Politik

Grünen-Chef in Sachsen-AnhaltBanaszak sucht die grüne Welle im Untergangsszenario

14.08.2026, 08:42 Uhr a6d1097d-155c-4edc-b000-7806375dfbdb~1Von Sebastian Huld, Osterwieck
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"Bedrückend" findet Felix Banaszak die vielen toten Bäume im Harz. Die Brockenwanderung bereitet ihm dennoch Vergnügen. (Foto: Sebastian Huld)

Die Grünen sind im Osten Nischenpartei, könnten aber AfD-Regierungsmehrheiten durch ihren Einzug in zwei Landtage verhindern. Grünen-Chef Banaszak tourt deshalb durch Sachsen-Anhalt - und unterzieht seine Vision für eine Neuausrichtung der Partei einem Feldversuch.

Während sich der Mond vor die untergehende Sonne schiebt und Millionen Menschen gen Westen schauen, richtet Felix Banaszak den Blick auf den Abgrund im Osten: "Was uns droht, wenn Rechtsextreme und Verfassungsfeinde die Macht übernehmen, das ist kein spannendes Live-Experiment, was man sich mal angucken kann", sagt der Grünen-Bundesvorsitzende im Hof eines 499 Jahre alten Bauernhauses im Harz-Städtchen Osterwieck. Rund 50 Gäste haben sich eingefunden zur Veranstaltung "Bier mit Banaszak" im historischen Schäfershof. Nicht alle sind Grünen-Mitglieder. Eine mögliche AfD-Alleinregierung nach dem 6. September betrachten aber alle Versammelten als ernsthafte Gefahr für das Land.

Wenige Tausend Stimmen für Bündnis90/Die Grünen könnten am Wahlabend in drei Wochen ausschlaggebend dafür sein, ob die AfD erstmalig eine Regierungsmehrheit bekommt - allein oder mit Unterstützung des BSW. Gelingt aber Banaszaks Partei mit der Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz erneut der Sprung über die 5-Prozent-Hürde, dürften Grüne, CDU, Linke und SPD zusammen auf mehr als die Hälfte der Stimmen im Magdeburger Landtag kommen. Doch so viel ist klar: Es wird knapp. Gleiches gilt für Mecklenburg-Vorpommern, das zwei Wochen später einen neuen Landtag wählt. Die Grünen sind im Osten eine Nischenpartei, könnten aber in beiden Bundesländern zum Zünglein an der Waage werden.

Klaus Plitzkat ist - faktisch aussichtslos - Direktkandidat für die Grünen im Harz. Der Rentner hat die Abendveranstaltung organisiert in Osterwieck, das Besucher mit seinen Dutzenden mittelalterlichen Fachwerkhäusern beeindruckt. Plitzkat kann Banaszak zur Begrüßung gar nicht genug dafür danken, dass der Besuch aus Berlin zum Auftakt seiner Wahlkampftour den Weg in die "Provinz" gefunden habe. Vielen Zuhörern, von denen einige bereits am Nachmittag mit Banaszak den Brocken erklommen haben, scheint es ähnlich zu gehen.

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Während die Sonnenfinsternis beginnt, leitet Banaszak die Bier-Runde in Osterwieck ein. (Foto: Sebastian Huld)

Die Grünen werden die entscheidenden Zweitstimmen vor allem in den größeren Städten und Hochschulstandorten Sachsen-Anhalts finden. Zuspruch und Aufmerksamkeit brauchen vor allem jene Basismitglieder, die sich in den ländlicheren Gebieten oft allein auf AfD-blauer Flur wiederfinden. Auch deshalb lauschen sie Banaszak konzentriert zwei Stunden lang und werfen nur gelegentlich einen kurzen Blick durch die zwei Sonnenfinsternis-Brillen, die im Publikum umhergereicht werden.

