Politik

Elektroautos hier, Hunger dort China führt Merkel seine "Effizienz" vor

Auf ihrer elften China-Reise trifft Kanzlerin Merkel auf Gastgeber mit großem Selbstbewusstsein. Peking will das Land zu einer Hightech-Weltmacht machen - gleichzeitig leben Millionen Chinesen in Armut und jede Opposition wird unterdrückt.

Wenn Angela Merkel an diesem Freitag ihre China-Reise fortsetzt, dann kommt sie in eine Stadt, deren Namen in Deutschland kaum einer kennt, wo aber Hochhäuser schneller aus dem Boden schießen, als ein deutscher Stadtplaner "Baugenehmigung!" sagen kann. Der Kanzlerin könnte dann in Shenzhen der neue Berliner Flughafen in den Sinn kommen: Bis der fertig ist, haben die Chinesen ein Dutzend neuer Millionenstädte gebaut.

In China kann sie beobachten, wie gerade eine Fabrik nach der anderen für Batterien und Elektroautos aus dem Boden gestampft wird. Einfach, weil die Staatsführung das richtig und wichtig findet und nicht durch etliche Vorschriften und Regelungen aufgehalten wird. Leistungsfähigkeit und Ambitionen der Chinesen können einer Besucherin aus dem alten Europa Angst oder Bewunderung einjagen, je nach Stimmung.

China hat große Pläne geschmiedet

Die Zeiten sind vorbei, in denen die Chinesen nur Patente klauen und Pläne kopieren konnten, um dann europäische Vorbilder daheim schlechter nachzubauen. Mit der Strategie "Made in China 2025" will die Staatsführung China in zehn Branchen zum Weltmarktführer machen, darunter Automobilbau, Flugzeugbau und Medizintechnik. Das klingt nur dann größenwahnsinnig, wenn man noch glaubt, China könne nur Winkekatzen produzieren.

Bei Batterien und Akkus für Elektrofahrzeuge hat der Tiger schon einen großen Sprung getan. Während deutsche Autokonzerne noch überlegen, ob überhaupt und wie, bauen die Chinesen eine Akkufabrik nach der anderen. Den Autoherstellern schreiben sie ab dem kommenden Jahr eine Quote vor, wie viele E-Autos sie verkaufen müssen. Und in chinesischen Städten wird auf Anordnung von oben der Busverkehr auf Elektro umgestellt.

In Shenzhen fahren schon 16.000 Busse mit Elektroantrieb. Dabei treibt die Chinesen nicht nur der Wunsch nach sauberer Luft in den smogverseuchten Städten um - bei der E-Mobilität hoffen sie auch, den Westen abhängen zu können, was ihnen beim Verbrennungsmotor nicht gelingt.

Partner oder Konkurrent?

Das ist der Plan. Und für eine europäische Regierungschefin, die daheim um die Einheit Europas und um die transatlantische Partnerschaft kämpft, stellt sich die Frage, wie der verunsicherte Westen mit diesem China umgehen soll: Sind wir Partner oder Konkurrent?

Andererseits ist die Hightech-Utopie nur die eine Seite Chinas. Sie hat mit dem Leben von Hunderten Millionen Chinesen nichts zu tun. Man müsste von Shenzhen aus nicht weit reisen, um das Entwicklungsland China zu finden, in dem Menschen in einfachsten Verhältnissen leben. Große Armut und sogar Hunger sind in den Randgebieten des Reichs nicht ausgerottet.

Die Investition in Hochtechnologie ist deshalb nicht nur eine Kampfansage an den Westen. Es ist auch ein Wettlauf der Chinesen gegen sich selbst: Kann das Land seinen Wohlstand so schnell vermehren, dass auch die Hoffnungen der Ärmsten auf ein besseres Leben befriedigt werden?

Wenn es der chinesischen Staatsführung gerade passt, spielt sie gerne die Entwicklungsland-Karte, auch in den Gesprächen mit Angela Merkel. Damit begründet die Regierung, warum europäische Unternehmen keinen freien Zugang zum chinesischen Markt haben. Man sei eben noch nicht so weit. Und wenn die Besucherin aus Europa gar die Menschenrechtsfrage stellt, dann fragen die Gastgeber zurück: Wollen die Europäer denn riskieren, dass in China ähnliches Chaos ausbricht wie in den arabischen Staaten?

Treffen mit Dissidenten

Das ist ein Totschlagsargument, nicht nur im übertragenen Sinne des Wortes. Denn Unzufriedenheit zu äußern, sich gar gegen den Staat aufzulehnen, kann in China schnell tödliche Folgen haben. Damit nichts und niemand den rasanten Lauf nach vorne stört, lässt die chinesische Führung jeden überwachen, Hunderttausende einsperren und viele auch hinrichten. Das ist die dunkelste Seite des chinesischen Sprungs in die Zukunft.

Angela Merkel hat sich bei ihrer Reise mit Anwälten und Angehörigen von Oppositionellen getroffen. Sie hat einzelne Schicksale in ihren Gesprächen mit Regierungs- und Staatschef angesprochen, so wie sie es immer tut. Hin und wieder hat das in der Vergangenheit geholfen, Dissidenten von Hausarrest oder Gefängnis zu verschonen. Doch das chinesische Selbstbewusstsein, wie es besonders der starke neue Präsident Xi verkörpert, ist groß. China lässt sich weder vorschreiben, was sie deutschen Unternehmen erlauben sollten, noch, welche Oppositionellen freigelassen werden. Eine dynamische Wirtschaft und eine starke Armee sind das Rückgrat dieses Selbstbewusstseins.

So ist China zugleich Mittelalter und Science-Fiction. Enorme soziale und ethnische Spannungen werden mit Macht unterdrückt. Kann das gut gehen? Im Westen glaubt man, Freiheit und Recht seien unverzichtbare Voraussetzungen für Fortschritt und Wohlstand. China versucht, das Gegenteil zu beweisen. Und Angela Merkel hat auch auf ihrer elften China-Reise Anlass zu Faszination und gleichzeitiger Sorge beim Blick auf dieses Experiment. Denn egal, ob es gelingt oder nicht, ob China zur künftigen High-Tech-Macht aufsteigt oder beim Versuch scheitert: Die Welt wird danach nicht mehr dieselbe sein.

Quelle: n-tv.de

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