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"Der Boxer in der elften Runde" Wie schlimm trifft die Omikron-Welle Deutschland?

Die Omikron-Welle türmt sich auf, "uns drohen sehr schwere Wochen", mahnt Gesundheitsminister Lauterbach. Eine für ntv erstellte Simulation der Universität des Saarlands zeigt, wie schlimm es werden könnte. Mit etwas Glück kommt Deutschland mit einem blauen Auge davon.

Die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland steigt steil an, von 225 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner hat sie binnen drei Wochen auf 550 zugelegt. Verantwortlich dafür ist ganz klar die Ausbreitung von Omikron. Doch wie hart wird die Welle Deutschland noch treffen? Werden Fallzahlen jenseits der 3000 wie in anderen Ländern erreicht oder verläuft sie flacher? Und wie viele Menschen werden schwer krank?

Eine für ntv erstellte Simulation der Universität des Saarlands zeigt, dass die kommenden Wochen sehr schwer zu werden drohen, wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnt. Doch weil Deutschland Maßnahmen ergriffen hat, könnte die Omikron-Welle auch relativ glimpflich verlaufen.

Große Unterschiede in Deutschland

Eine verlässliche Prognose sei derzeit nicht einfach, erklärt Thorsten Lehr, der beim Covid-Simulator der Universität federführend ist. Durch den Datenverzug in der Weihnachtszeit und der gleichzeitigen Ausbreitung von Omikron herrsche nach wie vor noch relativ viel Nebel, sagt er. Man sehe in Deutschland auch noch ein relativ starkes Gefälle zwischen Norden, Süden und Osten.

Tatsächlich sind die Unterschiede eklatant. In Bremen beträgt die 7-Tage-Inzidenz rund 1300, in Berlin liegt sie knapp unter 1000, in Hamburg bei 900. Thüringen dagegen zählt aktuell rund 200 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner, auch Sachsen und Sachsen-Anhalt liegen noch deutlich unter 300. Die großen Flächenländer NRW, Bayern und Baden-Württemberg bewegen sich dazwischen bei Werten um 550.

Exakte Prognosen zur Omikron-Welle sind schwierig

In den Zahlen ist viel Bewegung, insgesamt erwartet Lehr, dass sie noch relativ deutlich steigen werden. Es könnten durchaus Werte wie in einigen Nachbarländern jenseits der 1000 oder auch 2000 Neuinfektionen erreicht werden. "Könnte" betont der Professor für klinische Pharmazie, die Unsicherheit sei eben noch sehr hoch.

Für die kommenden zwei Wochen ist die Prognose aber ziemlich klar: Bis Monatsende wird die Inzidenz in Deutschland auf jeden Fall über 1000 steigen. Die Simulation sieht sie am 31. bei 1400, der Unschärfebereich ist hier mit Werten zwischen 1300 und 1700 relativ schmal. Im Anschluss hat das Modell einen weiteren Anstieg bis Anfang März auf über 3000 errechnet, wobei auch Inzidenzen von mehr als 4000 oder auch nur 2300 möglich sind. Viel hänge auch davon ab, ob die Testkapazitäten überhaupt ausreichen, um die Neuinfektionen realistisch erfassen zu können, sagt Lehr.

"Keine Wand, eher ein Hügel"

Trotz aller Unsicherheit zeichne sich aber ab, dass sich in Deutschland eher keine senkrechte "Omikron-Wand" aufbaut und die Welle flacher ausfällt. "Wir gehen davon aus, dass wir einen etwas langsameren Anstieg als in den Nachbarländern sehen werden", sagt Lehr. Man habe mit 2G und 2G plus bessere Schutzmaßnahmen, was die Ausbreitung etwas zu bremsen scheine.

Man habe auch einberechnet, dass die Boosterimpfungen in Deutschland weiter deutlich vorankommen, ergänzt Lehr. Außerdem beinhalte das Modell, dass die Fallzahlen auch durch die Saisonalität des Virus im Frühling fallen werden.

Ob die Inzidenz genauso rapide fallen wird, wie in Großbritannien und anderen Ländern, sei noch offen. Warum dies so ist, "wissen wir ehrlich gesagt auch nicht." Es könne so kommen, "aber momentan sieht es bei uns eher gedämpft aus. Also eher der Hügel, wie Herr Lauterbach gesagt hat und weniger die Wand".

Seltener schwere Erkrankungen durch Omikron

Wichtiger als die Höhe der Welle ist, welche Auswirkungen sie in den Krankenhäusern hat. Auch hier sei eine Prognose nicht leicht, so Lehr. Das liege einerseits ebenfalls an einem Meldeverzug durch Weihnachten, zum anderen gebe es verschiedene Studien zur Schwere von Omikron-Erkrankungen.

