Politik

RTL-Charity-Leiter im Interview "Da pflanzt sich etwas in die Herzen der Kinder"

277738789.jpg

Wie lange die Korridore für humanitäre Hilfe in die Ukraine noch offen sind, ist laut RTL-Charity-Gesamtleiter Wolfram Kons unklar.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Seit 31 Jahren moderiert Wolfram Kons das RTL-Morgenmagazin "Guten Morgen Deutschland". Noch dazu ist der Journalist der Charity-Gesamtleiter des Senders. Als solcher moderiert er einmal im Jahr auch den RTL-Spendenmarathon, die Erlöse fließen vollständig in die gemeinnützige "Stiftung RTL - Wir helfen Kindern e.V.". Obwohl er schon so lange dabei ist, seien die vergangenen drei Wochen die anstrengendsten seines beruflichen Lebens gewesen, verrät Kons nun im Gespräch mit ntv.de. Schuld daran ist der Krieg in der Ukraine. "Da wird etwas in die Herzen und Hirne der Kinder gepflanzt, das dort keinen alles beherrschenden Platz haben darf: Gewalt, Tod, Flucht und Trennung." Ein ganz kleiner Lichtblick: Bislang wurden schon mehr als 22 Millionen Euro Spendengelder gesammelt.

ntv.de: Herr Kons, Sie werden das Team von "Guten Morgen Deutschland" zum Ende des Monats verlassen und ausschließlich für die "Stiftung RTL - Wir helfen Kindern e.V." arbeiten. Warum?

1825504 (1).jpg

Seit 1996 das Gesicht des RTL-Spendenmarathons: Wolfram Kons.

Wolfram Kons: Seit dem Beginn des RTL-Spendenmarathons vor 27 Jahren haben wir den Charity-Bereich immer weiter ausgebaut, wir sind nun das ganze Jahr über mit dem Thema Hilfe für Kinder sehr sichtbar und aktiv. Ich stelle beim Marathon on air acht bis neun große Projekte vor - im Jahr gibt es aber etwa 200 Projekte, die wir unterstützen. Das ist mehr als ein Fulltime-Job. Ich bin sehr, sehr glücklich und demütig, dass ich das machen darf. Aber mit "Guten Morgen Deutschland" und meiner Kunstsendung "ntv Inside Art", die ja auch weitergeht, ist das sehr schwer unter einen Hut zu kriegen. Also ab sofort klarer Fokus auf K und K: Kinder und Kunst. Und nach 31 Jahren Aufstehen morgens um 2 Uhr, ein bisschen länger schlafen.

Wie ist Ihr Team aufgestellt?

Wir arbeiten mit einem sehr kleinen, aber unglaublich effizienten, motivierten, großartigen Team. Im engeren Kreis sind wir nur fünf Leute. Wenn ich das mit anderen großen Stiftungen in Deutschland vergleiche, sind wir personell relativ schmal aufgestellt. Aber wir können - das ist das große Glück bei RTL - auf viele Ressourcen im Haus zurückgreifen. Darum funktioniert es auch, sonst ginge es gar nicht in der Größe.

Bitte spenden Sie
SpendenRTL.jpg

Jeder Cent kommt an!
Senden Sie eine SMS mit "Ukraine" an 44 8 44 (10 Euro / SMS + ggf. Kosten für SMS-Versand)
oder unter rtlwirhelfenkindern.de
Hier geht es direkt zur Spendenseite

Inwieweit hat der Ukraine-Krieg Ihre Arbeit in den vergangenen drei Wochen verändert?

Die vergangenen Wochen waren und sind noch die anstrengendsten, die ich jemals in meinem Job bei RTL hatte. Wir haben am ersten Tag des Krieges bereits unsere Hilfe für die Kinder und ihre Familien in der Ukraine gestartet. Die Dynamik dieses Krieges ist ja für uns alle schockierend, die Dynamik der Hilfe und der Hilfsbereitschaft ist allerdings auch überwältigend. Ich habe so eine Solidarität und so eine Spendenbereitschaft in 27 Jahren noch nicht erlebt.

