Politik

Estnischer Experte warnt"Der Kreml könnte versuchen, in Deutschland Unruhen zu organisieren"

03.09.2026, 12:12 Uhr
imageVon Markus Frenzel
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Polizeieinsatz bei Demonstration im Sommer 2026 (Foto: picture alliance / Sipa USA)

Seit Monaten warnt der estnische Sicherheitsexperte Erkki Koort vor einem möglichen Angriff Russlands auf Deutschland. Wenn der Balte das Szenario für ntv.de am Schreibtisch durchspielt, scheint das Undenkbare nicht mehr so undenkbar.

Das Institut für Innere Sicherheit in der estnischen Hauptstadt Tallin gleicht dem futuristischen Bau eines Bösewichts in einem James-Bond-Film. Schräge Betonplatten schaffen den Eindruck, als seien mehrere Hangars hintereinander gestaffelt. Alles hier wirkt militärisch, ungewöhnlich für ein Forschungsinstitut. Doch der martialische Eindruck passt durchaus zur harten Botschaft, welche die Wissenschaftler von hier aus verbreiten. Russland befinde sich in einem Krieg mit Deutschlands, mit der EU und der NATO.

Von Erkki Koorts Arbeitsplatz bis zur russischen Grenze sind es nur zweihundert Kilometer. Vielleicht positioniert sich der Sicherheitsexperte deswegen so klar, gerade mit Blick auf den deutschen Partner. "Deutschland hat sich noch nicht entschieden, wie es sich in Bezug auf Russland verhalten soll", sagt Koort zu ntv.de. "Und Russland wird alles tun, um Deutschland in dieser Ausgangslage zu halten." Denn es spiele Moskau in die Karten, wenn im einflussreichsten Land der EU immer wieder Stimmen hörbar werden, die auf eine diplomatische Lösung drängen und sich gegen eine militärische Unterstützung der Ukraine aussprechen.

Doch bald könnte es keine Alternative mehr zu einer robusten Antwort geben, auch nicht für Deutschland. Das steht für Erkki Koort schon länger fest. Die Drohnen, die neben ukrainischen Transportfliegern auf dem Flughafen Leipzig gefunden wurden, waren mit Sprengstoff bestückt. Eine Detonation hätte vermutlich Menschenleben gekostet. Damit hat sich die Qualität der russischen Angriffspläne aus Sicht Koorts grundlegend geändert.

Während bislang vor allem "hybride" Angriffe stattfanden, also Hackerattacken oder Sabotageakte, bei denen der Urheber nicht immer zweifelsfrei festzustellen ist, scheint die russische Seite auch Auseinandersetzungen mit Gewalt nicht mehr zu scheuen.

Erst im vergangenen Herbst analysierte das renommierte Washingtoner Institut for the Study of War, dass Russland seine Angriffe auf westliche Staaten erheblich ausgeweitet habe. Vorstellbar sei nun auch ein Szenario, das zu einem Krieg auf höherem Niveau führen könne als jenem, den Russland derzeit führt, warnten die US-Forscher. Will heißen, "einem künftigen Krieg zwischen der Nato und Russland". Ein Faktor, der zu einem solchen Szenario beitragen könnte, ist für Erkki Koort Deutschlands Bestreben, einseitig auf eine friedliche Lösung zu setzen. "Viele Menschen denken, wenn wir die Ukraine nicht unterstützen oder die Russische Föderation nicht stören, dann werden sie uns auch nicht stören. Das ist falsch."

"Es wird eher ein Krim-Szenario"

Entsprechend laut warnt der estnische Sicherheitsexperte, der lange Zeit in hoher Position im Innenministerium tätig war. "Wenn Russland sich entscheidet, Deutschland mit Gewalt zu destabilisieren", sagt Koort, "dann wird es wahrscheinlich kein konventioneller Krieg sein." Deutschland sei vor allem aus wirtschaftlicher Perspektive wichtig, ebenso aus militärischer und militärisch-industrieller Perspektive. Hier könnten schon vergleichsweise kleine Eingriffe auf fremdem Gebiet erhebliche Effekte haben. "Es wird eher ein Krim-Szenario sein als das, was wir jetzt in der Ostukraine sehen."

