Politik
Björn Höcke gibt sich gern als Volkstribun.
Björn Höcke gibt sich gern als Volkstribun.(Foto: dpa)
Montag, 13. Februar 2017

"Wir müssen wehrhaft werden!": Björn Höcke in sieben Szenen

Von Hubertus Volmer

Früher Geschichtslehrer, heute AfD-Chef in Thüringen und Fraktionsvorsitzender der AfD im Erfurter Landtag. Björn Höcke hat es in der AfD weit gebracht. Geht es nach dem Willen des AfD-Bundesvorstands, ist diese Karriere jetzt beendet: Das Gremium stimmte am Montag mit Zweidrittelmehrheit für Höckes Ausschluss aus der Partei.

Noch ist es nicht so weit, die Entscheidung liegt bei den Schiedsgerichten der AfD. Klar ist: Höcke steht nicht nur im Mittelpunkt eines Machtkampfes, sondern in gewisser Weise auch in der Mitte der Partei - nicht mit seinen politischen Ansichten, wohl aber mit seinem Netzwerk. Wer ist dieser Mann? Sieben Szenen, die diese Frage beantworten.

30. Juli 2014: Erster Auftritt in der Bundespressekonferenz

Im Spätsommer 2014 stehen drei Landtagswahlen an. Am 30. Juli stellt der damalige AfD-Vorsitzende Bernd Lucke die drei Spitzenkandidaten vor. Zwei von ihnen sind bereits leidlich bekannt, Luckes Co-Vorsitzende Frauke Petry, die den sächsischen Landesverband führt, sowie Alexander Gauland aus Brandenburg.

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Nur der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, ein Geschichtslehrer aus Hessen, ist noch ein Nobody. Sein erster Auftritt vor der Hauptstadtpresse lässt die Journalisten teils schmunzeln, teils die Augenbrauen hochziehen. Er spricht sie als "liebe Freunde" an und diktiert dann seine Botschaft. "Höcke. Doppelpunkt. Anführungszeichen unten. Die politische Korrektheit liegt wie der Mehltau auf unserem Land und ich bin angetreten, um sie abzuräumen."

Nicht weniger skurril ist Höckes Auftritt ein paar Wochen später. In Thüringen erreicht die AfD am 14. September 10,6 Prozent der Stimmen. Die AfD habe einen "vollständigen Sieg" errungen, sagt er auf der Wahlparty in Erfurt. Eine "neue Epoche der Parteiengeschichte" habe begonnen. Die AfD nennt er eine "blaue Bewegung, die unser gesamtes Vaterland in eine bessere Zukunft" führen werde. Hans-Olaf Henkel, damals noch stellvertretender AfD-Vorsitzender, sagt n-tv.de später, die Art, wie Höcke seinen Triumph gefeiert habe, hätten ihn denken lassen: "Hoppla, was ist denn mit dem los? Er ist mit seinem Erfolg nicht fertig geworden."

14. März 2015: Die "Erfurter Resolution"

Lucke und Henkel verlassen die AfD im Sommer 2015, nachdem sie den Machtkampf mit Petry verloren haben. Gegen den Lucke-Flügel steht Höcke an vorderster Front. In dramatischer Sprache beschwört die von ihm initiierte "Erfurter Resolution" eine radikalere Politik.

Der Parteiführung wirft Höcke "Technokratentum", "Feigheit" sowie "Verrat an den Interessen unseres Landes" vor. Der Text signalisiert eine Nähe zur rechtsradikalen Identitären Bewegung: Die AfD wird "als Bewegung unseres Volkes gegen die Gesellschaftsexperimente der letzten Jahrzehnte (Gender Mainstreaming, Multikulturalismus, Erziehungsbeliebigkeit usf.)" beschrieben sowie "als Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands".

Die Erfurter Resolution ist das Gründungsdokument eines parteiinternen Flügels, der sich "Der Flügel" nennt. Neben persönlichen Kontakten zu Leuten wie Gauland oder Jörg Meuthen, der nach Luckes Abgang zweiter Parteichef wird, ist der "Flügel" Höckes wichtigste Machtbasis. Vor allem aber ist die Erfurter Resolution für Höcke ein großer Erfolg. Er sorgt für die Zuspitzung eines Machtkampfes, den Lucke am Ende verliert.

18. Oktober 2015: Auftritt bei Günther Jauch

Einem größeren Publikum wird Höcke im Oktober 2015 bekannt. Nach dem Essener Parteitag im Sommer hat das Lucke-Lager die AfD verlassen. In dieser Zeit beginnt Höcke, nach dem Vorbild der Pegida-Bewegung Demonstrationen in Erfurt abzuhalten. Mittlerweile sind auch die Vorwürfe des Soziologen Andreas Kemper bekannt, nach denen Höcke unter dem Pseudonym "Landolf Ladig" für die NPD-Zeitschrift "Eichsfeld-Stimme" geschrieben haben soll.

