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Interview mit Virologe Streeck "Wir sollten mit Babyschritten vorangehen"

Die Sorge vor einer dritten Welle wächst, parallel ist der Druck auf die Politik groß, das Land wieder zu öffnen. Virologe Hendrik Streeck rät im ntv-Interview zu vorsichtigem Vorgehen. Gleichzeitig mahnt er, die Hausärzte in die Impfstrategie einzubeziehen. Mit Astrazeneca sei dies problemlos möglich.

ntv: Herr Streeck, ist aus virologischer Sicht jetzt die richtige Zeit zum Öffnen?

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Henrik Streeck ist Direktor des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn.

(Foto: imago images/Horst Galuschka)

Hendrik Streeck: Ich denke, es ist wichtig, dass man einen langfristigen Plan erstellt - ähnlich denen, die als Vorschlag von der FDP, aber auch aus Schleswig Holstein, Thüringen und Niedersachsen gekommen sind. Er darf sich nicht alleine an den Inzidenzzahlen orientieren, sondern muss bei vielen verschiedenen Faktoren ansetzen, die das Pandemiegeschehen besser abschätzen lassen. Im Grunde müssen wir jetzt ein wenig lockern, aber gleichzeitig auch kontrollieren und sehen, was geöffnet werden kann und was nicht. Im Grunde herrscht hier immer noch ein großes Unwissen, wo sich das Infektionsgeschehen abspielt.

Also wäre ein kluger Plan, dass man einen Öffnungsschritt macht, zehn, vierzehn Tage schaut und dann weiter entscheidet?

Ja, ich würde es aber nicht an bestimmten Zeiten festmachen, sondern eher an der Gesamtentwicklung des Pandemiegeschehens. Man sollte nicht nur die Infektionszahlen im Auge behalten, sondern auch die Hospitalisierungsrate, die Rate der Belegung auf den Intensivstationen und auch die Möglichkeit der Kontaktnachverfolgung. Wenn man verschiedene Faktoren in die Überlegungen einbezieht, wird deutlich, dass man einige Effekte der Öffnungen erst mit etwas Verzögerung sieht.

Und sind Öffnungsstrategien, die an Tests gekoppelt sind, Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Ich denke, es ist sinnvoll, die Teststrategien miteinzubeziehen. Es ist auch sinnvoll, in so einer Phase mehr zu testen - gegebenenfalls auch über Antigenschnelltests oder Selbsttests. Je mehr getestet wird, desto mehr haben wir auch die Möglichkeit, Infektionsketten frühzeitig zu unterbinden. Im Moment wissen wir aber noch nicht genau, wo sich das Infektionsgeschehen abspielt, wer sich eigentlich noch infiziert und wie wir dort gezielter vorgehen können. Da wir das nicht wissen, können wir die Infektionsketten auch nicht spezifischer unterbrechen.

Warum wissen wir das nach einem Jahr Corona immer noch nicht? Ist das so kompliziert zu erforschen?

Wo sich das Infektionsgeschehen im Moment abspielt, ist nicht so schwer zu erforschen. Hierfür müsste man nur die Gesundheitsämter besser ausstatten. Die Gesundheitsämter brauchen Personal, um die Infektionsketten nachzuvollziehen. Aber auch simple Fragen, wie sie der Medizinstatistiker Gerd Antes aufgeworfen hat, könnten während des Abfragens der Personen gestellt werden - etwa, welchen Beruf die Infizierten haben? So wüsste man, dass bestimmte Gruppen eine erhöhte Infektionswahrscheinlichkeit haben, und könnte dort gezielter vorgehen. Hier wird in meinen Augen zu wenig geforscht. Das kann kein Institut alleine bewerkstelligen, so etwas muss zentral aus dem Bundesgesundheitsministerium gesteuert werden.

Kann man in dieser Lage die Öffnung von Stadien wagen?

Die Hygienekonzepte, die entwickelt wurden, sind wirklich sehr gut und müssen ausprobiert werden. Aber ich denke, wir sollten mit Babyschritten vorangehen - nicht gleich alles auf einmal ausprobieren, denn wir müssen ja sehen, wie sich das auswirkt auf das Infektionsgeschehen.

Denken Sie, man sollte die Hausarztpraxen in so ein Konzept miteinbeziehen?

Die Grippeepidemien im Herbst und Winter zeigen, dass wir sehr schnell und sehr effektiv impfen können, wenn wir die Hausärzte miteinbeziehen. Daher ist der Vorstoß erstmal richtig, das Impfen breiter zu organisieren. Ob der Biontech-Impfstoff so gut ist, um damit in die Breite zu gehen - da wäre ich ein wenig vorsichtiger. Er muss trotz allem noch kühl gelagert werden. Es gibt eine Kühlkette bei unter 20 Grad, und deren Einhaltung kann nicht jede Praxis gewährleisten.

Wann werden wir den Piks auch beim Hausarzt bekommen können?

Der Astrazeneca-Impfstoff benötigt keine besondere Lagerung. Mit diesem Impfstoff können wir schon in die Breite gehen und auch die Hausärzte miteinbeziehen. Das kann sehr bald passieren.

Sehr bald nach Ostern oder dauert das noch länger?

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Der Impfstoff steht zur Verfügung. Man könnte damit in den nächsten Tagen beginnen. Aber das hängt davon ab, wie die Priorisierung in der Impfstrategie ist. Wenn man da ein wenig aufweicht und auch die jüngeren Jahrgänge bevorzugt impft, kann man damit eher in die Breite gehen.

Ist Astrazeneca besser als sein schlechter Ruf?

Das Unternehmen hat am Anfang der Zulassung den Fehler gemacht, schlecht zu kommunizieren. Astrazeneca ist ein guter Impfstoff und in meinen Augen auch nicht zweitwertig im Vergleich zu Biontech oder Moderna.

Sie können also nicht verstehen, wieso manche eher andere Impfstoffe bevorzugen?

Ich kann schon verstehen, dass es da Wünsche gibt, aber leider ist die Situation im Moment eine andere. Wir haben nicht für jeden Menschen jeden Impfstoff vorrätig. Jetzt am Anfang kann man sich also leider nicht aussuchen, welchen Impfstoff man vorzieht.

Haben Sie schon eine Impfung bekommen und wenn ja, mit welcher würden Sie es machen?

Die Virologen gehören zur Priorisierung 1, da wir mit Aerosol-haltigen Materialien arbeiten. Ich habe bereits ein Impfstoff-Angebot bekommen. Aber auch ich kann mir nicht aussuchen, womit ich geimpft werden will. Im Moment steht bei uns der Moderna-Impfstoff zur Verfügung.

Mit Henrik Streeck sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de