Panorama

Furtwängler zu Frauen und Corona "Wird immer noch alles von Männern erklärt"

Maria Furtwängler, Schauspielerin, nimmt an der Innovationskonferenz Digital-Life-Design (DLD) teil.jpg

Frauen werden nicht gefragt, auch dann nicht, wenn es ginge. (Maria Furtwängler im Januar 2019 bei der Innovationskonferenz Digital-Life-Design DLD)

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Derzeit wird viel diskutiert. Es geht um Corona, um das Virus an sich und die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Es wird viel gefragt und viel geantwortet. Zumindest die Fragen werden zu 52 Prozent von Frauen gestellt. Die Antworten geben aber nach wie vor Männer: In den TV-Formaten war nur eine von fünf ExpertInnen weiblich (22 Prozent). In der Online-Berichterstattung wurden Frauen nur zu rund 7 Prozent als Expertinnen erwähnt. Das lässt darauf schließen, dass in den politischen und medialen Diskursen zur Corona-Pandemie vor allem die Meinung von Männern gefragt ist. Dabei ist doch die Hälfte aller ÄrztInnen in Deutschland weiblich. Zwei aktuelle Studien der MaLisa Stiftung, gegründet von Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth Furtwängler, haben nun die Geschlechtergerechtigkeit in der Berichterstattung im Fernsehen und in den Online-Auftritten von Printmedien untersucht. Im Mittelpunkt standen dabei die Fragen: Wie oft kommen Frauen und Männer insgesamt zu Wort? Wie häufig und zu welchen Themen sind sie als ExpertInnen gefragt? Die Ergebnisse sind, gelinde gesagt, schockierend für Maria Furtwängler, wie sie im Interview mit ntv.de erzählt: "Fast die Hälfte aller ÄrztInnen in Deutschland sind Frauen - aber nur ein Fünftel der MedizinerInnen werden im Fernsehen zu Rate gezogen. Wie kann das sein?"

ntv.de: Liebe Frau Furtwängler, Sie sind schockiert - aber waren diese Ergebnisse nicht abzusehen?

Maria Furtwängler: Das Thema wird von so klugen Frauen wie Margarete Stokowski, Jutta Allmendinger oder Jana Hensel ja bereits sehr intensiv in den Medien und der Öffentlichkeit bearbeitet. ProQuote Medien haben mit ihrem Hashtag #CoronaExpertin für Aufmerksamkeit gesorgt und haben einen Aufruf gestartet, die vielen Expertinnen, die es ja gibt, gebündelt sichtbar zu machen. Es kann ja nicht sein, dass uns immer noch alles nur von Männern erklärt wird. Mit unserer aktuellen Studie wollen wir einen Beitrag leisten, damit die Diskussion basierend auf Zahlen und Fakten geführt werden kann und nicht auf gefühlten Wahrheiten.

Die Zahlen von 2020 sind fast identisch mit den Zahlen von 2017 …

Die Studie

Die MaLisa-Stiftung hat die Untersuchung "Wer wird gefragt? Geschlechterverteilung in der Corona-Berichterstattung" in Auftrag gegeben: Prof. Dr. Elizabeth Prommer und Julia Stüwe vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock haben insgesamt 174 TV-Informationssendungen mit Corona-Bezug ausgewertet, die zwischen dem 16. und 30. April 2020 ab 18h in ARD, ZDF, RTL und Sat.1 ausgestrahlt wurden. Der Daten-Forscher und Urheber des Gender Equality Tracker, Max Berggren, hat für denselben Zeitraum insgesamt 79.807 Artikel mit Corona-Bezug in den Online-Ausgaben von 13 Printmedien analysiert.

Ja, es kommt eine Expertin auf fünf Experten, und zwar in beiden Studien. Dass sich das wiederholt, dass sich da nichts gebessert hat, das ist schon mehr als ernüchternd. Da werden natürlich Stimmen laut, die sagen: "Ich bitte Sie, in dieser Krise, da können wir auf so etwas doch keine Rücksicht nehmen!" Und da frage ich mich dann schon - wieso denn eigentlich nicht? Müssen wir in einer Krise denn nicht konsequent dafür sorgen, eine Gesamtheit der Bevölkerung abzubilden? Wir können es uns meines Erachtens nach doch gar nicht leisten, auf die Hälfte des Brainpools, der uns zur Verfügung steht, zu verzichten. Was mich aber vor allem irritiert, ist die Realität in Deutschland: Chefärzte, Institutsleiter, alles Männer.

Und um das Bild zu begradigen, haben Sie die leitenden Funktionen rausgerechnet und sind zu einem ebenfalls erschütternden Ergebnis gekommen.

Ja, denn selbst wenn man die Leitungsfunktionen rausnimmt, sind wir trotzdem nur bei 20 Prozent, die als auskunftswürdig erachtet werden. Das ist mitnichten das Abbild der Realität. Und natürlich zementieren die Medien da auch ein verzerrtes Bild. Da muss man sich fragen: Warum ist das so? Warum bleibt das so? Und warum unternehmen die deutschen Medien keine Anstrengungen, wie zum Beispiel die BBC, wo viele Redaktionen es geschafft haben, eine 50:50-Verteilung in der Berichterstattung sicherzustellen? Das haben sie übrigens schon vorher gemacht, aber sie haben das auch im Lockdown durchgehalten.

