Politik
Mitarbeiter der in Idlib tätigen Weißhelme löschen einen Brand nach der Explosion im Hauptquartier der Islamistenorganisation Adschnad al-Kaukas. Dabei kamen schätzungsweise auch zwei Dutzend Zivilisten ums Leben.
Mitarbeiter der in Idlib tätigen Weißhelme löschen einen Brand nach der Explosion im Hauptquartier der Islamistenorganisation Adschnad al-Kaukas. Dabei kamen schätzungsweise auch zwei Dutzend Zivilisten ums Leben.(Foto: AP)
Dienstag, 09. Januar 2018

Offensiven vor Sotschi-Konferenz: Assad greift nach dem Rest von Syrien

Von Benjamin Konietzny

Die Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien ist geschlagen, die nächste Syrien-Konferenz steht bevor. Machthaber Assad versucht mit zwei großangelegten Offensiven Fakten zu seinen Gunsten zu schaffen.

Viele Jahre war die syrische Provinz Idlib eine Gegend, in der für die Zivilbevölkerung eine relative Stabilität herrschte. Ungeachtet des mörderischen Bürgerkriegs im Rest des Landes und der sich abwechselnden, zum Teil radikalen Gruppen, die Idlib kontrollierten. Als über Aleppo vor über einem Jahr die Hölle hereinbrach und die Stadt massiv bombardiert wurde, flohen Tausende aus der Metropole nach Idlib. Rund zwei Millionen Binnenflüchtlinge, schätzen die Vereinten Nationen, halten sich in der Provinz im Nordwesten des Landes auf. Andere Organisationen schätzen ihre Zahl sogar auf bis zu drei Millionen. Für sie ist die Zeit der relativen Ruhe nun vermutlich vorüber.

Flüchtlingslager an der türkischen Grenze. Zwei bis drei Millionen Binnenflüchtlinge haben in Idlib Zuflucht gesucht.
Flüchtlingslager an der türkischen Grenze. Zwei bis drei Millionen Binnenflüchtlinge haben in Idlib Zuflucht gesucht.(Foto: REUTERS)

Während das Interesse an dem Krieg in Syrien weltweit mit dem Niedergang der Terrormiliz Islamischer Staat abzunehmen scheint und die an dem Konflikt beteiligten Parteien hoffnungsvoll die Syrien-Konferenz im russischen Sotschi abwarten, hat die Armee des Machthabers Baschar Al-Assad eine massive Offensive in Idlib gestartet.

Verbindung nach Aleppo soll erobert werden

Bei dem bereits seit Anfang Januar andauernden Angriff konnten die Regierungstruppen bisher über 80 Dörfer und die strategisch wichtige Kleinstadt Sinjar einnehmen. Insgesamt haben die seit Anfang Januar zurückeroberten Gebiete eine Fläche von über 800 Quadratkilometer. Massive Unterstützung erhielten die Truppen Assads bei ihrem Vormarsch von Angriffen der russischen Luftwaffe

Wie weit die Offensive gehen soll, ist nicht klar. Unterschiedliche Beobachter gehen davon aus, dass vor allem der Luftwaffenstützpunkt Abu ad Duhur zurückerobert werden soll und die Autobahn zwischen der syrischen Hauptstadt Damaskus und Aleppo, die quer durch die Provinz Idlib verläuft, wieder unter die Kontrolle der Regierung gebracht werden soll.

Einen Teil der Provinz Idlib zeigt das rote Rechteck auf dieser Karte.
Einen Teil der Provinz Idlib zeigt das rote Rechteck auf dieser Karte.

Möglicherweise werden auch andere strategische Ziele ins Fadenkreuz genommen. So ereignete sich nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) am Sonntag eine heftige Explosion im Hauptquartier der Gruppe Adschnad al-Kaukas (zu deutsch: Soldaten des Kaukasus) in der Provinzhauptstadt Idlib. Dabei sollen dutzende Islamisten ums Leben gekommen sein. Adschnad al-Kaukas rekrutiert Kämpfer aus dem Kaukasus für den Dschihad in Syrien und war bisher mit mehreren hundert Extremisten in dem Konflikt aktiv. Die Gruppe ist mit der radikalislamischen Fateh al-Scham verbündet, die Al-Kaida nahesteht und große Teile der Provinz Idlib kontrolliert. Unklar ist noch, ob es sich bei der Explosion um einen Bombenanschlag oder einen Luftangriff handelte.

Kämpfe in Deeskalationszonen?

