Politik

Syrische Soldaten in der Ukraine Assad begleicht seine Rechnung bei Putin

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Wäre Assad ohne Putins Hilfe heute noch an der Macht?

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

2015 steigt Russland in den syrischen Bürgerkrieg ein und hilft dem syrischen Machthaber Assad, eine Niederlage zu vermeiden. Heute hat sich das Blatt gewendet. Putins dezimierte Armee könnte bald mit syrischer Hilfe wieder aufgebaut werden.

Vor sieben Jahren sah die Zukunft für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad düster aus. Seine Macht im Land stand nach vier Jahren Bürgerkrieg auf wackligen Beinen. 2015 war ein besonders schwieriges Jahr für den Machthaber: Eine Großstadt nach der anderen wurde von Rebellen oder Oppositionskräften eingenommen. Doch dann kam der russische Präsident Wladimir Putin. Am 30. September 2015 trat Russland in den Krieg ein - und sicherte damit Assads Macht.

Heute, sieben Jahre später, befindet sich Russland an einer anderen Front und erleidet selbst massive Verluste. Der Krieg in der Ukraine trifft die russische Armee härter als erwartet. Westliche Geheimdienste gehen von 7000 bis 10.000 Toten auf russischer Seite aus - mit Verletzen kommen einige Schätzungen sogar auf Ausfälle von 30.000 bis 40.000. Wie viele Soldaten genau ums Leben gekommen sind, lässt sich nur vermuten. Klar ist, dass Russland Nachschub braucht. Und der kommt zum Teil offenbar aus Syrien.

Tausende von Bewerbungen

Schon am 10. März gab Putin grünes Licht für die "freiwillige" Teilnahme ausländischer Kämpfer am russischen Krieg gegen die Ukraine. Am selben Tag erklärte der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu, dass "mehr als 16.000 Bewerbungen" aus dem Nahen Osten eingegangen seien. Unklar ist, aus welchen Ländern diese Bewerbungen stammen. In den letzten Monaten hat die Rekrutierung syrischer Streitkräfte jedoch an Fahrt aufgenommen.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte haben russische Offiziere in Abstimmung mit dem syrischen Militär in einigen Regionen Syriens Registrierungsbüros eingerichtet. "Mehr als 40.000 Syrer haben sich bisher registriert, um an der Seite Russlands in der Ukraine zu kämpfen", sagte Rami Abdel Rahman, der Leiter der Beobachtungsstelle, dem Nachrichtensender France 24. 22.000 dieser Anträge wurden demnach bereits von Russland angenommen.

Auch die sogenannte Wagner-Gruppe, ein privates russisches Militärunternehmen, das enge Kontakte zu Putin unterhält, soll bereits in Syrien rekrutieren. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf eine Kriegsbeobachtungsgruppe. Demnach wird in der östlichen Provinz Deir el-Zour nahe der Grenze zum Irak seit Anfang März rekrutiert. Auch im Süden soll Russland laut AP hochrangige Offiziere eines syrischen Korps gebeten haben, junge Männer mit Erfahrung im Stadtkampf zu rekrutieren.

3000 US-Dollar, wenn man lebend rauskommt

Das Interesse in Syrien scheint relativ groß zu sein, auch wenn es sich nicht um einen Krieg mit direkten syrischen Interessen handelt. Aber diejenigen, die mitmachen wollen, haben einen klaren Grund dafür: "Angesichts des Elends der syrischen Wirtschaft gäbe es keinen Mangel an kampferprobten Männern im militärischen Alter, die bereit wären, ihr Leben für ein Minimum an materiellem Gewinn aufs Spiel zu setzen", schrieb Danny Makki, ein Syrien-Experte, Anfang März in einer Analyse für das Middle East Institute."

"Im Allgemeinen ist Geld die Motivation", sagte Bassam Alahmad, der Leiter von Syrians for Truth and Justice, im Interview mit der "New York Times". Einige Syrer fühlten sich Russland gegenüber loyal, weil es Assad unterstütze, so Alahmad. Andere würden sich zum Kampf melden, weil sie das Geld brauchen.

Laut France 24 verdient ein Soldat in Syrien normalerweise etwa 15 bis 35 US-Dollar im Monat. Russland hingegen habe ein Gehalt von 1100 US-Dollar in Aussicht gestellt. Die "New York Times" berichtet zudem, dass den syrischen Soldaten ein Bonus von 3000 US-Dollar angeboten worden sei, wenn sie nach dem Einsatz nach Syrien zurückkehren. Kehren sie nicht zurück, so die Zeitung, wird ihren Familien eine einmalige Zahlung von 2800 US-Dollar sowie eine monatliche Zahlung von 600 US-Dollar für ein Jahr versprochen.

"Was wir beobachten, ist eine räuberische Rekrutierung", sagt die Menschenrechtsanwältin Sorcha MacLeod der "New York Times". "Sie nutzen die schlechte sozioökonomische Lage aus, in der sich diese Menschen befinden."

Putin braucht Hilfe

Nachdem der Angriff nicht so schnell voranschreitet, wie Putin gehofft hatte, steht er nun vor einem Wendepunkt im Krieg. Bereits angekündigt ist deshalb eine militärische Umstrukturierung: Truppen werden aus Kiew abgezogen und neu positioniert. US-Geheimdienste beobachten, wie Russland versucht, seine Truppen für einen Großangriff auf die Ostukraine neu zu formieren.

Hierfür könnten die syrischen Soldaten entscheidend werden. Noch gibt es keine offiziellen Berichte über syrische Truppen in der Ukraine. Vieles deutet aber darauf hin, dass Assads Armee bald zum Einsatz kommen wird: 300 Soldaten wurden schon von Syrien nach Russland verlegt. Und Quellen der US-Regierung beobachten, wie immer mehr Truppen, darunter auch einige aus Syrien, in den Osten Russlands verlegt werden.

"Russland hat zu wenig Truppen und versucht, Arbeitskräfte zu bekommen, wo es nur kann", sagte Russland-Experte Michael Kofman der "New York Times". "Sie sind für einen längeren Krieg gegen die Ukraine nicht gut gerüstet". Die offene Rechnung in Damaskus könnte Russlands Rettung werden - und eine Bedrohung für die Ukraine darstellen.

Quelle: ntv.de

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