Die Frauen, die in den Medien die Fragen stellen, sind ja da, sogar ein paar mehr als Männer, wie es Ihre Studie auch festgestellt hat. Kann es dann aber sein, dass auch Frauen eher dazu neigen, sich als Gesprächspartner einen Experten einzuladen als eine Expertin?

Gute Frage, aber das kann ich leider nicht beantworten. Ich ahne nur, dass die Antworten sein könnten: "Es ist mühsam", "Man kennt mehr männliche als weibliche Experten", so in der Art. Ich weiß von einem Fall, dass eine Frau ablehnen musste, in eine Sendung zu kommen, weil sie Kinder zu Hause hat, die aber anbot, man könne sie gerne dazuzuschalten. Die hat nie wieder etwas von der Redaktion gehört, es wurde ein Mann in die Sendung gesetzt.

Das ist schon bitter, da es in letzter Zeit ja durchaus üblich war, Menschen in eine Sendung per Video dazuzuschalten, weil es ja gar nicht anders ging im Lockdown.

Deutschland ist in diesem Punkt ein absolutes Entwicklungsland.

Das Bild, dass ein Mann sagt, er kann irgendwo nicht hinkommen, wenn er als Experte gefragt ist, denn er müsse mit seinen Kindern Homeschooling machen, mutet tatsächlich an wie aus einem Science-Fiction-Film.

furtw.jpg

Beruf und Leidenschaft: Ärztin und Schauspielerin - Maria Furtwängler liebt beide Seiten.

(Foto: imago images/Sammy Minkoff)

Das zeigt uns wie unter einem Brennglas, wie die Situation ist. Es sind die ewig gleichen Themen, es geht los bei der Kinderbetreuung und endet beim Einkommen, denn auf das der Frau kann man meist eher verzichten, da es ja eklatant weniger ist. Wir leben immer noch in äußerst traditionellen Rollenbildern, die sehr stark in uns verankert sind.

Auf der Seite der MaLisa-Stifung gibt es einen Bericht zur Selbstinszenierung der Frau in den neuen Medien - kurz gefasst kommt dabei heraus: Frauen geben Schminktipps, Männer sind die Erklärbären. Wir sind noch hinter dem Mond, oder?  

Das ist tatsächlich das Verstörende an der Studie, dass wir Frauen oft freiwillig in diese Rolle hineinschlüpfen, denn wenn man sich regelkonform verhält, bekommt man die meisten Views und Clicks, man wird am wenigsten angefeindet und gefällt ganz einfach. In diesen Bereichen - Beauty, Styling, Fashion, Kochen - wird uns Frauen auch eine gewisse Kompetenz zugebilligt. So etwas wird gern von der Werbeindustrie unterstützt. Wenn eine Frau erklärt, wie am besten eine Rakete zu bauen ist, dann ist es wahrscheinlicher, dass sie mit Häme und Hasskommentaren überschüttet wird, als dass sie einen Werbesponsor dafür findet.

Nur als Anekdote: Die Astronautin Samantha Christoforetti war neulich in einer Talkshow, wo Geiger André Rieu sie allen Ernstes fragte, wer denn jetzt in der Raumstation sauber macht, wenn keine Frau mehr oben im All ist.

Man fragt sich schon, was das für Bilder sind, die den Rahmen bestimmen, ja.  Und auch, was das für die nächsten Generationen bedeutet. Erinnern Sie sich an die Sendung "Der 7. Sinn"? Da wurde autofahrenden Frauen ernsthaft gesagt, dass der Rückspiegel kein Schminkspiegel ist. Und ich muss sagen, damals als Kind habe ich das keinen Moment hinterfragt. Das ist tief in uns drin, mit diesen medialen Inhalten bin ich groß geworden und das wirkt natürlich lange nach, das ist nicht zu unterschätzen. Das Bild war, dass die Kompetenz beim Mann liegt und die Frau sich hübsch macht und kocht. Es ist unfassbar zäh und anstrengend, sich dieser Vorurteile zu entledigen und sich weiterzuentwickeln.

Man kann das schaffen. An welcher Ecke scheitern Frauen jedoch? Ist der Punkt "Kinder kriegen" diese Kreuzung, an der viele Frauen falsch oder gar nicht mehr abbiegen? Warum lassen sich Frauen von Männer unterbuttern oder verdrängen? Wann passiert das? Oder wird das schon viel früher verfestigt, im Kleinkindalter, in der Schule?

furt.jpg

Sie muss ständig an sich arbeiten, sagt Maria Furtwängler, aber: Es bringt ja auch was!