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Bei Jauch legt Höcke ein Deutschland-Fähnchen über seine Sessellehne, "um allen Anwesenden und um den Fernsehzuschauern zu zeigen, dass die AfD die Stimme des Volkes spricht, gegen eine, das muss ich ganz deutlich sagen, verrückt gewordene Altparteienpolitik". In der Talkshow wurden auch Ausschnitte von Höcke-Auftritten in Erfurt gezeigt, bei denen er "Wir sind das Volk"-Sprechchöre anführt.

18. November 2015: Auftritt in Erfurt

"Liebe Freunde, wisst ihr, was das große Problem ist?", fragt Höcke sein Publikum bei einer der Kundgebungen in Erfurt und hält das Mikrophon dabei wie ein Schlagersänger zwischen Daumen und Zeigefinger. "Das große Problem ist, dass Deutschland, dass Europa ihre Männlichkeit verloren haben. Ich sage: Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft!" Höcke wird immer lauter. "Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft. Und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!" Der Ausschnitt wird später in der "Heute Show" gespielt.

21. November 2015: Auftritt in Schnellroda

Dass Björn Höcke nicht nur skurril ist, sondern es absolut ernst meint, zeigt er bei einem Auftritt in Schnellroda, einem Dorf in Sachsen-Anhalt, in dem sich das neurechte "Institut für Staatspolitik" angesiedelt hat. Ganz im Stil völkischer Pseudowissenschaftler spricht er von den "unterschiedlichen Reproduktionsstrategien" der Afrikaner und Europas. "Liebe Freunde, die Lage scheint tatsächlich aussichtslos", sagt Höcke gegen Ende seines Vortrags und fügt nach einer kurzen, dramatischen Pause hinzu: "Aber ich kann und werde von meinem Vaterland nicht lassen."

Die AfD-Spitze rügte diesen Vortrag später als parteischädigend. Gleichzeitig kritisierte Meuthen eine von Höcke ausgesprochene Gratulation an den französischen Front National. "Die Alternative für Deutschland unterhält weder im Europäischen Parlament noch an anderer Stelle Beziehungen zum FN", sagte Meuthen seinerzeit. Mittlerweile gibt es solche Kontakte durchaus, nur laufen sie nicht über Höcke, sondern über Petry und ihren Lebensgefährten, den nordrhein-westfälischen AfD-Vorsitzenden Marcus Pretzell.

4. Juni 2016: Auftritt beim "Kyffhäusertreffen"

Beim sogenannten Kyffhäusertreffen erläutert Höcke seine Sicht auf die deutsche Geschichte. "Unser liebes deutsches Volk ist heute eine nie dagewesene Mischung aus Spaßgesellschaft und Schuldgemeinschaft." Er meint den Umgang mit dem Holocaust. Für ihn ist eine andere Epoche wichtiger: "Es kann doch überhaupt kein Zweifel bestehen, dass diese Zeit von 1871 bis 1914 eine Hochzeit unseres Volkes gewesen ist." Was danach kam, bezeichnet er als "Zeit des Vulgärnationalismus", ohne weiter darauf einzugehen - außer mit dem Hinweis, dass "permanentes Mies- und Lächerlichmachen unserer Geschichte" uns "lächerlich" gemacht habe.

Das von Höckes "Flügel" veranstaltete "Kyffhäusertreffen" zeigt, dass Höcke längst in der Mitte der AfD angekommen war. Nach Höcke sprechen Gauland und Meuthen. Nur Petry fehlt.

17. Januar 2017: Auftritt in Dresden

Deutlicher wird Höcke im Januar in Dresden. Vor gut 500 Zuhörern attestiert er den Deutschen den Gemütszustand eines "brutal besiegten Volkes", nennt die Vergangenheitsbewältigung "dämlich" und fordert eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad". Und er sagt: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat."

Gauland verteidigt Höcke später. Dieser habe das Holocaust-Mahnmal "als Mahnmal unserer Schande bezeichnet", sagt er der ARD. "Das ist doch richtig, oder ist das falsch?"

Petry nimmt die Dresdner Rede zum Anlass, erneut zu versuchen, Höcke aus der Partei werfen zu lassen. Im Januar reicht ihre Mehrheit im AfD-Vorstand nur für "parteiliche Ordnungsmaßnahmen", nur acht von elf anwesenden Mitgliedern sprechen sich für einen Parteiausschluss aus. Erst im Februar hat sie die notwendige Zweidrittelmehrheit zusammen. Gegen den Beschluss stimmen unter anderem Gauland und Meuthen.

Bei n-tv erklärt Petry, der Beschluss sei ein Signal, "dass die AfD ihren bürgerlich-freiheitlichen Kurs fortsetzen wird". Höcke sieht das ganz anders. Er sagt in Erfurt, das Vorgehen des Bundesvorstands habe das "Potenzial zur Spaltung".

Quelle: n-tv.de