50.000 tote Russen pro Monat?Bonussystem für ukrainische Drohnenpiloten - jeder Treffer bringt Punkte

Acht Punkte für einen verwundeten russischen Soldaten, 120-Punkte-Jackpot für einen lebenden russischen Soldaten. Kiews Drohneneinheiten bekommen Punkte, je mehr russische Soldaten sie ausschalten. Die Ukraine will damit die Kriegskosten für den Kreml in die Höhe treiben.
Anfang dieses Jahres gibt Wolodymyr Selenskyj ein ambitioniertes Ziel aus: Pro Monat soll das ukrainische Militär 50.000 russische Soldaten ausschalten, so der ukrainische Präsident. Aufgabe seiner Armee sei es, die gegnerischen Truppen so stark zu dezimieren, dass "die russischen Verluste höher sind als das Auffüllvolumen, das sie monatlich in die Truppen schicken können".
Russland schicke derzeit pro Monat etwa 35.000 bis 40.000 neue Soldaten an die Front, erklärt Oberst Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer im ntv-Interview. Die Ukraine will mehr Russen töten, als Kremlchef Wladimir Putin neu an die Front schickt. "Das ist eine realistische Aufgabe", meinte Selenskyj Ende Januar.
Damit das klappt, setzt das ukrainische Militär vor allem auf Drohnen - und hat damit Erfolg. Im Dezember seien erstmals mehr russische Soldaten ausgeschaltet, als neu an die Front geschickt worden, hat der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte kürzlich im Interview mit dem "Economist" gesagt. Demnach haben ukrainische Drohnen seit Beginn des Winters 8776 Soldaten mehr getötet oder außer Gefecht gesetzt, als Russland ersetzen konnte.
12 Punkte für einen toten Soldaten
Mitte Januar hatten Kiews Truppen zudem erstmals die 50.000er Marke gerissen. Der Ukraine war es zu dem Zeitpunkt gelungen, im 30-Tages-Schnitt 1650 russische Soldaten pro Tag auszuschalten. Danach sank der Wert jedoch deutlich. Auch wenn westliche Einschätzungen den Zahlen aus Kiew oft nahekommen, empfiehlt Reisner, bei den Truppenverlusten vorsichtig zu sein: "Man muss die Ergebnisse messen können. Das geht erst nach einer gewissen Zeit. Das heißt, wir müssten jetzt die Sommeroffensive abwarten. Fällt diese bei Weitem nicht so stark aus, könnte das darauf hindeuten, dass sich das Bonussystem 'Army of Drones' bezahlt macht."
"Army of Drones", so heißt das Bonuspunktesystem für ukrainische Drohnenpiloten. Das ukrainische Militär hat es vor etwa anderthalb Jahren eingeführt und immer wieder angepasst.
Für einen verwundeten russischen Soldaten bekommen die ukrainischen Piloten laut übereinstimmender Medienberichte inzwischen 8 Punkte, für einen toten Soldaten gibt es 12 Punkte. Ein verwundeter russischer Drohnenpilot ist 15 Punkte wert, ein toter sogar 25 Punkte. Wer einen russischen Soldaten lebend schnappt, hat den Jackpot: 120 Punkte. Aber auch zerstörtes Kriegsgerät gibt Punkte: 50 Punkte für einen Mehrfachraketenwerfer, 40 Punkte für einen Kampfpanzer. "Die Ukraine hat sich in den vergangenen Jahren die Frage gestellt, wie man die Soldaten zusätzlich motivieren kann. Aufgrund des lang anhaltenden Krieges stehen die Soldaten stark unter Druck. Und dann hatte man die Idee, ein Punktesystem einzuführen", erklärt Reisner.
Punkte einlösen im Onlineshop
Erfolgreiche Einheiten sammeln viele Punkte und werden dafür mit dem besten Kriegsgerät belohnt. Die ukrainischen Drohnenpiloten können ihre Punkte in einem Onlineshop gegen neue Waffen eintauschen. Zur Auswahl stehen über 100 verschiedene Drohnen, autonome Fahrzeuge, Roboter und anderes Kriegsgerät. Insgesamt über 1500 verschiedene Produkte. Das Bonuspunktesystem soll die Drohneneinheiten nicht nur motivieren, sondern auch eine Kettenreaktion auslösen.