Wie viele Spendengelder wurden bereits gesammelt?

Wir sind jetzt bei mehr als 22 Millionen Euro. Wir haben sonst, wenn wir den Spendenmarathon machen, auch viele Großspender, jetzt aber im Wesentlichen ganz viele kleine bis mittlere Spenden. Hunderttausende SMS sind gekommen, jede hilft mit zehn Euro. Das sind mehr Spenden von Usern und Zuschauern im Verhältnis, als dass wir das beim Marathon haben.

Darauf sind Sie sicherlich stolz, oder?

277490815.jpg

"Am Wichtigsten ist in der Hilfe, dass sie strukturiert und intelligent gemacht ist", betont Wolfram Kons.

(Foto: picture alliance / Hasan Bratic)

Nein, das ist nicht der Zeitpunkt, sich auf die Schulter zu klopfen. Wir freuen uns natürlich über die Spenden, weil wir damit sofort helfen können. Und dass die Menschen uns vertrauen. Das können Sie, wir zeigen jeden Tag, wo wir mit den Spenden schon vor Ort helfen. Aber ich würde gerne auf jeden einzelnen Euro Spende verzichten, wenn es nicht diesen grauenhaften Anlass geben würde. Die Hilfsbereitschaft insgesamt ist wirklich toll.

Wo fließt das gespendete Geld konkret hin?

Es wird sofort weitergeleitet an unsere Partner, die vor Ort helfen. Mit vielen NGOs arbeiten wir jetzt seit drei Jahrzehnten zusammen, das sind gewachsene, hochprofessionelle Strukturen des Vertrauens. Wir wissen genau, dass wenn beispielsweise die Organisation action medeor mit Europaletten voll Medikamenten, Arzneimitteln und Verbandsmaterial losfährt, dass das sofort ankommt. Das gilt auch für SOS Kinderdorf, Unicef, das UN-Flüchtlingshilfswerk, Caritas, die Malteser oder International Search and Rescue. Es kommt jetzt darauf an, die Hilfe schnell zu den Menschen zu bringen, solange noch sichere Korridore in der Ukraine offen sind.

Entwickelt sich das als schwierig?

Wir konnten diese Woche noch Korridore nutzen, wir sind auch ganz nah an die westliche Stadtgrenze von Kiew gekommen. Da gab es einen Übergabepunkt, zu dem die Menschen aus den Krankenhäusern und einem Kinderhort kamen und die Sachen abholen und in die Stadt reinbringen konnten. Aber es ist unklar, wie lange es diese Korridore noch gibt, deswegen verfolgen wir sehr intensiv alle Gespräche über Waffenstillstand, vielleicht sogar Frieden, damit wir wissen, wo wir noch Hilfe rein und vor allem Menschen raus bekommen.

Wo helfen Sie noch?

Wir sind sehr stark auch an den Grenzen in Polen, Moldau oder Rumänien mit unseren Partnern. Da gibt es nicht nur eine warme Suppe, Kakao oder Spielzeug für die Kinder, sondern auch psychologische Betreuung. Das ist ganz, ganz wichtig, weil die Kinder diese unfassbaren Traumata sonst ihr Leben lang mit sich herumschleppen. Da wird etwas in ihre Herzen und ihre Hirne gepflanzt, das dort keinen alles beherrschenden Platz haben darf: Gewalt, Tod, Flucht und Trennung.

In den Medien sieht man häufig Bilder von Kindern, die in Bunkern versorgt werden müssen, weil die Kinderkrankenhäuser zerbombt werden. Stehen Sie in direktem Kontakt mit den Ärzten oder Helfern vor Ort?

Jeden Tag über all die die Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir haben jetzt etwa von Unicef-Kollegen gehört, dass die Klinik in der ukrainischen Stadt Lwiw durch kriegsverletzte Kinder völlig überlastet ist. Dort spricht man über Triage für Kinder. Die verletzten Kinder bekommen verschiedenfarbige Zettel, wie dringend sie Behandlung benötigen. Ein schwarzer Zettel bedeutet: Dieses Kind werden wir nicht retten können, deshalb keine Behandlung. Können Sie sich das vorstellen?

