Politik

Mit so einem Hund fertigwerden Angela Merkel: "Ich werde mich nicht entschuldigen"

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Fast ein halbes Jahr nimmt sich Angela Merkel für die Entwöhnung vom Kanzleramt Zeit. Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt seitdem präsentiert sich die Bundeskanzlerin a.D. in bester Plauderlaune - hat aber zum Thema Russland und Ukraine so einiges klarzustellen.

Die gute Nachricht lautet zunächst einmal: Es geht ihr gut. Das sagt Angela Merkel nicht nur, sie strahlt es auch aus auf der Theaterbühne des Berliner Ensembles. Es ist ja ein Allgemeinplatz, dass Politik süchtig mache, und zwar um so mehr, je länger und hochrangiger sich der oder die als Junkie im Betrieb bewegt hat. Die Bundeskanzlerin war, wie sie ihrem Interviewer, dem Journalisten Alexander Osang, berichtet, im Winter auf Entziehungskur: "Fünf Wochen alleine an der Ostsee. Erstaunlicherweise ist mir nicht langweilig geworden." Merkel hat Hörbücher gehört, "Macbeth" und "Don Carlos", ist mit Kapuze überm Kopf am Strand entlangspaziert und hat für sich festgestellt, dass sie "mit diesem neuen Lebensabschnitt zurechtkommen und auch sehr glücklich sein kann".

Der Absprung ist also fürs Erste geschafft und so meldet sich eine neue Merkel, Bundeskanzlerin a.D., erstmals zurück auf öffentlicher Bühne, um sich sowohl zum Weltgeschehen als auch zu ihrer eigenen Bilanz auf ein Gespräch einzulassen. "Morgen ist es genau ein halbes Jahr her, seitdem ich die letzten Bilder von mir im Kanzleramt gesehen habe", rechnet Merkel vor. Aber nicht dieses Beinahe-Jubiläum ist Anlass ihres Auftritts, sondern das Erscheinen eines Buches, in dem drei Reden aus Merkels Amtszeit versammelt sind. Das Buch aber ist höchstens ein Randnotizchen in den fast 90 Minuten Gesprächszeit vor einem vollbesetzten Theater sowie den Zuschauern, die den Auftritt im Fernsehen oder online verfolgen.

Nur noch Wohlfühl-Termine

"Ich sitze da im Foyer und unterschreibe dieses Buch", wird Merkel ganz am Ende sagen, und dass sie auch nur auf dieses Buch und auf nichts anderes ihr Autogramm setze. Merkel im Vertriebsmodus sozusagen, doch die drei Reden sind nur ein Gruß aus der Küche. Merkel kündigt nämlich auch noch ein Buch an, in dem sie "die langen Linien" ihrer Kanzlerschaft nachzeichnen werde. Das Werben in eigener Sache ist der langjährigen Regierungschefin auch nicht unangenehm, im Gegenteil: Wenn ihr jemand vorwerfe, dass sie nur noch Wohlfühl-Termine mache, "dann sage ich: ja", bekennt sie sich zu ihrer neuen Freiheit und erntet damit Lacher im Saal und ein paar frenetische Twitter-Kommentare.

Fröhlich plaudernd, bewusst auf ein paar Pointen abzielend: Nach 30 Jahren in der Politik und 16 Jahren an der Spitze der größten Wirtschaftsmacht Europas gibt die 67-Jährige einen Vorgeschmack auf das, was da kommen könnte: eine elder stateswoman, die es auch weiterhin genießt, dass man ihr Aufmerksamkeit schenkt, ohne sich aber in die Tagespolitik einzumischen. Sie lässt sich anekdotenhaft zu den kleinen Mythen ihrer Amtszeit aus, etwa zu Putins Einschüchterungsversuch, als der die deutsche Regierungschefin mit einem großen Labrador in Sotschi empfangen hatte. Ob Putin von ihrer Angst vor Hunden vielleicht nicht gewusst habe, will Osang wissen. "Wer es glaubt, wird selig", antwortet Merkel. Sie habe sich in jenem Moment gesagt: "Eine tapfere Bundeskanzlerin muss mit so einem Hund fertigwerden." Wieder Lacher.

"Ich mache mir keine Vorwürfe"

Doch die Anerkennung im Raum ist nur ein Faktor ihres munter sprudelnden Redeflusses. Merkel muss da auch was loswerden: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine wird ihr Anteil am deutschen Umgang mit Wladimir Putins Russland in den vergangenen Jahren diskutiert, nur Merkel hatte bislang dazu geschwiegen. Es brennt ihr erkennbar unter den Fingernägeln, einmal klarzustellen, "was ich so im Internet lese".

