Kopf-an-Kopf-Rennen in BrasilienAmtsinhaber Lula besiegt Bolsonaro in Stichwahl

Der Sieger der Stichwahl um das Präsidentenamt in Brasilien steht fest: Nach einem knappen Rennen und einem hitzigen Wahlkampf gewinnt Amtsinhaber Lula die Mehrheit der Stimmen vor seinem Herausforderer Bolsonaro.
Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt in Brasilien hat sich Amtsinhaber Luiz Inàcio Lula da Silva gegen seinen Herausforderer Flávio Bolsonaro durchgesetzt und sich eine vierte Amtszeit gesichert. Der linksgerichtete Staatschef erhielt bei dem Urnengang dem Wahlgericht zufolge 51,75 Prozent der Stimmen, auf Bolsonaro, den Sohn des früheren rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, entfielen demnach 48,25 Prozent der Stimmen. Die Wahl in Lateinamerikas größter Volkswirtschaft galt als Richtungsentscheidung.
Bei der Stichwahl hatte sich zuvor ein enges Rennen abgezeichnet. Zudem wurde die Stimmabgabe wegen mutmaßlicher Behinderung von Wählern durch Einschränkung des öffentlichen Nahverkehrs um zwei Stunden verlängert - entsprechend begann auch die Stimmauszählung verspätet.
Der Richter am Obersten Gerichtshof Cristiano Zanin begründete die Verlängerung bis 19.00 Uhr Ortszeit (23.00 Uhr MEZ) in einer der Nachrichtenagentur AFP vorliegenden Entscheidung mit Problemen im öffentlichen Nahverkehr. Er hob die "Schwere der Vorfälle" hervor. Lula hatte seine Forderung nach einer Verlängerung der Stimmabgabe damit begründet, dass am Wahltag in mehreren Städten Busse aus dem Verkehr gezogen worden seien.
Hitziger Wahlkampf
Auch Bolsonaro hatte sich für eine Verlängerung der Stimmabgabe ausgesprochen. Er verwies auf starke Regenfälle im Süden und Südosten Brasiliens, wo er besonders großen Rückhalt genießt.
Umfragen hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Lula und Bolsonaro bei der Stichwahl vorausgesagt. Die erste Wahlrunde Anfang Oktober hatte Bolsonaro überraschend mit 47 Prozent der Stimmen gewonnen. Lula kam auf 45 Prozent. Seitdem wurde der Wahlkampf noch hitziger. Vor ein paar Tagen beantragten beide Kandidaten die Annullierung der Kandidatur des jeweils anderen wegen unfairer Bedingungen bei der wichtigen Social-Media-Kommunikation mit potenziellen Wählern.
Experten: Hohe Wahlbeteiligung half Lula
Der Wahlausgang gilt als Überraschung, da Lula im ersten Wahlgang noch hinter dem Sohn des inhaftierten früheren Präsidenten Bolsonaro gelegen hatte. Sein Sieg bremst eine Welle rechter Wahlerfolge in Lateinamerika und durchkreuzt Hoffnungen von US-Präsident Donald Trump auf einen weiteren Verbündeten in der Region. Das US-Außenministerium hatte zuvor eine Kampagne unterstützt, um die Bolsonaros wieder an die Macht zu bringen.
Meinungsforschern zufolge verhalf eine unerwartet hohe Wahlbeteiligung Lula zum Sieg. Die Wähler hätten sich trotz gewisser Bedenken für einen bekannten Weg entschieden, der bestimmte Rechte garantiere, erklärte Leonardo Barreto vom Beratungsunternehmen Think Policy. Für Lula markiert der Sieg ein weiteres politisches Comeback: Der frühere Gewerkschafter saß zwischen 2018 und 2019 wegen Korruptionsvorwürfen im Gefängnis, die später aufgehoben wurden. Im Wahlkampf hatte er auf sinkende Armut und Arbeitslosigkeit in seiner dritten Amtszeit verwiesen und gewarnt, Bolsonaro werde Sozialausgaben kürzen. Trotz des Wahlsiegs steht er nun vor massiven Herausforderungen. Hohe Zinsen und eine Staatsverschuldung von über 82 Prozent der Wirtschaftsleistung belasten das Land. Zudem sieht sich Lula dem konservativsten Kongress gegenüber, in dem Bolsonaros Liberale Partei (PL) und ihre Verbündeten in beiden Kammern über Mehrheiten verfügen.