Was schockiert Sie am meisten an dem Krieg?

Es ist wirklich dramatisch, dass wir im Jahr 2022 - wo man trotz Rekordweltbevölkerung alle Menschen dank Logistik, Technik und Digitalisierung mit Bildung, Nahrung, Kleidung und Unterbringung versorgen könnte - zurück ins dunkelste Mittelalter zurückfallen. Es wird versucht, einen Belagerungsring um eine Stadt wie Kiew zu ziehen, um die Menschen auszuhungern und auszudursten. Es ist wie früher, als in finstersten Ritterzeiten Burgen umstellt wurden. Es ist so absurd, so menschenverachtend, dass man dafür kaum Worte findet.

Wie steht es um die kranken ukrainischen Kinder, die als Geflüchtete nach Deutschland kommen? Sehen sie auch was von dem gespendeten Geld?

Ja, wir kümmern uns in der Soforthilfe nicht nur um Kinder und Familien in der Ukraine und die Geflohenen direkt an den Grenzen, sondern auch um die, die zu uns nach Deutschland geflohen sind. Da geht es auch um Kinder mit massiven körperlichen Handicaps oder Waisenkinder. Wir haben beispielsweise mit unseren Partnern in Berlin für mehr als 100 Waisenkinder, die in der jüdischen Gemeinde Chabad großartig betreut werden, die komplette Versorgung für das erste Quartal sicherstellen können. Ganz wichtig: Wir können trommeln und Spenden sammeln, die Betreuer vor Ort machen mit den Kindern den wichtigsten Job.

Nicht alle, die Geld spenden wollen, können sich das auch leisten. Was können sie stattdessen tun? Was brauchen denn die Menschen in der Ukraine am dringendsten?

Klar, natürlich sind zehn Euro für viele Menschen viel Geld, vor allem, wenn ich mir die aktuellen Lebensmittel-, Energie- oder Spritkosten angucke. Aber mit zehn Euro kann man bei uns schon wirklich helfen. Am Wichtigsten ist in der Hilfe, dass sie strukturiert und intelligent gemacht ist. Gut gemeint ist oft eben nicht gut gemacht. Da machen sich Leute alleine auf den Weg an die Grenzen um Pakete abzuliefern oder Geflohene abzuholen. Aber damit verstopfen sie oft die letzten freien Korridore für die Profis, die da helfen. Ich rate dazu, lokal zu gucken, bei wem man sich anschließen kann, ob Caritas, eine kleine Kirchengemeinde oder das Rote Kreuz.

Wie lange läuft die Hilfsaktion noch?

So lange, wie wir den Ukrainern helfen können und müssen. Die Spendenbereitschaft hängt natürlich auch von der medialen Präsenz ab. Wenn die abnimmt, gerät die Bereitschaft sehr schnell wieder in Vergessenheit. Das kennen wir. Viele Geflüchtete werden aber eine Zeit lang hierbleiben. Vom Wiederaufbau der zerstörten Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten mal ganz zu schweigen. Aber wir von der RTL-Stiftung sind bekannt dafür, dass wir sehr lange dranbleiben.

Was sagen Sie den Menschen hierzulande, die schon langsam kriegsmüde werden?

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wenn wir das hier jetzt schon am 22. Tag des Krieges sagen - vielleicht aufgrund einer medialen Überflutung -, was bedeutet es dann für die Menschen, die da mitten drin sitzen? Für die geht es um Leben und Tod.

Mit Wolfram Kons sprach Linn Penkert

Sie wollen helfen? So funktioniert's!

Überweisung an:

Empfänger: Stiftung RTL
Stichwort: UKRAINE
Konto: DE55 370 605 905 605 605 605
Bank: Sparda-Bank West e.G.
BIC: GENODED1SPK

Hilfe per Charity-SMS:

Mit einer SMS und dem Stichwort "UKRAINE" an die 44844 helfen Sie mit 10 Euro.
(10 Euro/SMS + ggf. Kosten für den SMS-Versand)

Oder ganz einfach online.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen