Panorama

Streeck über Maskenpflicht-Ende "Wir werden dadurch keinen Anstieg sehen"

Aufgrund niedriger Inzidenzen treten immer mehr Lockerungen in Kraft, vor allem ein schrittweises Ende der Maskenpflicht wird in immer mehr Bundesländern diskutiert und zum Teil bereits umgesetzt. Virologe Hendrik Streeck begrüßt im Interview mit ntv den Schritt, mahnt aber auch zur Vorsicht.

ntv: Die Zahl der Neuinfektionen ist in Deutschland aktuell niedrig. Könnte die Delta-Variante diesen positiven Trend in Kürze beenden?

Hendrik Streeck: Das kann man natürlich sehr schwer vorhersagen. Wir haben schon seit geraumer Zeit die Delta-Variante auch in sehr geringer Prozentzahl in Deutschland. So um die zwei bis drei Prozent, das war die ganzen letzten Wochen bereits so, und wir haben zum Glück keinen Anstieg der Infektionszahlen gesehen. Wir beobachten das natürlich weiter. Alle deutschen Laboratorien sammeln die Daten und übermitteln sie ans Robert-Koch-Institut. Im Moment sieht es nicht danach aus, dass wir dadurch einen Anstieg zu befürchten haben, aber wenn sich so etwas abzeichnet, also auch ein leichterer Anstieg, dann würde das Robert-Koch-Institut sehr schnell Alarm schlagen.

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Foto: UKB Herr Johann Saba/obs/archivbild

Hendrik Streeck ist Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung der Universität Bonn.

(Foto: UKB Herr Johann Saba/obs/archivbild)

Die Maskenpflicht ist heute ein Thema beim Treffen der Gesundheitsminister. Was sagen Sie, können die Masken fallen?

Ich denke, wie bei vielem, was jetzt gemacht wird, muss man langsam vorgehen. Aber auch das ist richtig, dass in bestimmten Bereichen die Maskenpflicht fallen muss. Aerosolforscher haben schon, bevor damit begonnen wurde, dazu geraten, dass draußen oder in Einkaufspassagen keine Masken getragen werden müssen. Die Übertragungswahrscheinlichkeit ist im Moment enorm gering - alleine durch die Inzidenzen und draußen dann sowieso, weil die Übertragung sehr viel schlechter ist. Ich denke, man muss ein bisschen abwägen und vorsichtig vorgehen und vielleicht schrittweise die Maskenpflicht zurücknehmen. Nicht alle auf einmal, um zu sehen ob man vielleicht dadurch einen Anstieg riskiert oder nicht. Ich bin aber eigentlich wohl gestimmt, dass wir dadurch keinen Anstieg sehen werden.

Der Impfstoffhersteller Astrazeneca forscht auch an einem Covid-19-Medikament. Dabei gab es nun einen Rückschlag zu vermelden, da der Stoff wohl keine Infektion verhindert. Wie ist denn generell der Stand in Sachen Covid-Medizin?

Generell ist die Erforschung von antiviralen Medikamenten schwierig. Wir haben viele andere respiratorische Viren, gegen die wir keine guten Medikamente haben, obwohl sehr viel geforscht wird. Erinnern Sie sich an die Grippe, also die Influenza. Es gibt da zwar zwei bis drei Medikamente, die aber nur in den ersten Stunden genommen werden können, um überhaupt einen Effekt zeigen zu können. Bei dem Stoff, der jetzt bei Covid-19 von Astrazeneca erprobt wurde, ein ähnlicher ist übrigens von Eli Lilly oder der Regeneron-Wirkstoff, werden Antikörper von Genesenen herausgelöst und in einer hohen Dosis wieder angereichert und gegeben. Aber dieser hat eben keine Wirkung gezeigt. Die Forschung ist sehr dabei, aber einen wirklich guten Wirkstoff zu finden, ist bei Viruserkrankungen immer schwierig.

Seit einem Jahr gibt es die Corona-Warn-App. Was hat sie uns aus virologischer Sicht gebracht?

Das ist schwer zu sagen, weil wir gar keine Daten zur Corona-Warn-App richtig sammeln. Die ist so angelegt, dass es eine sehr gute Datensicherheit gibt, aber gleichzeitig eben auch keine richtige Erfassung von Fällen oder Nachweisen. Bei anderen Ländern kann man eher sagen, ob sie wirklich etwas gebracht haben. In Taiwan zum Beispiel oder auch in Südkorea scheinen solche Warn-Apps wirklich sehr gut zu funktionieren. Hier bin ich ein wenig skeptisch, ob sie viel gebracht hat. Mit der Integration des Impfnachweises denke ich, ist das etwas, was immer noch sinnvoll ist zu haben und ausgebaut werden kann. Ähnlich mit der Integration der Funktion der Luca-App. Also auch wenn vielleicht die direkte Nachverfolgung darüber nicht so gut funktioniert, und die Warnung, für die sie erstellt wurde, ist für die anderen Funktionen der App sicherlich sinnvoll.

Mit Hendrik Streeck sprach Annika de Buhr

Quelle: ntv.de

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