Panorama

Sonderregeln für Geimpfte Nimmt sich Deutschland Israel zum Vorbild?

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Nach dem Piks in den Arm steht dem Kneipenbesuch nichts mehr im Weg: Israel führt Sonderrechte für Geimpfte ein.

(Foto: REUTERS)

Raus aus dem Lockdown: In Israel dürfen die Menschen wieder in Schwimmbäder, Hotels und zu Kulturveranstaltungen - allerdings nur, wenn sie geimpft sind. Der Grüne Pass ist ihr Ticket in die Freiheit. Ist ein solcher Impf-Ausweis auch für Deutschland denkbar?

Endlich wieder ins Fitnessstudio gehen, im Schwimmbad planschen oder ein Museum besuchen: Was für Deutsche weiterhin Wunschvorstellung bleibt, ist für Menschen in Israel jetzt schon Realität - vorausgesetzt, sie sind geimpft. Denn Israel hat am Sonntag spezielle Erleichterungen für Bürger eingeführt, die eine Impfung gegen das Coronavirus erhalten haben oder nach einer Erkrankung genesen sind. Mit einem Grünen Pass dürfen sie unter anderem wieder Hotels, Theater oder Sportereignisse besuchen. "Der Grüne Pass öffnet das Land schrittweise wieder", sagte Regierungschef Benjamin Netanjahu am Samstagabend. Eine Perspektive, die sich auch viele Deutsche für ihr Land wünschen.

Wäre ein solcher Impfpass somit eine Möglichkeit, auch hierzulande schneller in die Normalität zurückkehren zu können? Die heikle Frage, ob Menschen nach ihrer Corona-Impfung Sonderrechte erhalten - oder besser gesagt, ihre Grundrechte zurückbekommen - sollten, wurde in den letzten Monaten viel diskutiert. Bislang sprachen sich Bundesregierung und führende Experten dagegen aus. Erst vor zwei Wochen lehnte der einflussreiche Ethikrat eine Aufhebung der Freiheitsbeschränkungen für Geimpfte vorerst ab. Das Argument: Es sei noch mehr Klarheit darüber notwendig, in welchem Ausmaß Corona-Impfungen die Übertragung des Virus unterdrücken, erklärte die Vorsitzende Alena Buyx.

Infektiosität nach Impfung ausschlaggebend

Bislang steht nicht fest, ob eine Corona-Impfung nur die Geimpften selbst schützt oder auch die Menschen in ihrer Umgebung. Dabei ist das nicht nur bei der Frage nach Lockerungen, sondern auch für das Erreichen einer Herdenimmunität ausschlaggebend. Neuste Berichte aus Israel geben nun Grund zur Hoffnung: Der Biontech/Pfizer-Impfstoff soll zu fast 90 Prozent die Übertragung des Virus auf andere verhindern, heißt es in einer unveröffentlichten Publikation von den beiden Unternehmen und dem israelischen Gesundheitsministerium. Ob die Beobachtungsstudie mit rund 1,7 Millionen Israelis Bestand hat, muss erst noch von Wissenschaftlern geprüft werden.

Von Astrazeneca gibt es ebenfalls erste Hinweise darauf, dass auch das Vakzin aus Großbritannien die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung verringert. Forscher der Universität Oxford stellten eine 67-prozentige Reduzierung der positiven Abstriche bei den Geimpften fest. Doch auch diese Studie muss noch bestätigt werden.

Für den Virologen und Epidemiologen Klaus Stöhr kommen die vorläufigen, positiven Ergebnisse nicht überraschend. Impfungen reduzierten das komplette Spektrum der Erkrankung, einschließlich der Virusausscheidung, sagte er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "In geringen Fällen scheiden Geimpfte das Virus weiter aus, aber dramatisch weniger als Ungeimpfte", erklärte Stöhr. Die Ansteckungsgefahr, die von geimpften Menschen ausgehe, werde also dramatisch reduziert. Das gelte erst recht, sobald große Teile der Bevölkerung geimpft seien und über Antikörper verfügten.

Keine individuelle Entscheidung

Davon ist Deutschland zurzeit allerdings noch weit entfernt. Diskussionen über einen Impfpass nach dem Vorbild Israels scheinen daher allein schon beim Blick auf die Impf-Zahlen verfrüht. Nur etwa 2 Prozent der rund 80 Millionen Deutschen sind vollständig geimpft. Zum Vergleich: In Israel hat inzwischen knapp ein Drittel seiner 9,3 Millionen Einwohner vollständig immunisiert. Das bedeutet, dass dort bei fast drei Millionen Menschen ihre zweite Impfung länger als eine Woche zurückliegt. Zudem kann sich jeder Bürger im Alter ab 16 Jahren impfen lassen.

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Ein Impfangebot für jedermann wird es in Deutschland hingegen voraussichtlich erst im Sommer geben. Hierzulande mangelt es nach wie vor an ausreichend Impfdosen. Ob man sich impfen lässt oder nicht, ist daher anders als in Israel keine individuelle Entscheidung. Laut dem Impfplan der Bundesregierung sind zunächst die Risikogruppen dran, erst danach die restliche Bevölkerung.

Den Aspekt der Ungerechtigkeit betonte auch der Deutsche Ethikrat. Gegen besondere Regeln für Geimpfte spreche, dass diese als ungerecht empfunden würden, solange nicht alle die Chance hatten, sich impfen zu lassen, sagte Mitglied Sigrid Graumann. "Es ist fraglich, ob Menschen, die keine Angst vor einer Erkrankung haben und noch gar keine Chance hatten, sich impfen zu lassen, dann noch bereit wären, die Infektionsschutzregeln einzuhalten", gab sie zu bedenken.

Andere EU-Länder preschen vor

Ob es in Deutschland einen Impfausweis à la Israel geben wird, bleibt somit noch abzuwarten. Eine Unterscheidung zwischen Geimpften, Genesenen und allen anderen fällt nur im öffentlichen Raum in die Zuständigkeit des Staates. Der private Handel und private Unternehmen dürfen nach Ende des Lockdowns selbst entscheiden, wen sie zu ihren Kunden oder Gästen zählen wollen.

"Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Hoteliers oder Gastronomen sagen, für Geimpfte ist der Zugang möglich", sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht im RTL/ntv Frühstart. "Wenn wir wissen, dass die Impfung tatsächlich dazu führt, dass man nicht mehr infektiös ist, andere nicht anstecken kann und sich selbst auch nicht, dann gibt es auch keinen Grund mehr, die Grundrechte einzuschränken." Menschen, die einen negativen Schnelltest vorweisen könnten, müssten aber ebenso Zugang bekommen, fügte die SPD-Politikerin hinzu.

Andere EU-Länder sind in Sachen Sonderregeln nach einer Impfung bereits weiter. So gibt es in Polen und Rumänien ganz konkrete Vorteile für Geimpfte. Sie sind von der zehntägigen Quarantänepflicht nach Einreise befreit. Außerdem zählen sie bei Beschränkungen für private Treffen nicht als Kontaktpersonen. Und auch Dänemark legte Anfang Februar Pläne für einen digitalen Ausweis mit Impfdaten vor, um Dienstreisen in Corona-Zeiten zu erleichtern - und letztlich vielleicht auch die sorgenfreie Teilnahme an Konzerten oder Sportveranstaltungen zu ermöglichen.

Quelle: ntv.de