Die Wut ebbt ab

Unter den Teilnehmern ist ein ehrenamtlicher Ortsbürgermeister aus der Region. Während des Aufstiegs zum rund 1140 Meter hoch gelegenen Brockengipfel erzählt der parteilose Mittfünfziger, dass "zu Hause" besser niemand von seiner Sympathie für die Grünen erfährt. Ein Pärchen aus Wernigerode berichtet, dass beide seit Jahrzehnten wegen der politischen Stimmung immer wieder über einen Wegzug nachdenken. Doch die Heimatliebe ist groß. "Wir wohnen, wo andere Urlaub machen", so die begeisterte Wanderin. Und auch Plitzkat sagt, er werde in seinem Wohnort nur akzeptiert, weil er schon so lange im Dorf sei - und sich bei privaten Einladungen an die allfällige Bitte halte, sich nicht politisch zu äußern. Für die anderen Gäste gelte dieses Verbot dann nur bedingt.

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Höhepunkt: Banaszak zusammen mit den Grünen-Landesfraktionschef Olaf Meister auf dem Brocken-Gipfel. (Foto: Sebastian Huld)

Der frisch aus dem Campingurlaub mit Frau und Kind heimgekehrte Banaszak ist zwar blendend gelaunt. Aber er kann in etwa einschätzen, was es dieser Tage bedeutet, sich im Osten auf dem Land zu den Grünen zu bekennen. Im November hat Banaszak, der aus Duisburg stammt und dort seinen Wahlkreis hat, ein Regionalbüro in Brandenburg an der Havel eröffnet. In die Zeit seines Parteivorsitzes - zusammen mit Co-Chefin Franziska Brantner - fallen zwei aufwendige Ostkongresse. An gleich mehreren Tagen setzte sich die Partei mit ostdeutschen Perspektiven auseinander, 2025 in Wittenberge, im vergangenen Juni in Sassnitz auf Rügen.

Auf der Fahrt vom Brocken nach Osterwieck hängt im Dorf Langeln ein mehrere Meter hohes Banner an der Fassade eines alten Fachwerkhauses. "Unser Hof hat Napoleon, Hitler und Stalin überlebt, er überlebt auch die Grünen", ist darauf zu lesen. Trotz solcher für die Region nicht untypischen Anblicke ist von allen Grünen übereinstimmend zu hören, dass der offene Hass, die Aggressionen gegen Grüne spürbar nachgelassen hätten im Osten, seit die Partei nicht mehr mitregiert im Bund. Der Polizeischutz für "Bier mit Banaszak" ist minimal. Da hatte seine Amtsvorgängerin Ricarda Lang noch ganz andere Erfahrungen gemacht - auch im Westen der Republik.

Versöhnung und Experiment

Sollte die Partei nun in beiden Ost-Flächenländern den Landtagseinzug schaffen, hätte das auch innerparteilich eine versöhnende Wirkung: Obwohl der Name "Bündnis 90" aus der Verschmelzung der Grünen mit dem gleichnamigen Zusammenschluss von DDR-Oppositionsgruppen herrührt, fühlen sich die Ostverbände in der Partei oft übersehen. Rund 1700 Mitglieder haben die Grünen in Sachsen-Anhalt. Allein im Kreisverband Stuttgart sind es mehr als 2000. Von 85 Bundestagsabgeordneten vertreten sieben Mandatsträger die ostdeutschen Flächenländer. In diesem Spätsommer bescheren ausgerechnet die Ostlandesverbände den Grünen eine Rolle und Aufmerksamkeit, die sie als eine von drei Oppositionsparteien im Bundestag zuletzt nur noch selten hatten.

Die drohende erstmalige Regierungsmehrheit für die AfD ist daher aus Banaszaks Perspektive auch eine Gelegenheit - nicht nur zur Ost-West-Aussöhnung in der Partei, sondern auch, um seine Vision für die künftige Ausrichtung der Grünen einem Feldversuch zu unterziehen: Der Parteichef ist mit dem "Taxi Banaszak" unterwegs, einem vollelektrischen Mercedes-Kleinbus. Das Fahrzeug ist hälftig in Taxi-Beige, hälftig in Grün foliert. An den Seiten prangt Banaszaks Porträt, der Name seiner Partei fehlt hingegen. Der Bus ist auch Vehikel zur Markenbildung des Grünen-Vorsitzenden, der längst nicht bei den Bekanntheitswerten der früheren Parteivorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock angelangt ist.