Obwohl damals bewaffnete Kämpfer auf die ukrainische Halbinsel eindrangen, habe die Europäische Union den Russen weiter ihr Narrativ durchgehen lassen. "Auch Deutschland unter Angela Merkel ließ es zu, dass die Russen weiter den Eindruck erwecken konnten, nicht an dem Konflikt beteiligt zu sein", sagt Koort. "Dabei wussten wir doch alle, dass die Russische Föderation zu den Konfliktparteien gehörte."

Ein solches Szenario ist aus Sicht des Esten auch für Deutschland nicht ausgeschlossen. "Die Russische Föderation könnte versuchen, isolierte Teile Deutschlands zu übernehmen, zum Beispiel auf der Insel Rügen, um Unruhen zu organisieren", sagt Koort. Gleichzeitig würde versucht werden, andernorts in Deutschland Unruhe zu stiften. Der Experte versucht, sich in die russische Sichtweise hineinzudenken. "Also ich würde definitiv mit solchen Angriffen beginnen", sagt er, "Angriffe auf zentrale Regierungsinstitutionen, Unruhen, also Demonstrationen, die einige Gebäude übernehmen und auch Teile Deutschlands destabilisieren." Durch die Gleichzeitigkeit werde eine Reaktion schwierig, gerade wenn es auch zu Unruhen in der Hauptstadt Berlin komme. Vor allem sieht der estnische Sicherheitsexperte ein weiteres Risiko.

"In Deutschland gibt es ungefähr 2,5 Millionen Russen oder Russischsprachige", so Koort. "Natürlich haben sich viele von ihnen sehr gut integriert. Sie arbeiten in Deutschland und wollen friedlich im Land leben." Allerdings berge eine hohe Zahl von russisch sozialisierten Menschen auch Gefahren. In Estland wurde bereits mehrfach versucht, die russischsprachigen Bevölkerungsteile gegen die Regierung aufzuhetzen. Ähnliches kann sich Erkki Koort auch für die Russlanddeutschen vorstellen.

Mit Geld gelockt oder erpresst

Das noch größere Risiko sieht er jedoch in gerade erst aus Russland eingewanderten Migranten. "Ich vermute, dass sich unter ihnen Hunderte von Personen befinden, die bereits rekrutiert wurden, bevor sie für russische Spezialdienste nützlich wurden." Gerade unter aus Russland stammenden Menschen lasse sich leichter rekrutieren. "Viele von ihnen sind stolz, wenn sie für die Spezialeinheiten tätig werden können", ist Koort überzeugt. "Andere werden natürlich auch erpresst, oder werden mit Geld gelockt."

Auch vor perfiden Methoden schreckten die russischen Geheimdienste nicht zurück. Manche hätten weiterhin Familienangehörige in Russland und könnten daher gefügig gemacht werden. "Wenn du also deine Familie sehen willst, wenn du dich mit ihr treffen willst, wenn du keine Probleme für deine Familie willst, dann machst du das. Du wirst tun, was wir dir sagen." Schon heute gibt es zahlreiche Personen, die in Deutschland als sogenannte Wegwerfagenten eingesetzt werden. Viele von ihnen haben familiäre Bindungen nach Russland. Auch die Drohnen in Leipzig wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit von solchen Personen gelenkt.

Auch deutsche Sicherheitsexperten sind inzwischen alarmiert. Konstantinos Tsetsos, Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in München, warnt gegenüber ntv.de vor einem Heer von russischen Agenten. "Aus meiner Sicht gibt es in Europa mehrere Tausend aktive und zukünftig willige Wegwerfagenten." Auch die deutschen Sicherheitsbehörden haben die Gefahr erkannt, sie sehen die Zahl von Wegwerfagenten im mindestens "dreistelligen Bereich". Mit jedem Anschlag, erfolgreich oder vergeblich, scheinen Erkki Koorts Szenarien der Wirklichkeit ein Stück näher zu kommen.

Die von RTL bereits ausgestrahlte "Stern" Investigativ-Doku "Putins Wegwerfagenten - Die billigen Vollstrecker" ist weiterhin auf RTL+ zu sehen.  

Quelle: ntv.de

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