Ulrich Siegmund im Wahlkampf"Hier, filmen Sie ruhig. Beste Werbung!"
Von Hubertus Volmer, Dessau-Roßlau
Wenn es nach seinen Fans geht, wird Ulrich Siegmund nächster Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Er ist das freundliche Gesicht der AfD. Was ihm als rechtsradikal ausgelegt werden kann, spielt er herunter.
Ulrich Siegmund unterbricht seinen Vortrag. "Oh, ein schöner blauer Vogel", sagt er, als ein Wellensittich über die Bankreihen der Gaststätte fliegt, in deren Hof die AfD einen Bürgerdialog veranstaltet. "Das ist ein Zeichen, ein Zeichen!", witzelt er.
Blau ist die Farbe der AfD, Siegmund, ihr Spitzenkandidat, hofft auf einen blauen Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September, dafür wirbt er hier in Roßlau an der Elbe. "Herzlich willkommen!", ruft er dem Wellensittich zu. "Du bist auch Teil unserer wunderschönen Veranstaltung!" Ein Gespräch bietet Siegmund dem Vogel nicht an. Dabei macht er sonst jedem ein Gesprächsangebot, der nicht bei drei auf dem Baum ist.
Mehr Pop als Politik
Der öffentliche Teil dieses Tages beginnt für Siegmund in Kochstedt, einem Vorort von Dessau. Seine Fans stehen schon Schlange, als er kommt. "Hallo, ich bin Uli, was kann ich für Sie tun?", begrüßt er die meisten. In der Regel reicht ein Foto oder ein Autogramm. Wer erhöhten Gesprächsbedarf hat, wird freundlich abgewimmelt. "Du siehst ja, was hier los ist."
Ein Besucher, auf dessen T-Shirt "Hurra Germania!" steht, erzählt dem Politiker, er sei 500 Kilometer gefahren. Siegmund blickt sich nach den anwesenden Journalisten um, ob die das auch mitbekommen haben. "500 Kilometer für 'ne Unterschrift!"
Das hat mehr von Popevent als von Politik. Eine Rede gibt es bei diesen Terminen nicht, nur Autogramme und Fotos. Ein Paar ist aus Berlin gekommen. "Welcher Bezirk?", fragt Siegmund. Lichtenberg. "Da geht's ja noch", kommentiert er. Er dürfte die Ausländerquote im an sozialen Problemlagen reichen Ostbezirk meinen.
"Secret Desire"
Berlin kennt Siegmund aus seiner Zeit als Unternehmensgründer. Der 35-Jährige stammt aus Tangermünde im Norden von Sachsen-Anhalt, wo er bis heute lebt. Er kam im Oktober 1990 zur Welt, die DDR gab es nicht mehr. Als junger Mann war Siegmund ein paar Jahre Mitglied der CDU, "jeder macht Fehler im Leben", ein Standardwitz, den er auch am Abend in Roßlau bringt. 2014 machte er rüber zur AfD.
Im selben Jahr gründete er mit einem Partner das Raumduft-Unternehmen "Berlin Duftet", das Umsatzsteigerung "mit innovativem Duftmarketing" versprach. Im Angebot hatte die Firma auch "Gender Sensitive Düfte", darunter "Secret Desire", ein "würziger, orientalischer, angenehmer Herrenduft".
Zwei Jahre nach Gründung des Unternehmens saß Siegmund sowohl im Landtag als auch im AfD-Landesvorstand. 2022 wurde er zum Vorsitzenden seiner Landtagsfraktion gewählt, drei Jahre später zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. Heute verkauft Siegmund nicht mehr Düfte, sondern Politik - mit Erfolg.
"Der gefährlichste Mann Deutschlands"
Dabei war sein Landesverband noch vor wenigen Monaten damit beschäftigt, sich zu zerlegen. In einem Machtkampf wurden Hinweise auf anrüchige Beschäftigungsverhältnisse zutage gefördert: Mehrere AfD-Abgeordnete hatten Angehörige von Parteifreunden eingestellt. Siegmunds Vater war Stand Februar 2026 im Bundestagsbüro des AfD-Abgeordneten Thomas Korell beschäftigt, der 2025 vom Magdeburger Landtag in den Bundestag gewechselt war. Siegmund Senior erhielt laut ARD 7725 Euro monatlich - ungewöhnlich viel Geld für einen MdB-Mitarbeiter.