(Foto: imago images/Future Image)

Schwer zu sagen. Ich glaube, wir beide zum Beispiel leben in einer eher privilegierten Situation. Die Realität spiegelt sich doch am meisten an den gigantischen Einkommensunterschieden von Männern und Frauen wider. Frauen verdienen weniger als Männer und arbeiten häufiger in Teilzeit und das führt dazu, dass die Rente bei Frauen über 65 heute im Schnitt um 46 Prozent niedriger ist als bei Männern. Im OECD-Vergleich ist Deutschland mit dieser Rentenlücke das Schlusslicht. Frauen haben oft von vornherein einen Beruf, der schlechter bezahlt wird, siehe Pflege, und selbst wenn sie einen ähnlichen Beruf haben wie der Mann, dann heißt das noch lange nicht, dass sie auch nur annähernd gleich bezahlt werden. Diese Muster zu durchbrechen bedarf einer verdammt großen Anstrengung, fürchte ich. Und ich muss gestehen - ich selbst bin ja auch nicht durch und durch vorurteilsfrei. Im Gegenteil, ich begegne häufig meinen eigenen Vorurteilen. Da traute ich mir hier etwas nicht zu, hatte da Hemmungen, es fehlte der Mut, und ja, da muss ich ständig an mir arbeiten. Aber auch, dass ich mal scheitern darf, musste ich lernen. Die Sozialisierung, die wir als Frauen und Männer bekommen haben, ist sehr unterschiedlich, und sie lässt sich leider nicht einfach wie ein Mantel ablegen.

Müssen wir nicht bereits ganz früh Jungs abholen, damit sie zu Feministinnen werden? Viele Eltern finden inzwischen ja, dass sich um Jungs nicht mehr richtig gekümmert wird, siehe Girlsday, Quotenregelungen …

Wenn sowohl Jungen als auch Mädchen schon früh lernen, dass sie alles werden können, und wenn ihnen beigebracht wird, dass es eine gute Sache ist, wenn alle Menschen sich gegenseitig mit Respekt und ohne Vorurteile begegnen, werden sich langfristig auch die Diskussionen, welches Geschlecht zu viel oder zu wenig gefördert wird, erledigen. Noch sind wir leider weit von paritätischen Verhältnissen entfernt.

Wie kriegen wir die Frauen in die erste Reihe? Die Heldinnen aus dem Pflegebereich zum Beispiel.

Auch da eklatant - ein Beruf, der überwiegend von Frauen ausgeübt und doch von Männern als Experten bestimmt wird. Wieso sehen wir diese Fehler nicht? Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt.

Wir standen nun also alle auf dem Balkon und haben den Pflegern und Krankenschwestern in der Corona-Krise Beifall gespendet, einige der Beklatschten sagten aber, dass ihnen das nicht weiterhilft, sie würden lieber mehr verdienen. Wird sich da etwas ändern in der Zukunft?

Das frage ich mich auch. Es gibt Theorien, die sagen, dass wir noch mehr in alte Strukturen verfallen, und es gibt die Theorien, die besagen, dass durch die Offensichtlichmachung der Ungerechtigkeiten Frauen gegenüber diese nun anfangen werden, sich zu radikalisieren, und dass das gesünder sein könnte, weil es den Protest verschärfen wird. Ich bin sehr gespannt. Wir können einen Beitrag leisten, indem wir auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam machen und uns einbringen, wenn es darum geht, Lösungen zu finden.   

Sind Sie momentan nicht besonders froh, zwei Berufe zu haben: Schauspielerin und Ärztin?

Ja, aber darüber bin ich eigentlich immer froh, vor allem, wenn die Arbeit sich gegenseitig befruchtet. Ich empfinde das als Bereicherung, weil ich glaube, dass sich mein Blick in beide Richtungen geschärft hat. Aus verschiedenen Perspektiven auf die Welt zu schauen, hilft mir dabei, mich weiterzuentwickeln. Ich habe mich noch vor einigen Jahren viel schneller verunsichern lassen, ich war viel eher bereit, einzulenken, zurückzurudern. Und dann ist da die Angst, nicht gemocht zu werden. Das hat mich blockiert früher. Das hat sich geändert: Wenn mir ein Thema wichtig ist, dann setze ich mich dafür ein, ob andere mich nun toll finden oder nicht. Wenn eine befreundete Autorin darauf Wert legt, in einem Artikel Gendersprache zu verwenden und sie das dann auch durchsetzt, obwohl der Mann auf der anderen Seite, der Journalist, der das Interview geführt hat, das überflüssig findet, und sie dann eher auf das Interview verzichtet als auf die Endung "In", dann finde ich das mutig, so etwas brauchen wir!

Mit Maria Furtwängler sprach Sabine Oelmann

In der neuen Serie "Ausgebremst" fungiert Maria Furtwängler als Produzentin und Darstellerin. Sie beschreibt die Sendung als "Jam-Session von großartigen, kreativen Menschen, die gern zusammen arbeiten." Die Short-Form-Dramedy spendet ihre Werbeeinnahmen an die Aktion #KünstlerNothilfe, Autoren und Schauspieler verzichten auf ihre Gage.

Quelle: ntv.de