Als Banaszak beim Parteitag im November darüber sprach, wie viel Freiheit und Spaß ihm als jungen Mann das erste eigene Auto bereitet hatte, er gar zum "Taxi Banaszak" für Freunde und Familie wurde, erntete er für so viel Autoliebe reichlich Kritik von Teilen seiner Fraktion. Nun hält Banaszak erst recht dagegen, will ankämpfen gegen das Image der Grünen als abgehobene und spaßbefreite Moralapostel. Er habe sich die Formulierung vom "dreckigen" Verbrenner bewusst abgewöhnt, erzählt Banaszak der Bierrunde in Osterwieck. Die Grünen sollten Menschen nicht für ihr Auto beschämen, und auch nicht dafür, wenn sie in der Automobilindustrie arbeiteten.

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Die Schranke entscheidet: Banaszaks Elektrobus hält für die kohlebefeuerte Harzer Schmalspurbahn. (Foto: Sebastian Huld)

"Ich glaube, eine Partei, die die Menschen nicht erst mal so mag und annimmt, wie sie sind, wird am Ende auch nicht genug Menschen für sich mobilisieren können", sagt der 36-Jährige, als ein Grünen-Mitglied sich darüber beschwert, dass die Partei mit einem Bild für die Brockenwanderung geworben hatte, das die dampfende Harzer Schmalspurbahn zeigt. Auf Rügen sei er mit der Familie mit dem "Rasenden Roland" gefahren, einer ebenfalls mit Kohle befeuerten Dampflokomotive. "Meine Tochter redet heute noch davon, was das für eine tolle Sache war", erzählt Banaszak. Rasender Roland und Harzer Schmalspurbahn stünden deshalb weit hinten auf seiner persönlichen Prioritätenliste im Kampf gegen den Klimawandel.

Hitzerekorde als Chance

Die Auswirkungen des Klimawandels lassen sich dieser Tage in Sachsen-Anhalt schwer ignorieren. Die Elbe hat Niedrigwasser, wenn auch nicht so ganz so dramatisch wie Rhein und Donau. Im Ort Möckern wurde diesen Sommer mit 42 Grad im Schatten ein neuer, bundesweiter Hitzerekord verzeichnet. Die Landwirte blicken schmerzhaften Ernteausfällen entgegen - Bauern besucht Banaszak am Tag nach der Brockenwanderung. Auf dem Brocken selbst bekommt er eine dystopische Landschaft zu sehen, die infolge der klimabedingten Borkenkäferplage entstanden ist: Vom einstigen Kiefernwald ist fast nichts übrig. Hektarweise reihen sich hellgraue, tote Baumstämme aneinander. "Bedrückend" findet Banaszak den Anblick.

Der Parteivorsitzende sieht sich darin bestätigt, dass die Grünen das Klimathema seit der Bundestagswahl weiter oben gehalten haben. Dabei wollte in den vergangenen Monaten und Jahren kaum noch wer darüber sprechen. "Ich würde am liebsten nur darüber sprechen, was wir vorhaben beim Klimaschutz und bei der Klimaanpassung und beim Naturschutz, beim Schutz dieser wunderbaren Heimat, die viele Menschen hier haben." Und doch spricht er in Osterwieck vor allem über eines: die Notwendigkeit, eine AfD-Regierung zu verhindern.

Als im Schäfershof ein bisheriger CDU-Wähler fragt, ob die Grünen nicht insgesamt mehr wie Baden-Württembergs neuer Ministerpräsidenten Cem Özdemir auftreten könnten, zeigt Banaszak Verständnis. Er vertritt in der Partei eigentlich den linken Flügel, während selbst der konservativere Realoflügel einige Wahlkampf-Äußerungen Özdemirs als Zumutung empfand. Von Özdemir könne man "viel lernen", sagt Banaszak. Doch die Situation in Sachsen-Anhalt sei für die Grünen eine ganz andere als in Baden-Württemberg. Der Fragesteller möge sich bitte dennoch überlegen, ob er nicht dieses Mal sein Kreuz bei den Grünen machen könnte - und sei es nur wegen der AfD. Der Mann scheint nicht abgeneigt.

Quelle: ntv.de

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