Die ungefähre Situation nach Weihnachten 2017: Innerhalb des Ausschnittes halten gemäßigte Rebellen (hellgrün) und Islamisten (dunkelgrün) einen Großteil des Geländes. Rote Flächen stehen für Assads Truppen.
Die ungefähre Situation nach Weihnachten 2017: Innerhalb des Ausschnittes halten gemäßigte Rebellen (hellgrün) und Islamisten (dunkelgrün) einen Großteil des Geländes. Rote Flächen stehen für Assads Truppen.(Foto: syria.liveuamap.com)

Unter der neuerlichen Offensive leidet laut SOHR auch massiv die Zivilbevölkerung. Bei Artillerie- und Luftangriffen kamen ihren Angaben zufolge in den vergangenen Tagen wieder dutzende Zivilisten ums Leben. Der Nachrichtensender Al Jazeera berichtet, es werde auch in den zwischen Russland, der Türkei und dem Iran vereinbarten Deeskalationszonen gekämpft. Demnach versuchen seit Beginn der Kämpfe wieder viele Syrer, die Grenze zur Türkei zu überwinden, um sich dort in Sicherheit zu bringen.

Nahe der Hauptstadt hat die syrische Armee eine weitere Offensive begonnen. Nordöstlich von Damaskus durchbrach die Armee in der Nacht zu Montag einen Belagerungsring islamistischer Rebellen um den einzigen Militärstützpunkt der Region. Auf der Basis in der Nähe der Stadt Harasta befanden sich etwa 250 Soldaten. Die Rebellengruppe Dschaisch al-Islam und islamistische Kämpfer hatten den Militärstützpunkt eingekreist. Bei Artillerie- und Luftangriffen wurden dort nach Angaben von Aktivisten mindestens 20 Zivilisten getötet.

Am 9. Januar hat sich die Situation stark verändert. Die syrische Armee hat sich rund 40 Kilometer weit in die Provinz Idlib vorgearbeitet. Die Angaben stammen vom Projekt Liveuamap, das anhand staatlicher und nicht-staatlicher Angaben weltweit Konflikte grafisch skizziert.
Am 9. Januar hat sich die Situation stark verändert. Die syrische Armee hat sich rund 40 Kilometer weit in die Provinz Idlib vorgearbeitet. Die Angaben stammen vom Projekt Liveuamap, das anhand staatlicher und nicht-staatlicher Angaben weltweit Konflikte grafisch skizziert.(Foto: syria.liveuamap.com)

Und auch andere in den Konflikt involvierte Parteien greifen weiter ein. Im Norden der Provinz Idlib baut die türkische Armee ihre Präsenz aus. Präsident Recep Tayyip Erdogan bekräftigte aktuell sein Vorhaben, die von den kurdischen Kämpfern der YPG kontrollierten Gebiete an der türkischen Grenze zu durchbrechen. Außerdem hat Israel nach Angaben der syrischen Armee in der Nacht zum Dienstag erneut mehrere Luftangriffe gegen Stellungen der Assad-Truppen geflogen.

Assad will sich alternativlos machen

Dass Machthaber Assad mit zwei großangelegten Offensiven jetzt versucht, große Gebiete unter seine Kontrolle zu bringen, hängt vermutlich mit den anstehenden Verhandlungen in Sotschi zusammen, die am 29. und 30. Januar in dem russischen Badeort stattfinden sollen. Bisherige Verhandlungsversuche der Vereinten Nationen in Genf blieben weitgehend ergebnislos. Der von Russland, dem Iran und der Türkei organisierten Runde in Sotschi messen Beobachter größere Chancen auf Erfolg bei. Je mehr Geländegewinne Assad bis zum Beginn der Gespräche verbuchen kann, desto mehr Fakten schafft er bezüglich seiner eigenen Person.

Die Unterstützung Russlands und des Iran hat er sicher, die Türkei hingegen sieht mit ihm keine Zukunft für das Land - so wie auch viele westliche Nationen. Doch welche Alternative zu Assad könnte es geben, wenn der Widerstand bis auf ein Minimum geschwächt wurde? Niemand rechnet noch ernsthaft damit, dass die Rebellion in Syrien irgendeine Aussicht auf Erfolg hat. Der Aufstand ist gescheitert. Und je stärker Assad die verbliebenen Kämpfer vor Beginn der Konferenz in Sotschi schwächt, desto unausweichlicher ist sein Verbleib an der Macht - auch für seine Gegner.

Quelle: n-tv.de