskussionskultur, dass es nur noch diese eine 'richtige' Meinung gibt, ist auch nach der Pandemie zu beobachten."
Die neue Höflichkeit solle nicht über Unterschiede hinweggehen, sondern sie als Teil unserer Demokratie wertschätzen. "Es gibt Themen wie Migration oder Klima, die für Teile der Gesellschaft ein erhebliches Polarisierungs- und Spaltungspotenzial haben. Aber im persönlichen Gespräch mit ganz unterschiedlichen Menschen erlebe ich oft, dass unsere Gesellschaft weniger gespalten ist, als es die öffentliche Debatte manchmal nahelegt", sagt Pierrot Raschdorff. Eine heterogene Gesellschaft müsse unterschiedliche Meinungen aushalten, dürfe Widerspruch aber auch nicht ständig als Kränkung verstehen. "Wir müssen lernen, besser miteinander zu streiten."
Was wie eine unlösbare Aufgabe klingen mag, sei in der praktischen Umsetzung gar nicht so schwierig - ein "Hallo" im Hausflur könne schon ein Anfang sein. "Der Smalltalk ist ein wenig in Verruf geraten, dabei ist es doch schön, in einem kurzen Dialog mit meinem Gegenüber ein Gefühl von Zugehörigkeit zu erzeugen - selbst, wenn man sich nicht kennt", so Raschdorff. Dabei könne es um Allerweltsthemen wie das Wetter oder ein Fußballspiel vom Vorabend gehen. Selbst solche unverbindlichen Begegnungen könnten dem grassierenden Gefühl von Einsamkeit entgegenwirken. "Die 'neue' Höflichkeit ist auch ein Weg zu mehr Menschlichkeit, eine Erinnerung, dass es hilfreich ist, mehr persönlich in den Kontakt zu treten."
