Politik

Fake-Befehle, echter GehorsamDer Mann, der russische Lehrer als Mitläufer des Faschismus bloßstellt

03.04.2026, 14:19 Uhr 6d612840-d481-4c7d-9138-8a2e83199fdbVon Uladzimir Zhyhachou
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Mit der Aktion "Helme des Vaterlands" demonstrierten russische Lehrer laut Wladislaw Bochan ihre "Bereitschaft zum Schutz vor Nato-Satellitenstrahlung". (Foto: t.me/ula_bo)

Russische Lehrer basteln Aluhüte, posieren mit NS-Plakaten, verbieten Tolstoi und gratulieren Putin mit Fotos eines ukrainischen Nationalisten. Aktionskünstler Wladislaw Bochan schickt gefälschte Anordnungen an Schulen - und beobachtet, wie selbst die absurdesten davon bereitwillig befolgt werden.

Die E-Mail klang offiziell, trug das Logo der Regierungspartei "Einiges Russland" und forderte mehrere russische Schulen dazu auf, umgehend eine Lehrerkonferenz einzuberufen. Auf der Tagesordnung: die Abstimmung über ein Unterrichtsverbot für eine Reihe klassischer Werke der russischen Literatur. Begründung: Die Texte seien regierungskritisch. Zur Dokumentation sollten die Lehrerkollegien Abstimmungsprotokolle und Fotos einsenden.

Die meisten Schulen taten das bereitwillig. Fotos zeigen Lehrerzimmer, in denen Kollegien einstimmig die Hände heben - für das Verbot von Werken, die zum Kern russischer Bildung gehören. "Hadschi Murat" von Leo Tolstoi, "Der eherne Reiter" von Alexander Puschkin, Kurzgeschichten von Tschechow und viele andere.

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Einstimmig für das Verbot einer ganzen Reihe russischer Literaturklassiker. Dieses Foto bekam Wladislaw Bochan von einer der Schulen. (Foto: t.me/ula_bo)

Der Absender der Anordnung war allerdings nicht die Regierungspartei. Geschrieben wurde sie von Aktionskünstler Wladislaw Bochan, ehemaliger Geschichtslehrer aus Belarus, seit 2021 im Exil in Polen. "Ich habe beschlossen, die Zensur ad absurdum zu führen, und vorgeschlagen, die Namen derjenigen zu verbieten, die ein gedankenloser Patriot auf den Speerspitzen der 'russischen Welt' trägt", erklärte der Künstler den Sinn seiner Aktion auf Telegram.

"Ich habe keinen Zweifel, dass in Russland ein Para-Faschismus herrscht"

Die Aktion "Neusprech", wie Bochan sie nannte, ist Teil eines Langzeitprojekts, das 14 Merkmale des Faschismus nach der Definition des italienischen Philosophen Umberto Eco behandelt. Eins davon ist "Neusprech" - verarmte und einfache Sprache, um das kritische und komplexe Denken zu unterdrücken. "Ich habe keinen Zweifel, dass in Russland ein Para-Faschismus herrscht", sagt der Künstler im Gespräch mit ntv.de. "Sie bekennen sich nicht dazu, aber de facto praktizieren sie ihn. Ich möchte das zeigen."

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Wladislaw Bochan hat "keinen Zweifel, dass in Russland ein Para-Faschismus herrscht". (Foto: Anton Birulin)

Bochan ist selbst ehemaliger Geschichtslehrer, wegen politischer Verfolgung floh er 2021 aus Belarus und lebt heute in Polen. Sein Vorgehen ist immer ähnlich - er verschickt an Schulen gefälschte Anordnungen "von oben" und fordert die Lehrer zu den absurdesten Flashmobs auf. Die meisten machen mit, ohne nachzudenken.  

Für die Aktion "Helme des Vaterlands" forderte Bochan russische Lehrer auf, Aluhüte zu basteln, um ihre "Bereitschaft zum Schutz vor Nato-Satellitenstrahlung zu demonstrieren". Sieben Schulen folgten der Anweisung und schickten Foto- und Videoberichte. Die Bilder, die den blinden Gehorsam der russischen Gesellschaft demonstrieren, machten auch in vielen westlichen Medien die Runde.

