Sachsen-Anhalt vor der Wahl"Das ist hier noch nicht entschieden"

Am Sonntag wählt Sachsen-Anhalt, die AfD könnte eine absolute Mehrheit erreichen. Doch viele im Land finden sich damit noch nicht ab. Ihr Kampf für Demokratie und Vielfalt hat Fahrt aufgenommen - auch schon für die Zeit nach der Wahl. Die Aktivistin Grit berichtet ntv.de, was viele in Sachsen-Anhalt umtreibt, und warum für sie das Rennen am Sonntag noch offen ist.
ntv.de: Wann haben Sie die Entscheidung gefällt, Ihren Sommer 2026 der Demokratie in Sachsen-Anhalt zu widmen?
Grit: Schon rund um die letzte Bundestagswahl stellte ich fest: Überall, wo ich unterwegs bin, ist eigentlich nur eine Partei sichtbar. Da dachte ich: Man muss was machen. Ich habe dann viele Leute kennengelernt, die sich allein auf weiter Flur für Demokratie einsetzten. Wir haben Offene Briefe geschrieben, zum Beispiel an den damaligen Vizekanzler Robert Habeck, und ihn gebeten, in den Osten zu kommen, weil dort keine andere Partei sichtbar war. Er kam nicht. Und auch sonst niemand der anderen demokratischen Parteien. Aber unser Netzwerk ist nicht nur geblieben, sondern gewachsen und ist das heutige Bündnis Ost. Mir geht es darum, dass wir hier miteinander reden und auch gehört werden.
Wie schwierig ist das inzwischen geworden?
Der Wahlkreis, in dem ich mir mit Freunden einen kleinen Bungalow teile, wählt zu 40 Prozent AfD. Mit Renate aus Bungalow Nummer 7 habe ich schon immer sehr viel inhaltlich über Politik gestritten, aber danach war es immer wieder gut und wir redeten über die Pflanzen weiter. Eine Zäsur habe ich in der Corona-Zeit gespürt. Da hat man sich auseinanderdividiert, auch über das Thema Impfen. Wenn ich manchmal nicht genug Kraft hatte, um dagegenzuhalten, habe ich versucht, es auszusparen. Es kam aber nie zu dem Punkt, wo wir gar nicht mehr miteinander gesprochen hätten.
Werden heute die ostdeutschen Bundesländer in Berlin wahrgenommen?
Es kommen jetzt deutlich mehr Leute von außen nach Sachsen-Anhalt, um uns zu helfen. Zum Beispiel beim Plakatieren ist die Unterstützung sehr groß und sehr sinnvoll. Aber es hilft natürlich nur bedingt, wenn jemand aus Berlin einem Dorfbewohner in Sachsen-Anhalt zu erklären versucht, wie das Leben funktioniert oder man richtig wählt. Weil die Erfahrungen immer noch andere sind, die Sprache eine andere ist. Es müssen eigentlich Nachbarn miteinander reden.
Um mit Nachbarn zu reden, gehen Sie auch schon mal zu einem Bürgerdialog der AfD. Kommen da Gespräche auf?
In Salzwedel hat die AfD das Kulturhaus mit 500 Plätzen gefüllt. Personen aus Salzwedel, die bekanntermaßen links sind, wurden nicht hineingelassen, da war man recht rabiat. Als drinnen dann nach den Eingangsreden die Mikrofone für das Publikum angestellt wurden, kamen aber mehrheitlich kritische Fragen. Von Leuten vor Ort, die mitreden wollten. Ich bin in den letzten Wochen mehrfach auf den Wahlkampf von Ulrich Siegmund gestoßen. Dort habe ich mich auch mit Leuten unterhalten, zum Beispiel mit zwei Frauen, die hinterher noch auf das Demokratiefest nebenan gehen wollten. Nicht alle Leute, die zum AfD-Wahlkampf gehen, wollen die Partei auch wählen. Noch ist das hier nicht entschieden.
Viele kleine Initiativen versuchen Einfluss zu nehmen. Was passiert da alles?
Es gibt ungemein viele Aktionen - die Altmark-Karawane zieht von Ort zu Ort, macht im Dorf Station, kocht zusammen, lässt Künstlerinnen und Künstler auftreten und ist einfach bunt. Das Projekt Lieder aus Sachsen-AnHaltung sammelt Musiker:innen und Lieder für Demokratie und Vielfalt. Die DemokRADtour fährt mit Rädern durchs Land. Ich selbst nehme an verschiedenen Aktionen teil, aber ich habe auch schon ungeplant im Bus mit anderen über Demokratie gesprochen.
Mit einem Camper waren sie auch unterwegs.