"Je mehr Infanteristen man tötet, desto mehr Drohnen bekommt man, um noch mehr Infanteristen zu töten. Das wird zu einer Art sich selbst verstärkendem Kreislauf", hat Mychajlo Fedorow, der stellvertretende Ministerpräsident der Ukraine, dem "Guardian" erklärt.
Das lässt sich auch in Zahlen messen: Die gesamten Drohnentruppen seien für über ein Drittel aller toten russischen Soldaten verantwortlich, sagt Robert Bovdi. Andere Kommandeure behaupten, dass Drohnen mittlerweile sogar bis zu 70 Prozent aller russischen Todesfälle und Verletzungen ausmachen. Dabei sind nur zwei Prozent der ukrainischen Soldaten in den Drohneneinheiten aktiv. Das heißt, nur jeder 50. Militärangehörige gehört dazu, ist aber für einen Großteil der russischen Verluste verantwortlich.
Punktesystem als wertvoller Datenlieferant
Das Bonuspunktesystem hat aber nicht unbedingt nur positive Effekte: Die BBC hat mehrere Drohnenpiloten befragt. Einige fühlen sich dadurch extra motiviert, andere kritisieren, es fresse zu viel Zeit. Manche Einheiten seien zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig Treffer zuzuschreiben. Um an die begehrten Punkte zu kommen, schummeln die Soldaten, wie es aussieht, auch schon mal. "Es gibt Berichte von ukrainischen Soldaten, die sagen, dass einige Einheiten bereits zerstörte und beschädigte Panzer immer wieder angegriffen haben, um Punkte zu generieren", berichtet Reisner im ntv-Interview. "Ich denke, die Wahrheit wird in der Mitte liegen. Auf jeden Fall kann man sagen, dass das Bonussystem dazu geführt hat, dass die Ausfallraten der russischen Drohneneinheiten enorm zugenommen haben."
Gleichzeitig ist das Punktesystem auch ein wertvoller Datenlieferant: Die Drohneneinheiten müssen nämlich Videos ihrer Treffer ans Verteidigungsministerium in Kiew schicken, um die Punkte zu bekommen. Dieses Material helfe der Ukraine, die Lage auf dem Schlachtfeld besser zu verstehen, hat Vize-Ministerpräsident Mychajlo Fedorow der BBC gesagt. "So sehen wir, was effizient und was weniger effizient ist."
Auch Russland hat ein Anreizprogramm ins Leben gerufen. Allerdings gibt es kein Bonuspunktemodell. Wer feindliches Gerät, Hubschrauber oder Panzer zerstört, bekommt Geld.
Ukrainisches Militär will Bonusprogramm ausweiten
Entmenschlicht diese Art der Belohnung den Krieg? Erinnert das Bonuspunktesystem nicht zu sehr an ein Computerspiel? Für Fedorow ist das unwichtig: "Was unmenschlich ist: einen großen Krieg zu beginnen", sagte er der "New York Times".
Generell habe er Emotionen weitgehend abgelegt, wenn es darum gehe, den Feind zu töten. "Es fühlt sich wie reine technische Arbeit an. Denn wenn man den Feind nicht aufhält, tötet er die Soldaten. Und wenn die Soldaten tot sind, kommt er in die Stadt, erobert sie, zerstört sie und tötet die Zivilbevölkerung", sagte Fedorow dem "Guardian".
Die ukrainische Armee ist vom Bonusprogramm jedenfalls so sehr überzeugt, dass sie es sogar ausweiten will. Auch Soldaten, die Aufklärungsarbeit leisten, logistische Operationen durchführen oder in Artillerieeinheiten kämpfen, sollen künftig mit Punkten belohnt werden. Aufklärungssoldaten könnten etwa Punkte bekommen, wenn sie ein Ziel markieren, das später erfolgreich angegriffen wird.
Bleibt die Ukraine mit ihren Drohneneinheiten weiter so erfolgreich, könnte Putin eines Tages feststellen, dass die Kosten für den Krieg zu hoch sind. Das ist jedenfalls die Hoffnung in Kiew. Allerdings lässt Russland seit Jahren jegliche Friedensbemühungen ins Leere laufen. Gut möglich, dass Putin den Krieg bis zur völligen Erschöpfung und darüber hinaus fortsetzen wird - egal, wie viele russische Soldaten noch von ukrainischen Drohnen getötet oder verletzt werden.