Politik

Die Terror-Beichte des Harry S. "Der IS ist der größte Fehler meines Lebens"

Im Frühjahr 2015 entscheidet sich Harry S. für den Dschihad. Er schließt sich der Terrormiliz Islamischer Staat an. Einige Monate später kehrt er enttäuscht nach Deutschland zurück. Nun spricht er offen über seine Zeit als Mitglied des IS.

Der frühere Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat sitzt im Besuchsraum des Bremer Gefängnisses. Harry S. hat sich entschieden, offen umzugehen mit seiner Vergangenheit. Er will aufklären, auch um Jugendliche zu warnen, nicht denselben Fehler zu machen wie er. "Die Menschen sollen sehen, dass der IS nicht das ist, wofür sie ihn halten", sagt der zu drei Jahren Haft verurteilte Syrien-Rückkehrer im Gespräch mit n-tv. Er sei "ziemlich tief drin" gewesen im IS, so der 27-Jährige über sich selbst. Nach eigenen Angaben hat Harry S. mit der Terrormiliz gebrochen. "Der IS ist eine kriminelle Vereinigung unter dem Deckmantel des Islam. Sie missbrauchen den Islam für ihre eigenen Zwecke." Harry S. fiel darauf herein.

Der Sohn ghanaischer Einwanderer wuchs in Bremen auf. Später zog er nach London, wo er mit Islamisten in Kontakt trat, konvertierte und sich radikalisierte. Er kehrte nach Bremen zurück, schloss sich einer muslimischen Gemeinde an und verlor all seine früheren sozialen Kontakte. Im April 2015 brach er nach Syrien auf. Er glaubte an das Kalifat und begann eine Art Ausbildung in einer Spezialeinheit des IS. Vor Gericht beteuert er, nicht getötet zu haben.

Über die Anziehungskraft der Terrormiliz sagt Harry S.: "Sie versuchen erst dein Herz zu erobern, dann deinen Verstand und als Letztes deine Seele." Im Interview spricht Harry S. über seine Zeit in Tall Abyad, einem syrischen Ort an der Grenze zur Türkei. Außer ihm seien dort noch ein weiterer Deutscher, ein US-Amerikaner und ein Engländer gewesen, alle anderen stammten aus Ländern der früheren Sowjetunion oder von der Arabischen Halbinsel. Wie Harry S. berichtet, verfügt der IS in Frankreich über eine große Menge an Kämpfern. Für Großbritannien und Deutschland sei es weit schwieriger, Soldaten zu finden, die dort Anschläge verüben. "Die haben immer gesagt: Wir brauchen Action", sagt er.

Harry S. erzählt, wie er eines Tages von zwei maskierten Franzosen vom IS-Geheimdienst gefragt worden sei, ob er bereit sei, in seine Heimat zurückzugehen, um dort Anschläge zu verüben. Er sagt Nein, auch bei anderen Gelegenheiten. Irgendwann im Frühsommer 2015 kommen ihm erste Zweifel. Viele seine Mitstreiter seien geistig "nicht mehr real anwesend" gewesen. "In ihren Augen hat man das Funkeln und Leuchten gesehen. Sie glaubten, wenn sie sich opfern, kommen sie ins Paradies." Der Islamische Staat sei nicht das, was er vorgebe. Viele Mitglieder hätten nichts mit Religion zu tun. Der Islam sei lediglich Mittel zum Zweck.

Wie der IS Jugendliche ködert

Die Kämpfer des IS sortiert Harry S. in drei Gruppen. Die ideologischen Fanatiker verehrten den Dschihad und sähen ihn als Teil des Islams. Frühere Kriminelle versuchten, im Glauben Halt zu finden. Ihnen werde von Hasspredigern der Terrormiliz eingeredet, dass ihnen ihre Sünden vergeben würden und es ihre letzte Chance sei, ins Paradies zu kommen – wenn sie in den Krieg ziehen. Die letzte Gruppe bestehe aus oft psychisch labilen Menschen, die mit Religion nichts am Hut und einfach nur Lust am Töten hätten.

Die Strategie der Terrormiliz beschreibt er als bewusstes Spiel mit dem Kreislauf der Gewalt, den Anschläge auslösen können. "Der IS will erreichen, dass sich Europa gegen die Muslime stellte. Er will, dass die Muslime sich fremd fühlen in dem Land, in das sie eingewandert sind, und er will, dass rechte Politiker gegen Muslime hetzen und sie in die Hände des IS treiben." Weitere islamistische Anschläge in Deutschland hält er für sehr wahrscheinlich. Alle Länder, die am Einsatz gegen den IS beteiligt sind, seien im Visier.

Den Beschreibungen von Harry S. zufolge verfügt der IS über ein großes Netzwerk. Ein Auslandsgeheimdienst arbeite in den großen europäischen Städten. Es gebe enge Verbindungen zum organisierten Verbrechen, vor allem in die Balkanländer, aus denen die Terrormiliz auch ihre Waffen beziehe. Spezialisten seien wiederum auch mit der Anwerbung neuer Kämpfer beschäftigt. "Es geht ihnen vor allem um 15- oder 16-jährige Jugendliche, die auf der Suche sind. In ihrem Leben in Europa spielt der Islam oft nicht mehr so eine große Rolle, trotzdem wollen sie ihre Religion kennenlernen." Da es in Deutschland sehr wenige deutschsprachige Moscheen gebe, hätten Salafisten leichtes Spiel. Die Kontaktaufnahme laufe oft über Facebook. Den Jugendlichen werde eingeredet: Euer Leben ist nicht das wahre Leben, dies ist der Weg in den Dschihad.

"Ich schäme mich so sehr"

Der Einstieg in die Terrormiliz ist einfach, der Ausstieg weniger. "Wenn du einmal da bist, gibt es kein Zurück", sagt er. Er erzählt von vielen IS-Soldaten, die sich unwohl fühlten und nach Hause wollten. Wer öffentlich über seine Zweifel spreche, werde hingerichtet. "Ich habe einen Jungen kennengelernt, der seinen Bruder umgebracht hat und glaubt, dass er das Richtige getan hat."

In einem IS-Propagandavideo ist Harry S. als Fahnenträger zu sehen. Die Ausbildung in der Spezialeinheit bricht er jedoch ab. Im Juli 2015 flüchtet er zunächst in die Türkei und kehrt dann nach Deutschland zurück, wo er festgenommen wird. Erst im Juni 2016 startet der Prozess gegen ihn vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg. Der Vorwurf: Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorvereinigung. Vor Gericht räumt Harry S. die Vorwürfe ein und spricht ausführlich über Beweggründe für seine Ausreise und seine Zeit beim IS.

Wie er heute darüber denkt? "Ich schäme mich so sehr, in so eine Sekte hineingeraten zu sein. Das war der größte Fehler meines Lebens." Dass der IS sich an ihm rächen könnte, fürchtet er nicht. Die Bundesanwaltschaft fordert vier Jahre Haft. "Wer sich in einer terroristischen Vereinigung zum Kämpfer ausbilden lässt, der ist kein Mitläufer", heißt es. Wegen seines umfassenden Geständnisses wird er zu drei Jahren verurteilt, ein weiteres wird zur Bewährung ausgesetzt. Spätestens mit 30 ist er wieder frei. Was danach kommt, was er machen, ob er in Deutschland bleiben will, das alles weiß Harry S. jetzt noch nicht.

Quelle: n-tv.de

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