Politik
Putin und Trump am 11. November bei APEC-Gipfel in Vietnam.
Putin und Trump am 11. November bei APEC-Gipfel in Vietnam.(Foto: imago/ITAR-TASS)
Dienstag, 21. November 2017

Begann alles im Kalten Krieg?: "Der KGB sah Trump schon 1987 als Zielperson"

Von Hubertus Volmer

Viele Indizien deuten darauf hin, dass Russland versucht hat, auf die Präsidentschaftswahl in den USA Einfluss zu nehmen. Der britische Journalist Luke Harding glaubt: In Wahrheit war es noch viel schlimmer.

Als das 35-seitige Papier, das in den USA längst nur noch "das Dossier" heißt, veröffentlicht wurde, hatte der gerade zum Präsidenten gewählte Donald Trump eine eindeutige Reaktion. Die US-Geheimdienste hätten nie zulassen dürfen, dass diese "Fake News" an die Öffentlichkeit gelangen. "Leben wir in Nazi-Deutschland?", empörte er sich auf Twitter.

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Das Dossier kursierte bereits seit Monaten in Washington, als CNN am 10. Januar erstmals darüber berichtete. Geheimdienstmitarbeiter und Politiker kannten es, auch zahlreiche Journalisten. Sie hatten nicht darüber berichtet, weil unklar war, ob die Geschichten daraus wahr oder erfunden sind. Aus dem gleichen Grund erwähnte CNN auch nicht die Inhalte, sondern nur die Existenz des Papiers und dass es kompromittierendes Material enthalte, das Trump möglicherweise erpressbar machen könnte. Die Nachrichtenseite Buzzfeed hatte solche Skrupel nicht. Sie veröffentlichte kurzerhand den gesamten Bericht.

Anders als viele amerikanischen Kollegen las der britische Journalist Luke Harding das Dossier erst, als es bei Buzzfeed erschien. Dennoch hatte er einen Vorsprung: Er hatte sich einen Monat zuvor mit Christopher Steele getroffen - dem ehemaligen Spion, der den Bericht geschrieben hatte. Eine Dreiviertelstunde lang unterhielten sich die beiden im Dezember 2016 in einem Pub in London. Seit der Präsidentschaftswahl recherchierte Harding über mögliche Russland-Verbindungen von Donald Trump. "Steele erzählt uns nicht viel", schreibt Harding in einem Buch, das gerade auf Deutsch unter dem Titel "Verrat; Geheime Treffen, schmutziges Geld und wie Russland Trump ins Weiße Haus brachte" erschienen ist. Aber der Ex-Agent gab ein paar Hinweise. "Wir wissen, was wir tun müssen: dem Sex und dem Geld folgen."

Genau das hatte Steele auch für sein Dossier getan. Wie heute bekannt ist, hatte er dafür zwei Auftraggeber: erst einen republikanischen Geldgeber aus dem Umfeld des Präsidentschaftsbewerbers Jeb Bush, später die Demokraten. Bis heute ist unklar, was an dem Dossier dran ist. Klar ist allerdings, was drin steht: Gleich auf Seite zwei findet sich eine pikante Geschichte darüber, wie Trump im Jahr 2013 Prostituierte in seinem Hotelzimmer in Moskau empfangen habe. Diese hätten dort auf Anweisung des Milliardärs auf das Bett uriniert.

"Pipi-Tape"

In dem Bett hatte zuvor US-Präsident Barack Obama übernachtet, den Trump "hasste", heißt es erklärend im Dossier. Diese Einschätzung dürfte stimmen, doch für die Existenz eines "Pipi-Tapes", wie amerikanische Comedians wie Stephen Colbert das angebliche Video immer wieder kichernd nennen, gibt es ebenso wenig Beweise wie für andere Behauptungen des Dossiers. Dennoch hält Harding den Bericht nach eigenen Recherchen für weitgehend zutreffend. Steeles Ruf in den britischen Geheimdiensten sei gut, "er gilt als 'solid', also als kompetent", sagt Harding bei einer Pressekonferenz in Berlin, auf der er sein Buch vorstellt.