Schulhof aufräumen - unter dem Motto "Arbeit macht frei"

Im Juni 2022 organisierte Bochan an mehreren Schulen einen Subbotnik - eine Art sowjetischer Kehrtag - unter dem Motto "Arbeit macht frei". Die Lehrer reinigten Schulhöfe und posierten mit selbst gebastelten Plakaten, auf denen auf Russisch übersetzte NS-Parolen wie "Ein Volk - ein Reich - ein Führer" standen. Ein Jahr später folgte eine Kreuzprozession: Lehrerinnen hielten orthodoxe Ikonen und Transparente hoch, auf denen "Gott mit uns" und "Alles für Russland" stand - Slogans, die ebenfalls an Naziparolen angelehnt sind.

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Kreuzprozession in einer russischen Schule. "Gott mit uns" und "Alles für Russland" steht auf den Schildern. (Foto: t.me/ula_bo)

Besonders raffiniert war eine Aktion rund um Putins Geburtstag. Bochan schickte Schulen ein Schwarzweißfoto von Stepan Bandera - dem ukrainischen Partisanenanführer aus dem Zweiten Weltkrieg, den die russische Propaganda zum Symbol des "Nationalsozialismus in der Ukraine" stilisierte - und behauptete, es handele sich um Putin in seiner Jugend. Dazu schickte er Banderas Zitate, die er dem russischen Präsidenten zuschrieb. Lehrer und Schüler mehrerer Schulen gratulierten ihrem Präsidenten daraufhin mit Porträts und Zitaten eines ukrainischen "Nazis".

Das russische System "bezeichnet alle, die dagegen sind, als Faschisten", sagt Bochan. "Sie parasitieren auf dieser Antifaschismus-Rhetorik. Deshalb versuche ich, ihnen diese faschistische Symbolik regelrecht einzuspeisen, damit es eine zusätzliche Dissonanz erzeugt." Als ehemaliger Geschichtslehrer und Mitglied der Antifa-Bewegung sei er mit dem Thema gut vertraut, erklärt der 33-Jährige. "Kenne deinen Feind, wie man so sagt".

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Lehrerinnen einer Schule gratulieren Wladimir Putin zum Geburtstag - mit Fotos und Zitaten von dem ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera. (Foto: t.me/ula_bo)

Die Idee für sein Langzeitprojekt "Triumph der Motte"– ein russisches Wortspiel mit dem NS-Propagandafilm "Triumph des Willens" von Leni Riefenstahl – entstand nach einer Ausstellung seiner Gemälde in Darmstadt und Wiesbaden. Die Bilder zeigten keine Opfer, sondern die Masse selbst: Menschen, die das autoritäre System nicht nur erdulden, sondern tragen. "Das Problem war: Man hat mich kaum verstanden", sagt Bochan. Selbst russischsprachige Deutsche, deren Eltern in den 1990er-Jahren emigriert waren, hätten seine Schilderungen vom Alltag in Belarus oder Russland wie Berichte aus einer Parallelwelt aufgenommen – zu weit weg, zu unvorstellbar. Seine Aktionen versteht er deshalb als eine Art Beweis: "Seht her: Diese Welt existiert, sie ist absurd, aber sie ist sehr real."

Flucht auf Krücken und mit einem Schlauchboot

In seinem Heimatland Belarus ging er gegen "diese Welt" auf die Straße - 2020 nach der erwiesenermaßen gefälschten Wahl protestierten Hunderttausende gegen den Diktator Alexander Lukaschenko. Die Verfolgung der Demonstranten von damals dauert auch heute noch an. 2021 holte Bochan die Staatsmacht ein. "Sie stürmten meine Wohnung von zwei Seiten - durch die Tür und vom Balkon her", erinnert er sich. Er ging zu diesem Zeitpunkt auf Krücken wegen eines Knochenbruchs. Das rettete ihn: Er wurde festgenommen, dann aber wegen Krücken bis zur Verhandlung nach Hause geschickt. Bochan nutzte die Gelegenheit und überquerte noch in derselben Nacht auf einem Schlauchboot die Grenze. Er floh zuerst in die Ukraine, später setzte er sich nach Polen ab, wo er bis heute lebt.

Dass Bochan ausgerechnet Schulen ins Visier nimmt, hängt nicht nur mit seiner Vergangenheit als Lehrer zusammen, sondern hat auch mit deren Rolle im System zu tun. Nicht erst seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine gelten Schulen in Russland und Belarus als Orte, an denen weniger kritisches Denken als vielmehr das Befolgen von Anweisungen eingeübt wird. Da Wahllokale oft in Schulen untergebracht sind, stehen Lehrer zudem seit Jahren sinnbildlich für Wahlfälschungen.