Die Vetternwirtschaftsaffäre, die auch andere Landesverbände betraf, schadete der AfD nicht. Umfragen sehen die Partei in Sachsen-Anhalt bei 42 Prozent. Das ist auch nicht mehr als nebenan in Sachsen, aber: Es ist Siegmund, der erster Ministerpräsident einer rechtsradikalen Partei in der Geschichte der Bundesrepublik werden könnte. "Der gefährlichste Mann Deutschlands", stand vor einer Woche auf der Ausgabe des "Spiegel", dazu ein Bild des Kandidaten.
Ausgerechnet beim BSW ist mehr los
Zu Siegmunds Terminen bringen Fans seither Exemplare des Magazins mit, damit er darauf unterschreibt. "Hier, filmen Sie ruhig", sagt Siegmund einem Kamerateam in Kochstedt und hält eine Ausgabe hoch. "Beste Werbung!" Auch diesen Gag macht er häufiger. Ein paar Stunden später, an der Freiheitsglocke am Rathaus von Dessau, ist ein Team von Spiegel-TV anwesend. "Beste Wahlkampfunterstützung!", ruft er ihnen zu. "Danke an den 'Spiegel'!"
Im Zentrum von Dessau ist der Andrang größer als in Kochstedt, ebenso das mediale Interesse. Laut Polizei sind 250 Menschen gekommen, darunter vielleicht ein Dutzend Journalisten, dazu Vertreter von AfD-nahen Alternativmedien.
Nebenan ist allerdings deutlich mehr los, und dabei ist Sahra Wagenknecht noch gar nicht da. Vor dem Rathaus hat das BSW eine Bühne aufgebaut, die Parteigründerin hält später eine Rede. Als eine BSW-Frau mit Flyern rüberkommt, lehnt eine Gruppe Siegmund-Fans ab. "Was Sie sich erlaubt haben in Thüringen! Die Leute gehören abgewählt!", schimpft einer.
"Wir sind zufrieden"
Proteste gegen die AfD gibt es in Dessau und Roßlau nicht. Lediglich in Kochstedt steht ein kleines Grüppchen zusammen. "Wir wollen ein Redeangebot machen", sagt Gunther Hemmann, ein Unternehmer aus Dessau. Er glaubt an die Kraft des Arguments: "Ich würde jedem raten, den Wahlomat zu machen, um zu prüfen: Ist das wirklich das, was ich will?"
Wenn er mit AfD-Anhängern rede, frage er: "Wie kann man dir helfen?" Es ist eine ähnliche Frage, wie Siegmund sie immer stellt. Die Antwort, so Hemmann, laute meist: "Ich brauche keine Hilfe, mir geht's doch gut." Klar, die Energiepreise seien hoch, aber dafür habe die AfD auch keine Lösung.
Auf Nachfrage sagen tatsächlich viele, die zu Siegmunds Veranstaltungen gekommen sind, es gehe ihnen gut. "Wir sind zufrieden, nicht bloß wirtschaftlich", antwortet ein Rentner, der früher CDU oder FDP gewählt hat. Sorgen hat er trotzdem: Die Wirtschaft werde kaputtgemacht. Und: "Diese Demokratie ist nicht mehr unsere Demokratie." Wen er am 6. September wählt, hat er noch nicht entschieden, "aber wir haben Sympathien dafür, was von der AfD erzählt wird", so seine Frau.
Immer wieder Corona
Die meisten Gespräche mit AfD-Anhängern landen früher oder später beim Thema Corona. Der Rentner, der mit seiner Frau aus dem nahegelegenen Köthen nach Kochstedt gekommen ist, sagt: "Wir wollen halt nicht mehr verarscht werden." Er meint den früheren Ministerpräsidenten Reiner Haseloff, der noch ein paar Monate vor seinem Rücktritt versichert hatte, er werde bis zur Landtagswahl im Amt bleiben. Und er meint Corona. Seine Frau sagt, sie habe sich damals jeden Morgen in der Kälte testen lassen müssen, weil sie nicht geimpft war - sonst hätte sie nicht an ihren Arbeitsplatz gedurft. Solche Sätze fallen in aller Ruhe. Die Wut von damals ist selbstverständlich geworden.
