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Berlin Tag & MachtBrot, Spiele und Algorithmen: Der langsame Tod der politischen Vernunft

05.02.2026, 11:56 Uhr MARIE-VON-DEN-BENKEN-N-TV-LIZENZFREIE-BILDER-01Eine Kolumne von Marie von den Benken
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Gil Ofarim treibt die Nation um, wichtige politische Themen gehen derweil unter, findet Kolumnistin Marie von den Benken. (Foto: picture alliance/dpa/RTL)

Brot, Spiele und eine neue Realität: Während wir über Promis streiten, programmieren Algorithmen unsere Wirklichkeit. So verlieren Fakten an Reichweite und Empörung wird zur neuen Währung. Können wir noch verhindern, in 50 Jahren einen Tiktok-Bundeskanzler zu haben?

Brot und Spiele, das ahnten schon die antiken Römer, fasziniert das Proletariat nachhaltiger als politische Diskussionen. Ein Beispiel? Aktuell frönen annähernd 4,5 Millionen Deutsche während der Prime Time dem "Dschungelcamp", während die meisten TV-Nachrichtenformate nur einen Bruchteil der Alpaka-Penis-Gourmetshow-Fanbase aktivieren können. Handy- und TV-Bildschirme sind der hochfrequentierte Circus Maximus der Neuzeit. Für das Äquivalent des Forum Romanum, den Bundestag, interessieren sich hingegen fast nur noch Hauptstadtjournalisten und Social-Media-Tastaturgelehrte auf Empörungsfeldzug.

Umso faszinierender ist es, einem der interessantesten Reichweiten-Phänomene unserer Zeit beizuwohnen: Wenn Popkultur auf Politik trifft und Trash-TV sich in gesellschaftlich relevante Themenfelder abseits seiner üblichen Beischlaf-Beförderungs-Trivialitäten verirrt. Dann erleben wir einen sogenannten Clash of the Titans. Plötzlich diskutieren Fans der menschgewordenen, intellektuellen Vollzeitaskese mit Datingformat-Hintergrund Seite an Seite mit Leitartikel-Connaisseuren der politischen Diskurselite.

Genau dieses verführerisch mitreißende Debatten-Ragout steht diese Woche überraschend häufig auf Speisekarten öffentlicher Kommentarspalten-Kantinen. Während die Rezeption der juristischen Vergangenheit von Ex-Musiker Gil Ofarim die gesamte Nation spaltet und Weltstar Billie Eilish bei den Grammy Awards in Los Angeles eine flammende Rede über Besitz- und Aufenthaltsrechte auf völkerrechtlich nicht einwandfrei legal erworbenem Land hält und damit auf dem Social Media Symposium für selbst ernannte Allesexperten aufmerksamkeitsökonomische Rekordreichweiten erzielt, setzen Friedrich Merz und seine Regierungsbank-Geisterfahrer nahezu unbehelligt elementar wichtige Zukunftsthemen in den Sand. Wobei mir eine Sache wichtig ist: Dieser Text handelt nicht von Gil Ofarim, nicht von Billie Eilish und auch nicht vom Dschungelcamp. Er handelt davon, wie ein Mediensystem entsteht, in dem Demokratie strukturell an Reichweite verliert.

Wie ein Promi-Skandal zur nationalen Ersatzdebatte wird

Als Metapher dafür eignen sich die aktuellen Ofarim-Festspiele auf RTL aber nahezu ideal. Also, was war passiert? Als sich Gil Ofarim am Lagerfeuer der teilgescheiterten TV-Existenzen weigert, Mitcampern und Millionenpublikum Details über seinen erfundenen Antisemitismus-Vorwurf zu servieren, entbrennt eine Diskussion, die eine Schneise der Konträr-Wahrnehmung durch das Land schlägt. Die eine Seite beteuert vehement, Ofarim hätte sich doch bereits im Zuge seines Gerichtsverfahrens entschuldigt und nun wäre es aber auch mal gut mit der jahrelangen Hexenjagd. Die andere Seite ruft zum Boykott des Erfolgsformates auf, weil man einem Prominenten, der mit falschen Anschuldigungen das Leben einer Privatperson zerlegt hat, keine hochdotierte öffentliche Bühne geben sollte.

So hockt Gil Ofarim also nun seit 13 Tagen schweigend in der Primetime und lässt sich von 22-jährigen Influencerinnen als Lügner und Verbrecher beschimpfen. Interessant dabei: Welches Beschimpfungs-Vokabular würde wohl freigeschaltet, wenn die sendezeitfixierten Konfrontationsprofis aus dem Resozialisierungsprogramm für Karriereinsolvenzler mal von den gesellschaftlichen Errungenschaften eines Jens Spahn oder Andi Scheuer hörten?

Bis dahin ist der öffentliche Diskurs aber mit Gil Ofarim beschäftigt. Politische Entscheidungen, die unserem Land für Jahrzehnte eine bestimmte Richtung geben werden, pendeln sich derweil in den Aufmerksamkeits-Charts unterhalb der Wahrnehmungsgrenze ein.

