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"Rückkehr-Effekt" bleibt aus Wird die Kirche gerade wirklich gebraucht?

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Am Ostergottesdienst im Berliner Dom konnten die Gläubigen nur virtuell teilnehmen.

(Foto: imago images/Future Image)

Die Kirchen wollen schnell wieder für Gottesdienste öffnen. Hohes Personal ist sich sicher, dass christliche Dienste gerade in der Krise besonders gebraucht werden. Dazu aber gibt es durchaus widersprüchliche Signale aus der Wissenschaft.

"Je früher, desto besser." Das ist die Faustformel von Kardinal Rainer Maria Woelki, Chef des größten katholischen Bistums in Deutschland. Gottesdienste müssten jetzt unter Einhaltung von Hygieneregeln zum Schutz vor Corona wieder zugelassen werden, fordert der Erzbischof von Köln in einem Tweet. "Die Sehnsucht der Menschen nach Seelsorge, Orientierung, Gottesdienst ist gerade jetzt groß." Tatsächlich dürfte es schon bald soweit sein: Bei einem Treffen am Freitag einigte sich das Bundesinnenministerium mit Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften, dass ein Konzept ausgearbeitet werden soll.

Die Deutsche Bischofskonferenz regt ein System mit begrenzter Teilnehmerzahl und markierten Sitzen oder Platzkarten an. Das seien "kluge Vorschläge", sagte der CDU-Politiker Philipp Amthor der Deutschen Presse-Agentur in Schwerin. Sachsen will öffentliche Gottesdienste unter Auflagen sogar schon ab diesem Montag wieder ermöglichen.

Verfassungsrichter: Einschränkungen sind rechtens

Es besteht Konsens darüber, dass die Religionsfreiheit eines der wichtigsten Grundrechte ist und deshalb nicht länger als unbedingt nötig außer Kraft gesetzt werden darf. Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht die derzeitigen Einschränkungen für rechtens erklärt: Die Karlsruher Richter sehen in der Corona-Krise den Schutz von Leib und Leben an oberster Stelle - allerdings zeitlich befristet. "Dass in den letzten Tagen etwa für Friseure und Baumärkte sinnvolle und notwendige Perspektiven aufgezeigt wurden, für Gottesdienste derzeit aber noch nicht, ist für mich nicht nachvollziehbar", kritisiert Amthor.

Nun ist es in der Tat so, dass die Kirchen - wenn nicht gerade Heiligabend ist - kaum mit dem Problem der Überfüllung zu kämpfen haben. "Man muss das Ganze ins Verhältnis setzen zu den anderen Lockerungen, und da scheint mir, dass die Möglichkeit der Kontaktvermeidung in den Gottesdiensten besser gegeben ist als etwa in Geschäften", meint der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster.

Daneben pochen die Kirchen darauf, dass sie gerade jetzt besonders gebraucht würden. Dabei können sie auf die stark gestiegenen Einschaltquoten bei der Übertragung von Gottesdiensten im Fernsehen verweisen. Das Kölner Domradio meldet, dass an Ostern über eine Million Menschen seine Liveübertragungen im Internet verfolgt hätten. Man erreiche fünfmal so viele Zuschauer wie gewöhnlich. "Im Flugzeug gibt es bei Turbulenzen keine Atheisten", heißt es oft. Gemeint ist: In Krisenzeiten schlägt die Stunde der Kirchen. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa Consulere für die Zeitung "Tagespost" ergibt allerdings ein anderes Bild: Demnach sind nur zwölf Prozent der Bevölkerung dafür, Vor-Ort-Gottesdienste auch während der Pandemie zu erlauben.

"Rückkehr-Effekt" bleibt in der Krise aus

Auch wissenschaftliche Daten bestätigten die Krisen-Theorie nicht, sagt Professor Pollack: "Wir können zwar beobachten, dass in dem Maße, in dem Menschen das Gefühl haben, dass es ihnen gut geht, sie Religion für nicht mehr so wichtig halten. Aber wenn es ihnen dann plötzlich schlechter geht, bleibt ein Rückkehr-Effekt aus." Was die Kirchen beunruhigen muss, ist die untergeordnete Rolle, die sie bisher in der öffentlichen Debatte gespielt haben. Es ist eher die Stunde der Wissenschaft, wie der quasi prophetische Status der Virologen zeigt.

Auch Wirtschaftswissenschaftler, Bildungsforscher und viele andere hätten sich neben den Politikern mit ihrer jeweiligen Kompetenz eingebracht, sagt Pollack. Für die Kirchen gelte das nicht in gleicher Weise, und das müsse nachdenklich stimmen: "Denn sie verstehen sich ja gerade als eine Art Hintergrund-Institution, die in so einer Situation ins Spiel kommen müsste. Das aber scheint doch eher nur für wenige bedeutsam zu sein." Die Krisendeutungskompetenz der Kirchen werde nur begrenzt in Anspruch genommen.

Eine etwas andere Sicht dazu vertritt der italienische Vatikankenner Marco Politi. Anfangs ja, da sei die Kirche abgetaucht und habe das Feld den Virologen und Ärzten überlassen, sagt er. Danach habe Papst Franziskus seinen Platz auf der Weltbühne aber zurückerobert. "Dieser Papst, der sagt, dass die Epidemie keine Strafe Gottes ist, sondern ein Moment, in dem die Menschen entscheiden sollen: Wie wollen sie ihr Leben und die Gesellschaft gestalten? In diesem Sinne sehe ich eine Dynamik - aus der Defensive heraus in eine Phase, in der die Kirche der Welt wieder etwas zu sagen hat."

Politi verweist auch auf die mehr als 100 Priester, die in Italien schon infolge der Pandemie gestorben seien, nachdem sie zum Beispiel Kranken die Sterbesakramente erteilt hätten. "Das zeigt doch, dass die Priester immer noch eine sehr enge Bindung zu den Menschen haben - auch in schrecklichen Momenten."

Quelle: ntv.de, Christoph Driessen, dpa