Politik
Merkel wird von Senegals Präsident Macky Sall empfangen.
Merkel wird von Senegals Präsident Macky Sall empfangen.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 30. August 2018

Merkel besucht den Senegal: Das Thema Migration ist schon da

Von Lothar Keller, Dakar

"Ja, mir san mit'm Radl da" spielt die Kapelle, als Kanzlerin Merkel in Dakar aus dem Flugzeug steigt. Sie will im Senegal über wirtschaftliche Zusammenarbeit sprechen. Doch deutsche Firmen zögern. Und über allem hängt das Thema Migration.

Auf dem Flughafen von Dakar sind es 30 Grad, als die Kanzlerin landet. Die Luft ist schwül. Angela Merkel steigt aus ihrem Airbus, und die Kapelle des senegalesischen Militärs spielt "Ja, mir san mit'm Radl da". Irgendjemand muss dem Kapellmeister das Notenheft eines deutschen Schützenfestes geschenkt haben. Das nächste Lied: "Schöne Maid, hast Du heut' für mich Zeit?" Da schreitet die Kanzlerin gerade mit dem senegalesischen Präsidenten die Ehrenformation ab. Und ja: Sie hat ein paar Stunden Zeit für Präsident Macky Sall.

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Die Kanzlerin in Afrika: In einem Bericht darüber müsste es jetzt sofort um das Thema Migration gehen. Also um Flüchtlinge. Junge Afrikaner, die auf Schlauchbooten die lebensgefährliche Fahrt übers Mittelmeer wagen. Doch aus dem Senegal sind nur wenige tausend Menschen in Deutschland. Und wenn es nach der Kanzlerin geht, spielt das Thema nur am Rand eine Rolle. Denn die afrikanischen Gastgeber reagieren schnell gereizt, wenn die Europäer nur über die Rücknahme von Flüchtlingen reden wollen. Deshalb will Angela Merkel lieber über die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Senegal und seinen Nachbarn sprechen. Was letztlich dasselbe ist.

Denn nur, wenn es dem Senegal und den anderen Staaten Westafrikas wirtschaftlich besser geht und die jungen Menschen eine Aussicht auf Arbeit im eigenen Land haben, werden sie nicht versuchen, ihr Glück in Europa zu suchen, um dabei vielleicht im Mittelmeer den Tod zu finden.

Solarstrom für 300 Dörfer

Der Senegal hat ein Wirtschaftswachstum von sechs bis sieben Prozent. Das klingt gut, doch das Bevölkerungswachstum liegt bei drei Prozent - da kommt bei den Menschen vom Aufschwung nicht mehr viel an. Und wenn dann europäische Schiffe vor der Küste alle Fische wegfangen, das Getreide in der Dürre nicht wächst und auch noch dauernd der Strom ausfällt, wächst die Bereitschaft, sich von Schleusern irgendwie nach Europa bringen zu lassen.

Beim Strom will Deutschland jetzt ein Zeichen setzen: 300 senegalesische Dörfer sollen mit Solarstrom versorgt werden, eine Investition von 120 Millionen Euro. Strom fürs Dorf: Das klingt noch ein bisschen nach der alten Entwicklungshilfe. Europa und Afrika aber wollen mehr. "Beyond aid", über die Hilfe hinaus, hat die Regierung von Ghana das genannt. Das Land ist Merkels nächstes Reiseziel.

Senegal, Ghana und Nigeria sind drei der afrikanischen Staaten, die ihre eigene Wirtschaft entwickeln wollen, um sich von Entwicklungshilfe unabhängig zu machen. Da ist noch viel zu tun. Auch die deutsche Industrie prügelt sich nicht gerade darum, in Afrika zu investieren. Einige Manager gehören zu Merkels Delegation, Mittelständler, aber auch Siemens-Chef Joe Kaeser. Vor allem die kleineren Unternehmen fordern, die Bundesregierung müsste ihr Engagement in Afrika besser absichern. Instabile Regierungen, Bürokratie, Korruption: Das ist so das Bild vom Wirtschaftsstandort Afrika.

Ein zu düsteres Bild, sagt Angela Merkel bei der Pressekonferenz in Dakar. Die Manager sollten die Fortschritte sehen und etwas mehr Vertrauen haben. Senegal, da ist Merkel überzeugt, verdiene dieses Vertrauen. Macky Sall, der Präsident, verweist auf die Chancen, die sein Land und der ganze Kontinent bieten: Die Straßen und Stromtrassen, die gebaut werden müssen. Und eine halbe Milliarde Afrikaner zählen zur Mittelschicht und wollen konsumieren.

"Europa braucht auch die Welt"

Afrika als Kontinent der Chancen? Daran zweifeln deutsche Manager ebenso wie afrikanische Jugendliche. Die Unternehmen bleiben deshalb in Europa. Und die Jugendlichen wollen deshalb raus aus Afrika. Und so dreht sich bei Merkels Reise doch alles um das Thema Migration. Alles andere wäre auch unehrlich. Denn das plötzlich so große Interesse europäischer Staatslenker an Afrika gibt es ja nur wegen des Migrationsdrucks. Gäbe es diese Reise der Kanzlerin, wenn es nicht darum ginge, die Zahl afrikanischer Migranten zu verringern?

Doch leicht ist das nicht. Merkel spricht von einer Aufgabe für die nächsten zwei, drei Jahrzehnte. Selbst ein Land wie der Senegal, politisch vergleichsweise stabil und mit wachsender Wirtschaft, ist erst am Anfang des Weges.

Präsident Sall lädt die deutschen Unternehmen ein, in seinem Land zu investieren. Dafür bietet er der Kanzlerin an, die Europäer beim Kampf gegen die illegale Migration zu unterstützen. Europa könne sich nicht abschotten: "Die Welt braucht Europa. Aber Europa braucht auch die Welt!"

Quelle: n-tv.de