Relevanz auf Tauchstation

Dass die mächtige VBW (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft) in einem brandneuen Gutachten prognostiziert, "ohne Strukturreformen und konsequente Priorisierung von Zukunftsinvestitionen droht der Bundeshaushalt an die Wand zu fahren" - mag sein, aber hat Gil sich heute endlich entschuldigt? Dass der Herbst der Reformen und die von Friedrich Merz vollmundig angekündigten Revolutionen zu Kernthemen wie Steuern, Renten und Krankenkassen inzwischen in endlosen Koalitionsstreitigkeiten beerdigt sind? Ja, ist blöd, aber lebt Billie Eilish nicht selbst in einer 14-Millionen-Dollar-Villa, die auf gestohlenem Land steht, das ursprünglich der indigenen Bevölkerungsgruppe der Tongva gehörte?

Brot und Spiele. Die Dynamik der Aufmerksamkeitsrelevanz funktioniert seit Jahrhunderten unverändert. Die Masse lässt sich nicht von politischen Detaildebatten euphorisieren. Sie giert nicht nach Information. Sie sehnt sich nach Unterhaltung. Und die lebt im Zeitalter der Reality-Triumphzüge vornehmlich von einfachen Feindbildern, möglichst hochkontroversen charakterlichen Problemfällen und maximal promiskuitiven Verhaltensmustern.

Diese Entwicklung wird noch dramatischer. Schon jetzt wächst eine Generation heran, deren mediale Alphabetisierung primär über Gesichter, Skandale und Erregung funktioniert - nicht über Zusammenhänge. Eine Generation, die mehr Ex-Freunde von Eva Benetatou aufzählen kann als Bundesminister. Die daraus resultierende Zukunfts-Realität ist gleichsam besorgniserregend wie eindeutig: Aus dieser Melange der heute 15-Jährigen wird spätestens in 40 bis 50 Jahren jemand Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin sein. Bis dahin sind die Themen der heutigen Massendiskursprovokateure längst vergessen. Gil Ofarims unsägliches Antisemitismus-Märchen genau wie Billie Eilishs unterkomplexe Systemkritik. Und das ist gut so.

Was allerdings überdauern wird, ist die Art und Weise, wie diese Generation sich inzwischen gesellschaftlich relevanten Themen annähert. Im Dschungelcamp sitzt aktuell eine junge Frau aus der Schweiz, die 4,5 Millionen Zuschauern unironisch erklärt, die Mondlandung sei Fake und die Erde wäre eine Scheibe. Nun hat es grenzdubiose Aluhutmomente in jeder Generation gegeben. Die Mondlandungs-Verschwörungstheorie existiert ja nicht erst seit gestern. Die "Inside Job"-These über den 11. September 2001 jährt sich dieses Jahr zum 25. Mal. Damals war jene Schweizerin noch gar nicht geboren.

Was die Affinität zu faktenbefreiten Gefühlswahrheiten mittlerweile so gefährlich macht, ist die Evidenzkette, mit der die heutigen Aluhut-Avengers ihre wissenschaftsfernen Doktrinen zu belegen glauben. Das Paradebeispiel für eine am Social-Media-Screen sozialisierte Generation, unser Eidgenössinnen-Import, hat es freimütig in die bestürzten Gesichter ihrer Mitcamper herausposaunt: "Das habe ich bei Tiktok gesehen!"

Wenn schlechte Politik noch das kleinere Übel ist

Man kann unserer aktuellen Regierung einiges vorwerfen. Harte Kritik ist angebracht. Würden sich Merz, Lars Klingbeil oder Boris Pistorius allerdings an der edukativ auf Tiktok aufgewachsenen U20-Generation orientieren, sähe unsere Politik mit ziemlicher Sicherheit desaströser aus. Den momentan vorherrschenden Social-Media-Trends folgend, würde Merz sich zunächst mit einer Tonne Eiswasser übergießen und dann das Existenzrecht Israels infrage stellen, Chemtrails verbieten, Corona als harmlose Grippe umkategorisieren, Remigration zu Staatsräson erklären, die Epstein-Files als Beweis für eine jüdische Weltverschwörung deklarieren, Grenzen schließen und Ausländer zum Hauptgrund für Klimawandel, Inflation, Kriminalitätsanstieg, Bildungsabfall und Konjunkturschwäche ausrufen. Unter uns gesagt: Ich bin eigentlich ganz froh, dass dem nicht so ist.

Bei aller Freude darüber, dass Merz und Co. sich bei ihren Entscheidungen nicht von selbsternannten Investigativ-Reportern und Selbstdenkern leiten lassen, lauert aber leider genau dort die Einfalltür für die postfaktischen Polarisierungs-Avantgardisten der AfD. Die nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz gesichert rechtsextremistische Partei für establishmentverzweifelte Turbopatrioten fischt mit ihrer Hashtag-Politik der maximalen Buzzword-Hysterie genau an den porösen Sollbruchstellen unserer Gesellschaft, wo bildungsasketische Absolventen der Tiktok-Akademie und realpolitisch enttäuschte Protestwähler verzweifelt auf die populismusdurchtränkte Rattenfänger-Taktik der AfD reinfallen.

Wenn wir diese Entwicklung nicht in ihrer vollen Tragweite begreifen und entsprechende Reaktionen zeigen, werden wir uns die semizufriedenstellende Politik dieser Tage noch sehnlichst zurückwünschen. Denn wenn wir vor der Politikverdrossenheit der Generation Tiktok resignieren und die Faktenhoheit irgendwann gänzlich den Algorithmen der Social-Media-Plattformen überlassen, werden wir von einem Fake-News-Tsunami überrollt, der perspektivisch auch ein Land wie Deutschland in Schutt und Asche legen kann.

Quelle: ntv.de

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