Der Camper gehört zur Initiative "Wahre Heimatliebe ist …" und fährt über die Dörfer, steht auf Marktplätzen oder am Einkaufszentrum. Nicht, um für eine bestimmte Partei zu werben, sondern um mit den Leuten dort, wo sie leben, über Politik und über ihre Themen zu reden. Um sie dazu anzuregen, dass sie sich selbst informieren. Das passiert zu wenig. Demos sind nicht mein Mittel der Wahl, denn da werden Reden geschwungen, Appelle verlesen, und dann? Vielleicht reichen manchmal schon eine Parkbank und ein Kasten Bier, um zu sprechen und die Perspektive zu ändern.
Wenn man derzeit Bilder und Videos vom Wahlkampf sieht, wirkt die Stimmung oft aufgeladen und feindselig, da ist wenig Redebedarf spürbar. Wie gehen Sie vor?
Mit dem Camper geht das Team spielerisch an die Sache heran. Die Gespräche sind eingepackt in ein großes Paket. Es wird die "heimatliebste" Gemeinde gesucht. Die Leute können auf einen Zettel schreiben, was Heimatliebe für sie bedeutet. Dann gibt es noch ein Glücksrad, an dem die Leute drehen und kleine Preise gewinnen können. Über das Glücksrad kommt man gut wieder heraus aus einem Gespräch. Für meine Aktionen hatte ich mich vorher in einem Workshop in Dessau vorbereitet. Der war stressig, wir haben in verschiedenen Übungen trainiert, miteinander kontrovers zu diskutieren.
Wie trainiert man das?
Zwei Leute stehen sich gegenüber, dann heißt es: "Alle Ausländer müssen raus." Dann hast du 30 Sekunden Zeit, um darauf zu antworten. Mit bestimmten Gesprächstechniken. Zum Beispiel funktioniert es gut, erst mal Empathie aufzubauen für mein Gegenüber. Gemeinsamkeiten zu suchen. Und nachzufragen: "Wo machen Sie in Ihrem Alltag denn konkret diese Erfahrung?" Und dann weiter zu spinnen: Was hätte es denn für Folgen, wenn man diese Parole durchziehen würde? Solche Situationen haben wir in immer neuen Konstellationen und unter Zeitdruck durchgespielt. Das war anstrengend, aber lohnenswert.
Als Sie in Magdeburg vor dem Einkaufscenter standen, hatten Sie für den Einstieg eine Frage parat?
Die Frage des Camper-Teams war ja, was Heimatliebe ist. So gelingt schon der Einstieg ins Gespräch, aber oft ist gar keine Strategie nötig. Viele Menschen haben tatsächlich ein Bedürfnis zu reden, sind freundlich und dankbar, dass man etwas Zeit hat. Ich habe bei den verschiedensten Aktionen in diesem Sommer so viele Gespräche geführt, das hat mir Spaß gemacht.
Was treibt die Leute um?
Ganz viele Themen, öffentlicher Nahverkehr zum Beispiel. Eine ältere Frau mit Rollator, die ihre Schwester verloren hat, kann zwar mit dem Bus zum Friedhof in Buckow fahren, aber der Ausstieg ist nicht barrierefrei. Ein ganz spezielles Problem, aber das bestimmt ihren Alltag. Gesundheitsversorgung. Ganz oft auch: "Die da in Berlin …" Die Berliner Politik überschattet alles. Der Streit um die Rente, das Gefühl, dort nicht sichtbar zu sein. Dann wird auch manches nachgeplappert, was so unter die Leute gebracht wird - von der Anti-Windkraftlobby oder Migrationsgegnern. Migration kommt häufig erst mal als Parole. Das ist ein Metathema geworden, das muss für alles herhalten.
Das kann aber auch noch diskutiert werden?
Ja, wenn man einfach etwas Zeit miteinander hat. Viele ältere Menschen kommen kaum raus und bringen auch nicht mehr die Transferleistung auf, all das zu verstehen, was mit dieser Wahl auf sie einprasselt - warum und wie man taktisch wählen könnte, warum die 5 Prozent wichtig wären. Eine ältere Dame, die auf ihrem Balkon Blumen hat, möchte die Gartenpartei wählen. Das konnte ich gut verstehen und habe versucht, ihr zu erklären, warum es dennoch sinnvoller wäre, wenn sie einer der größeren demokratischen Parteien ihre Stimme gibt.
Haben Sie das Gefühl, etwas bewirken zu können?
All diese Initiativen gemeinsam bewegen etwas. Sie müssen aber sichtbar werden und es auch nach der Wahl bleiben. Dieses Narrativ, dass der Osten für die Demokratie verloren sei, muss durchbrochen werden. Und dann ist plötzlich der Magdeburger Dom voll, wie am letzten Donnerstag, mit etlichen Chören aus Sachsen-Anhalt, viel Publikum und Herbert Grönemeyer, der auch dort war. Zum Schluss sangen alle “Dona nobis pacem”, was mich an die Wendezeit erinnerte, in der auch viel Kraft von den Kirchen ausging. Mir hat das viel Mut gegeben, denn auch das ist Sachsen-Anhalt.