So kommt das Gespräch vom Lustwandeln an der Ostseeküste binnen 15 Minuten zum Krieg und der bleibt, wie könnte es anders sein, das beherrschende Thema des Abends. Sie habe sich oft gefragt, ob sie mehr zur Verhinderung des Krieges hätte tun können, sagt Merkel. "Es ist eine große Trauer, dass es nicht gelungen ist, aber ich mache mir keine Vorwürfe, dass ich es nicht versucht habe." Insbesondere ihr Nein zu einem NATO-Betritt der Ukraine im Jahr 2008 findet sie bis heute richtig. "Damals war die Ukraine ein von Oligarchen beherrschtes Land und da kann man nicht einfach sagen, morgen nehmen wir euch in die NATO auf."

Zudem sei sie sicher gewesen, dass ein NATO-Kandidatenstatus der Ukraine damals schon Putin veranlasst hätte, etwas zu tun, "das der Ukraine nicht guttut". Putin habe den Westen als Feind betrachtet und sich von diesem permanent gedemütigt gefühlt. Auch wenn das alles falsch sei: "Ich habe gewusst, wie Putin denkt."

Entschuldigen wolle sie sich daher nicht. "Diplomatie", so Merkel, "ist ja nicht, wenn sie nicht gelingt, deshalb falsch gewesen. Also ich sehe nicht, dass ich da jetzt sagen müsste: Das war falsch, und werde deshalb auch mich nicht entschuldigen." Gleichwohl räumte Merkel ein, sie stelle sich immer wieder die Frage: "Was hat man vielleicht versäumt?"

6000 Menschen in Merkels Nacken

Auch mit einem anderen Vorwurf räumt Merkel auf: "Ich habe nicht daran geglaubt, dass Putin durch Handel gewandelt wird", sagt sie. Aber daran, dass gegenseitige Verflechtungen Russland einhegen könnten. Nach 2014, der Krim-Annexion, dem von Russland orchestrierten Aufstand im Donbass, sei das Verhältnis zu Putin abgekühlt und nicht mehr über die reine Arbeitsebene hinausgegangen. Merkel erinnert daran, dass sie die Aufrechterhaltung der EU-Sanktionen durchgesetzt habe und diese von ihr aus auch schärfer hätten ausfallen können. Auch eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr - "das ist die einzige Sprache, die er [Putin] versteht" - sei nicht an ihr als Kanzlerin, sondern am Koalitionspartner SPD gescheitert, hält Merkel fest.

Letzter Punkt ihrer Ukraine-Bilanz: Das Minsker Abkommen und das Normandie-Format, also die gemeinsamen Verhandlungen zwischen Putin, Wolodymyr Selenskyj, Emmanuel Macron und Angela Merkel, seien richtig gewesen. So sei der Krieg vorerst gestoppt und die 2015 in Debalzewe eingekesselten ukrainischen Soldaten gerettet worden. "Die 6000 Leute in Debalzewe sitzen mir heute noch im Nacken", sagt Merkel und betont, dass die deutsch-französische Vermittlung zwischen Moskau und Kiew dem angegriffenen Land wichtige Luft zum Atmen verschafft habe. "Diese sieben Jahre waren für die Entwicklung der Ukraine ganz, ganz wichtig." Berlin und Paris hätten Waffenlieferungen an die Ukraine bewusst anderen westlichen Nationen überlassen, um weiter in der Vermittlerrolle zu bleiben. "Das war Arbeitsteilung."

"Wünsche der CDU alles Gute"

Diese Korrekturversuche der öffentlichen Meinung deuten darauf hin, dass Merkel sehr wohl an ihrem Bild und ihrer Bilanz gelegen ist. Ihren Anteil daran, dass Deutschland im Februar nicht kopflos war, als der Ukraine-Krieg eskalierte, streicht Merkel zum Beispiel ungefragt heraus. Merkel erinnert daran, dass sie ihren damaligen Vize-Kanzler Olaf Scholz in den Wochen zwischen Bundestagswahl und Regierungsbildung auf dem internationalen Parkett als ihren Nachfolger eingeführt hatte. "Ich war mit mir im Reinen, dass der Regierungsübergang sehr gut lief", sagt Merkel und spricht ein Lob aus für das Drei-Parteien-Bündnis unter Ausschluss ihrer CDU: "Ich mag mir nicht vorstellen, ich hätte kein Vertrauen in diese Regierung", sagt sie über ihre Nachfolger. "Das wäre sehr beklemmend."

Gefragt wird sie nach ihrem Verhältnis zur CDU und deren Vorsitzenden Friedrich Merz, ihrem langjährigen Widersacher. Weder zu Merz noch zu ihrer Partei fällt der langjährigen CDU-Chefin viel ein. "Dass zwei so interessante Persönlichkeiten sich so aneinander gerieben haben, das hat dann jetzt eine interessante Fortführung gefunden", sagt Merkel über Merz. Dass der Sauerländer zu ihrem Nachfolger bestimmt worden sei, "das ist dann so". Und: "Ich wünsche von ganzem Herzen der CDU alles Gute." Mehr ist dazu vielleicht im angekündigten Buch oder auf künftigen "Wohlfühl-Terminen" zu erfahren.

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 07. Juni 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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