Siegmund war während der Corona-Pandemie gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion. In dieser Zeit baute er auch seine Reichweite auf Tiktok stark aus. Dort folgen ihm inzwischen mehr als 780.000 Konten - mehr als der Linken-Politikerin Heidi Reichinnek.
Als alle mit Autogrammen und Fotos versorgt sind, geht Siegmund noch zu Hemmann und seiner kleinen Gruppe. Was das denn für eine Demo sei, fragt er. Und damit es nicht zu konfrontativ wirkt, schiebt er seine Erkennungsmelodie hinterher: "Ich bin Ulrich Siegmund, was kann ich für euch tun?" Diskutiert wird über Schulpflicht und Inklusion. Einig wird man sich nicht, aber Siegmund lädt einen anwesenden Lehrer ein, sich weiter einzubringen. "Ich brauche Ihre Perspektive", sagt er. Ein Youtuber aus dem Vorfeld der AfD streamt alles live.
Ehemalige Neonazi-Kader in Siegmunds Umfeld
Berührungsängste kennt Siegmund nicht, auch nicht mit der rechtsextremen Szene. Nach Recherchen des MDR arbeiten vier ehemalige Funktionäre der 2009 verbotenen Neonazi-Organisation "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) für die AfD Sachsen-Anhalt. Zwei davon sind laut "Spiegel" im Falle eines Wahlsiegs als Leiter der Staatskanzlei beziehungsweise als Justiz-Staatssekretär im Gespräch.
Tatsächlich tritt Siegmund für einen der radikalsten AfD-Landesverbände an. Die AfD Sachsen-Anhalt wird vom Landesverfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Vor drei Jahren war Siegmund beim Treffen von Potsdam dabei, auf dem der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner über einen "Masterplan zur Remigration" referierte. Der Plattform Correctiv zufolge forderte Siegmund dort, ausländische Restaurants müssten unter Druck gesetzt werden, es solle in Sachsen-Anhalt "für dieses Klientel möglichst unattraktiv sein zu leben". In Roßlau bezeichnet er dieses Treffen als "Kaffeekränzchen".
"Hoffnung"
Den Siegmund-Fans in Dessau und Roßlau sind Verbindungen ins rechtsextreme Spektrum egal. "Ich finde ihn toll", sagt ein Mann. "Endlich mal was Junges." Ein anderer hofft, "dass wir wieder mehr Geld im Portemonnaie übrighaben, dass mehr Geld in Deutschland bleibt". Er fügt hinzu: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."
Auf die Frage, wie sie Siegmund finde, sagt eine junge Mutter: "Bombe." Sie hofft auf "mehr Sicherheit für die Kinder", auf kostenloses Schulessen und mehr Kitaplätze. Zwei Jahre habe sie auf einen Kitaplatz für ihren Sohn warten müssen. "Wir haben die Hoffnung, dass Herr Siegmund ein bisschen was ändert. Wenn's nur ein bisschen wäre, wär's schon die Welt."
Ein neuer Slogan für Sachsen-Anhalt
"Unsere Kinder schützen!" steht auch im 100-Tage-Programm der AfD, aber da geht es nicht um Schulessen oder Kitaplätze. Es soll "Sonderklassen" geben für alle Kinder von Eltern, "deren Aufenthalt in Deutschland befristet ist, weil sie nach Wegfall der Flucht- und Verfolgungsgründe in ihre Heimat zurückkehren müssen".
Gemeint seien "Migrationsklassen" für ukrainische und arabische Kinder, die von ukrainischen und arabischsprachigen Lehrern unterrichtet werden sollen, erläutert die Dessauer AfD-Landtagsabgeordnete Nadine Koppehel am Abend in Roßlau. Auch die anderen Punkte im 100-Tage-Programm sind Identitätspolitik. Die Imagekampagne des Landes, "Modern denken", will die AfD canceln. "Deutsch denken" soll der neue Slogan heißen.