Seit Kriegsbeginn hat sich diese Funktion noch verschärft: Schulen werden zunehmend zu Orten politischer Mobilisierung, Bilder von uniformierten Kindern oder militärischen Übungen sorgen immer wieder für Entsetzen im Westen. Der Film "Ein Nobody gegen Putin" des ehemaligen Lehrers Pawel Talankin, der darin solche Propagandaveranstaltungen begleitet, wurde in diesem Jahr mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Für Bochan zeigt all das vor allem eines: Was von außen absurd wirkt, ist längst Alltag geworden.

"Wladislaw, unser Held!"

"Je weiter ich mit meinem Projekt voranschreite, desto mehr erschrecke ich mich selbst", sagt der 33-Jährige. In der Aktion "Wladislaw, unser Held!" stand er selbst im Mittelpunkt. Bochan verschickte an Schulen Bilder von sich als "Held der militärischen Spezialoperation" und Kandidat der Partei "Einiges Russland". Die Schulen hingen Bochans Plakate auf und führten Agitationsveranstaltungen durch.     

Anfänglich hatte er noch eine naive Hoffnung: Die Lehrer würden es erkennen. Sie würden Nein sagen. Das System würde sich selbst entlarven. "Dann wurde mir klar: Ich war zu naiv. Die Menschen wollen nichts erkennen - sie folgen lieber dem, was die Anführer sagen."

"Meine Aufgabe ist es, zu zeigen, in welchem Schlamassel wir alle stecken. Wenn dieser Tiefpunkt erkannt ist, kann man vielleicht nach Wegen suchen, sich davon abzustoßen." Das größte Problem sieht er nicht in den Politikern an der Spitze. "Das ist ein systemisches Problem, das von unten aufgebaut wird." Der Künstler distanziert sich von Russlands "sogenanntem liberalem Publikum". Wer Putin allein die Schuld gibt und das Volk zum Opfer erklärt, mache es sich zu leicht. Bochan glaubt an eine Wechselwirkung - und daran, dass Feigheit keine Entschuldigung ist.

"Kugel eines Feiglings genauso tödlich wie die eines überzeugten Faschisten"

"Nehmen wir die Wahlen: Ob ein Lehrer aus Überzeugung an Fälschungen teilnimmt oder aus Feigheit - was macht das für einen Unterschied? Der Effekt ist derselbe", sagt Bochan. "Ein Soldat, der unter Androhung von Strafen einen Vertrag unterschreibt - die Kugel, die er abfeuert, ist genauso tödlich wie die eines überzeugten Faschisten."

Angst an sich sei nicht das Problem. "Als wir 2020 die Straßen blockierten und Polizeitransporter angriffen - da hatten wir alle Angst. Aber wir haben es gemacht. Angst war da. Feigheit ist, wenn man ihr nachgibt. Manchmal macht Angst einen stärker - sie setzt Adrenalin frei. Aber manche werden dadurch zu Feiglingen. Deshalb: Hören wir auf, diejenigen zu bemitleiden, die Feigheit zeigen."

Sein Projekt "Triumph der Motte" sei nahezu abgeschlossen, sagt Bochan. Viel Material habe er gesammelt, viele Beobachtungen über die Erscheinungsformen des Faschismus in Russland gemacht. Daraus soll ein Dokumentarfilm werden - Bochan sucht dafür die Zusammenarbeit mit Regisseuren und Dokumentarfilmern.

Ob ähnliche Aktionen in Polen, wo er heute lebt, funktionieren würden? Bochan denkt kurz nach. Aluhüte, sagt er, würden sich Lehrer im Westen wohl nicht aufsetzen. Literaturklassiker verbieten wahrscheinlich auch nicht. "Aber wenn man es subtil anlegt, würde sich etwas zeigen." Einige von Ecos 14 Faschismus-Merkmalen, sagt er, treten in allen Gesellschaften auf - in Europa etwa Neusprech in Form grenzenloser politischer Korrektheit, oder die Frustration der Mittelklassen, auf der Rechtspopulisten zunehmend parasitieren würden, wie etwa in Deutschland. "Was mich wundert: Wenn das alles so leicht zu machen ist - warum ist der Faschismus noch nicht überall auf der Welt?"

Quelle: ntv.de

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