Harding hat Steeles Rat befolgt, er folgte dem Sex, vor allem aber dem Geld - zum Beispiel den 300 Millionen Euro, die Trump noch immer der Deutschen Bank schuldet. "Die Deutsche Bank war verwickelt in ein russisches Geldwäschesystem", sagt Harding n-tv.de. Die New Yorker Niederlassung der Deutschen Bank habe davon profitiert und sie habe gleichzeitig große Summen Geld an Trump verliehen, obwohl er keine gute Kreditwürdigkeit gehabt habe und die Bank 2008 sogar verklagt hatte. "Trotzdem behielten sie ihn als Kunden und liehen ihm sogar noch mehr Geld." Harding berichtet, er habe mit einem Mitarbeiter der Deutschen Bank in New York gesprochen und ihn gefragt, ob ein solches Vorgehen üblich gewesen sei. Dessen Antwort: "Are you fucking mad?"

Auch wenn Harding keine hieb- und stichfesten Beweise vorlegen kann, ist sein Buch fesselnd geschrieben und seine Argumentation keinesfalls unplausibel. Immerhin ist seit der Präsidentschaftswahl einiges bekannt geworden, das man nicht für möglich gehalten hätte: Spitzenleute aus Trumps Wahlkampfteam, sein Sohn, sein Schwiegersohn und sein Wahlkampfchef, haben sich mit einer russischen Rechtsanwältin getroffen (die sie für die russische Chefanklägerin hielten), weil sie sich von ihr Informationen über Clinton erhofften. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit einem Land, das den USA nicht freundlich gegenübersteht, war zweifellos im Trump-Team vorhanden.

"Wir wissen nur 25 Prozent"

Harding glaubt, dass die Kooperation noch sehr viel weiter ging. Trump sei schon in den 1980er-Jahren vom KGB als "Zielperson" ausgewählt worden. Damals habe der sowjetische Geheimdienst "die Anwerbung von Amerikanern verbessern" wollen. 1987 flog Trump zum ersten Mal nach Moskau, auf Einladung des sowjetischen Botschafters in Washington, Juri Dubinin. Es ging - wie meist bei Trump - um den Bau eines Hotels. Daraus wurde zwar nichts. Doch zwei Monate nach seinem Ausflug nach Moskau sprach Trump mit der "New York Times". Er hatte etwas mitzuteilen. Die Überschrift über dem Artikel vom 2. September 1987 lautet: "Trump deutet Präsidentschaft an".

Es sind Geschichten wie diese, die Harding zu einem unvollständigen Puzzle zusammenfügt. "Wir wissen nur 25 Prozent von dem, was geschehen ist", sagt er. "Die amerikanische Hälfte bekommen wir wahrscheinlich im nächsten Jahr, die russische Hälfte vielleicht nie." Mit der amerikanischen Hälfte spielt Harding auf Sonderermittler Robert Mueller an, der seit Monaten untersucht, ob es eine Zusammenarbeit von Trumps Umfeld mit der russischen Regierung gab. Drei Personen hat Mueller bereits angeklagt, darunter Trumps ehemaligen Wahlkampfchef Paul Manafort. Harding ist sicher, dass weitere Anklagen folgen werden. "Ich denke, für Trump ist es sehr, sehr, sehr ernst. Man sieht es an seinen Tweets. Dieses 'Russland-Ding' ist immer in seinem Kopf."

Für Harding ist klar, dass die russische Regierung versucht hat, die Präsidentschaftswahlen zu manipulieren. Und mehr noch: dass sie erfolgreicher war als sie selbst erwartet hatte. "Ich denke nicht, dass der Kreml dachte, dass Donald Trump die Wahl gewinnen wird", sagt Harding. "Das war auch für Putin ein Schock." Das ursprüngliche Ziel sei gewesen, mit einem "Chaos-Kandidaten" das politische System der USA zu stören. Dieses Vorgehen sei eine Weiterentwicklung der Strategie alten Sowjetunion: Spaltungen zu nutzen, die in einer Gesellschaft existieren, um diese zu spalten. Was die Russen jetzt machten, sei "Kalter Krieg 2.0", so Harding.

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Quelle: n-tv.de