Politik

Hypothetisches SzenarioAnalyse: Deutschland nur unzureichend für Chemie-Angriff gewappnet

26.01.2026, 15:35 Uhr
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Experten sehen bei den bestehenden Konzepten für den Umgang mit chemischen Kampfstoffen noch Luft nach oben. (Foto: picture alliance/dpa)

Welche Instrumente haben die Behörden in der Hand, wenn es zum Ernstfall kommt? Eine Risikoanalyse kommt im Hinblick auf einen Angriff mit Chemiewaffen zu einem ernüchternden Fazit. Experten fordern ein grundsätzliches Umdenken.

Deutschland ist auf einen Angriff mit chemischen Kampfstoffen und dessen Folgen einer Experten-Analyse zufolge unzureichend vorbereitet. Bestehende Konzepte, Ausstattung und Ressourcen würden für die Bewältigung bei Weitem nicht ausreichen, heißt es in einer ressortübergreifenden Risikoanalyse für den Zivilschutz, die dem Bundestag als Unterrichtung durch die Bundesregierung vorgelegt wurde. In einem darin entworfenen Szenario sterben binnen 15 Stunden mehr als 8500 Menschen, mehr als 33.500 weitere werden zum Teil schwer verletzt.

Die Analyse beschreibt einen hypothetischen, aber plausiblen kriegerischen Konflikt. Ein Aggressor verübt dabei drei Anschläge mit dem Nervenkampfstoff VX und dem Hautkampfstoff Schwefellost auf militärisch bedeutsame Logistikknotenpunkte in Deutschland, darunter einen Seehafen und einen Rangierbahnhof. Die Folge wäre ein Massenanfall von Verletzten, der die Kapazitäten der Krankenhäuser übersteigt. Zudem käme es zu einer Verschleppung der Kontamination in weite Teile Deutschlands.

Die Autoren des Berichts bemängeln, dass viele Konzepte des Bevölkerungsschutzes für friedenszeitliche Gefahren entwickelt wurden und für Kriegszeiten nicht ausreichten. Die Finanzierung und die personellen Ressourcen seien ungenügend, um die Bevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren zu schützen. Zudem sei das Ausstattungssoll für den Zivilschutz nicht mehr zeitgemäß und stamme aus dem Jahr 2008. Anders als für biologische oder nukleare Gefahren fehle zudem eine spezialisierte Fachbehörde des Bundes für chemische Agenzien.

Als Konsequenz leiten die Experten eine Reihe von Handlungsempfehlungen ab: Sie fordern ein grundsätzliches Umdenken in der Vorplanung, eine ausreichende Finanzierung aller Bereiche des Zivilschutzes sowie die Beschaffung von persönlicher Schutzausrüstung in ausreichender Menge. Zudem wird eine Fachbehörde für chemische Gefahren auf Bundesebene empfohlen. Auch müsse der Selbstschutz der Menschen gestärkt werden, indem diese über mögliche Bedrohungen und Schutzinstrumente aufgeklärt werden.

Die Risikoanalysen des Bundes werden laut Innenministerium regelmäßig seit mehr als zehn Jahren vorgelegt und sind im Gesetz über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes (ZSKG) verankert. Ziel ist es, Szenarien so konkret zu simulieren, dass sie offenlegen, wo eventuelle Lücken bestehen, damit diese dann geschlossen werden können.

Quelle: ntv.de, fzö/rts

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