Die britische Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) schreibt in ihrem jüngsten Varianten-Bericht, es bestehe inzwischen großes Vertrauen darin, dass Omikron weniger schwere Erkrankungen bei Erwachsenen verursacht. Im vorangegangenen Bericht schätzte die Behörde das Risiko, wegen Omikron ins Krankenhaus zu kommen, halb so groß, das Risiko, ein Intensivfall zu werden, um ein Drittel kleiner ein als bei Delta.

Bei Kindern sei die Sachlage nicht so klar, schreibt die UKHSA. Es gäbe einen leichten Anstieg der Hospitalisierungen bei unter 5-Jährigen, der untersucht werde. Frühe Daten belegten, dass kleine Kinder, die in die Klinik eingeliefert werden, nur leicht erkrankten und nach kurzen Aufenthalten entlassen würden. Die Daten zeigten weiterhin, dass Covid-19 ein sehr geringes Gesundheitsrisiko für Kinder und Säuglinge darstelle.

Hoffentlich nur ein blaues Auge

Dass Omikron seltener zu schweren Verläufen führt, berücksichtigt auch das Modell der Universität des Saarlandes. Trotzdem sieht es durch die Masse der Infektionen auch einen deutlichen Anstieg der Intensivfälle auf über 6000 Covid-19-Patienten. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen müsste beatmet werden. Das würden Werte wie zum Höhepunkt vor einem Jahr bedeuten und die Krankenhäuser enorm belasten. Es könnten allerdings auch deutlich mehr oder weniger Intensivpatienten werden.

Insgesamt erwartet Lehr für die Intensivstationen aber, "dass wir mit einem blauen Auge davon kommen können", unter anderem auch wegen neuer Medikamente, die in Kürze zu Verfügung stünden. Auch bei den Intensivfällen sei der Konfidenzbereich allerdings groß. Es handle sich um eine sehr lange Prognose "und auch hier gilt der Konjunktiv".

Infektionszahlen aus Großbritannien und Dänemark machen Hoffnung

Hoffnung, dass die deutschen Intensivstationen nicht mit neuen Höchstständen rechnen müssen, machen vor allem Zahlen aus Großbritannien. Denn dort hat sich in der Omikron-Welle die Anzahl der beatmeten Corona-Fälle seit Anfang November im 7-Tage-Schnitt sogar von über 1000 auf weniger als 800 verringert. Allerdings sind die Impfquoten bei den vulnerablen älteren Menschen im Vereinigten Königreich deutlich höher als in Deutschland.

Ähnliches gilt für Dänemark. Bei sehr hohen Impfquoten hat dort die Zahl der Intensivpatienten bis zum 6. Januar zwar zugenommen, seitdem ist sie aber stark rückläufig. Außerdem blieben die Werte weit unter den Höchstständen vor einem Jahr und im März 2020.

Starke Zunahme auf Normalstationen erwartet

Was sich in Großbritannien und Dänemark auch zeigt: Die Bundesrepublik muss vor allem mit einer sehr starken Zunahme der Patienten mit Covid-19 auf den Normalstationen rechnen. Das geht auch aus der Simulation der Saarbrücker Wissenschaftler hervor. Lehr erwartet etwa doppelt so viele Fälle wie zum bisherigen Höhepunkt dieses Winters. Auf über 26.000 Fälle kommt das Modell im Laufe des März, es könnten auch fast 35.000 werden.

Davon werden viele nicht wegen, sondern mit Covid-19 ins Krankenhaus kommen, wie unter anderem Zahlen aus Großbritannien und den USA zeigen. Das heißt, die Patienten werden erst in der Klinik positiv getestet. In England ist das beispielsweise laut NHS-Daten bereits bei rund zwei Dritteln der Fall.

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Für die Hospitäler sind aber auch diese Patienten ein riesiges Problem, denn sie müssen unter großem Aufwand isoliert untergebracht und behandelt werden. Außerdem kann eine Covid-19-Infektion die Situation eines Patienten verschlechtern, der wegen einer anderen Erkrankung in der Klinik ist.

"Ich glaube schon, dass wir uns irgendwie durchhangeln können", sagt Thorsten Lehr. "Es fühlt sich an, wie der Boxer in der elften Runde, der versucht, bis zur zwölften durchzuhalten. Und ich glaube, so müssen wir gucken, dass wir in den Frühling reinkommen."

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 18. Januar 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, Corona-Simulation zeigt: So schlimm könnte die Omikron-Welle Deutschland treffen

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