Der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine wird im Wahlprogramm der AfD verharmlosend "militärische Auseinandersetzung" genannt. Diese ist nach Auffassung der AfD gar nicht so schlimm: Es sei "nur ein geringer Teil des ukrainischen Territoriums so intensiv von Kriegshandlungen betroffen, dass der Bevölkerung dieser Gebiete ein Status als Kriegsflüchtling zuerkannt werden muss". Nach Deutschland lassen will die AfD diese Kriegsflüchtlinge nicht: Sie sollen in der angeblich sicheren Westukraine "Zuflucht" finden. Ausbauen will die AfD derweil den Russisch-Unterricht an den Schulen in Sachsen-Anhalt, den Schüleraustausch mit Russland wiederbeleben.
"Abschiebe- und Remigrationsoffensive"
Wäre das Wahlprogramm der AfD ein Raumduft, es müsste "Muff von Vorgestern" heißen. Vor einer Abtreibung soll "eine Ultraschalluntersuchung des ungeborenen Kindes" Pflicht werden. "Soldatisches Opfer ehren!" lautet einer der Punkte im Abschnitt über Kultur und Integration.
Und dann ist da noch die Remigration. Der Begriff, der in rechtsradikalen Kreisen die millionenfache Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund meint, auch von deutschen Staatsbürgern, wird von der AfD in Sachsen-Anhalt zweifach verwendet: Es soll eine "Abschiebe- und Remigrationsoffensive" geben und ein "Remigrationsprogramm für ausgewanderte deutsche Fachkräfte". Alles rechtskonform, betont die Partei.
Auffällig ist, dass Siegmund einzelne Punkte aus dem Wahlprogramm bei TV-Auftritten relativiert - ein guter Verkäufer bietet lieber "Secret Desire" an als alten Muff. In der Wahlarena des MDR bestritt er, dass die AfD die Inklusion abschaffen wolle. Mit dem Vorwurf werde versucht, "Emotionen" gegen die AfD zu erzeugen, "was völliger Blödsinn ist". Tatsächlich betrachte die AfD Inklusion als "nicht pauschal möglich", so Siegmund. Allerdings steht im Wahlprogramm ausdrücklich, dass die AfD die Inklusion "unverzüglich" beenden will.
Die "Mehrwerte" der Baseballschlägerjahre
Dort wird auch gefordert, den "Schulzwang" aufzuheben, also die Schulpflicht abzuschaffen. Wobei: Wenn von einer "Abschaffung" gesprochen wird, widerspricht Siegmund vehement. Die AfD wolle die Schulpflicht "reformieren". Im Wahlprogramm heißt es, es solle "eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht" geben. In Roßlau sagt Siegmund, das betreffe nur "zwanzig bis dreißig Familien". Dort wiederholt er, dass dies eine Lösung sein könne, wenn ein Kind "so hart gemobbt wird, dass es nie wieder in die Schule gehen will". Von Mobbing ist im Programm der AfD keine Rede.
Die Zeit, in die Siegmund zurückwill, hat er klar umrissen: die 1990er und beginnenden Nullerjahre. Das war nicht nur die Zeit der Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland. Es waren zugleich die Baseballschlägerjahre. Allein in Sachsen-Anhalt wurden zwischen 1990 und 2000 mindestens acht Menschen von Neonazis getötet.
Siegmund kann mit dem Begriff der Baseballschlägerjahre nichts anfangen: "Das ist das, womit man unsere positive Version hier irgendwie negativ dastehen lassen möchte", sagt er in einem Interview mit dem MDR. Die AfD sehe "ganz klar die Mehrwerte dieser Zeit".
Den Bürgerdialog in Roßlau beendet Siegmund am Abend mit zwei Botschaften. Die eine bedient das Gemeinschaftsgefühl: Man könne heute mit einem guten Gefühl nach Hause gehen, "wir sind auf dem richtigen Weg". Die andere ist der Schlachtruf des globalen Rechtspopulismus: "Am 6.9. holen wir uns unser Land zurück!" Er schreit jetzt fast.