Politik

Luftabwehr der UkraineDer Mangel ist so groß, F-16 fliegen schon ohne Raketen

12.09.2026, 19:28 Uhr imageVon Denis Trubetskoy, Kiew
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Ein Teil der ukrainischen Luftabwehr basiert auf mobilen Gruppen, hier bei Charkiw, die Drohnen auf eine sehr konventionelle Art abschießen. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Die Ukraine wird nicht nur von ballistischen Raketen bedroht, auch neue Jet-Drohnen stellen eine erhebliche Gefahr dar. Am gefährlichsten: ein Hybrid aus Drohne und Marschflugkörper namens Banderol.

Die aktuell größte Herausforderung für die ukrainische Flugabwehr im Luftkrieg gegen Russland ist klar. Aufgrund des Mangels an Flugabwehrraketen für Patriot-Systeme können russische ballistische Raketen derzeit nur vereinzelt abgefangen werden. Genau darauf setzt Moskau in seiner seit Mai laufenden neuen Beschusskampagne gegen Kiew. Doch auch die neuen düsengetriebenen Jet-Drohnen aus Russland bereiten der Ukraine Sorgen.

Einige Modelle aus der neuen Generation der "Shaheds", die in Russland Geran-4 und Geran-5 genannt werden, erreichen bis zu 600 km/h. Sie sind damit fast um das Dreifache schneller als die ursprüngliche iranische Version. Nach ukrainischen Angaben hat Russland im August 3000 Stück davon eingesetzt, was auf einen bedeutenden Anstieg der Produktion deutet. Ähnlich viele dürfte Russland monatlich herstellen. Vor allem die Geran-5 ähnelt mehr einem kleinen Marschflugkörper als einer Drohne. Im Vergleich dazu ist die Geran-4 das billigere Massenmodell.

Hybrid aus Drohne und Marschflugkörper

Die Geran-5 können rund 90 Kilogramm Sprengstoff tragen und haben eine Reichweite von bis zu etwa 950 Kilometer sowie eine maximale Flughöhe von bis zu sechs Kilometern. Ihre Manöver und ständigen Höhenänderungen machen sie für die ukrainische Luftabwehr zu komplizierten Zielen. Abfangdrohnen, die schnell genug wären, um sie abzufangen, hat die Ukraine bisher nicht.

Eine andere Herausforderung heißt Banderol, eine bewusst so entwickelte Kombination aus Marschflugkörper und Jet-Drohne. Banderol werden seit Frühjahr 2025 eingesetzt. Das Hauptziel war zunächst vor allem Odessa und die Region rings um die Hafenstadt am Schwarzen Meer. Während des Sommers haben die Russen rund 500 Stück dieser neuen Waffen gegen die Ukraine eingesetzt. Zu ihren Zielen gehören grenznahe Großstädte wie Charkiw oder Tschernihiw, seit Juni auch Kiew.

Von der Stückzahl her ist ein derart massiver Einsatz wie bei Geran-4 und Geran-5 bislang offenbar nicht möglich. Banderol trägt aber einen noch schwereren Sprengkopf und ist noch schwer abzufangen. Dabei kostet eine Banderol, die bis zu 650 km/h schnell ist und bis zu 500 Kilometer fliegen kann, zwischen umgerechnet 50.000 und 150.000 Euro - deutlich billiger als die klassischen Marschflugkörper wie den Ch-101.

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Bei diesem Angriff auf ein 21-stöckiges Wohnhaus in Odessa gab es nur durch Zufall keine Toten. 17 Menschen wurden verletzt, darunter drei Kinder. (Foto: picture alliance / Photoshot)

Zum Teil können F-16 nur die Bordkanone nutzen

Internationale Schlagzeilen macht vor allem der Mangel an Flugabwehrraketen PAC-3, die für Patriot-Systeme notwendig sind. Das Fehlen der Patriot-Munition ist tatsächlich ein eklatantes Problem, weil die Treffer der ballistischen Raketen erheblichen Schaden verursachen. Die Gefahren, die von Banderol und Geran-5 ausgehen, verstärken die Bedrohung noch.

Weil die Hybride aus Marschflugkörper und Jet-Drohne so schnell sind, ist die ukrainische Flugabwehr bei ihrer Abwehr auf Kampfflugzeuge vom Typ F-16 und MiG-29 angewiesen. Die Bestände an US-Raketen AIM-9 und AIM-120, die von F-16-Jets abgeschossen werden können, sind aber ebenfalls fast ausgeschöpft. Sie sind zudem deutlich teurer als die Flugkörper, die sie abfangen müssen.

Die AIM-9 und AIM-120 werden darüber hinaus auch für das norwegisch-amerikanische Flugabwehrsystem NASAMS gebraucht. Der Mangel an diesen Raketen bedeutet, dass einige Einsätze der ukrainischen F-16 lediglich mit Bordkanone durchgeführt werden, was für Kampfeinsätze alles andere als üblich ist. In der Praxis heißt das: Feindliche Raketendrohnen können nur aus der Nähe abgeschossen werden, was das Risiko sowohl für die Piloten als auch für Zivilisten am Boden massiv erhöht. Auch der Mangel an Raketen, die von den alten sowjetischen MiG-29 eingesetzt werden können, ist spürbar.

Kurzfristig sind Lieferungen überlebenswichtig

All dies sorgt dafür, dass über dem Luftraum der Ukraine aktuell lediglich kaum mehr als 60 Prozent der von Russland eingesetzten Jet-Drohnen abgefangen werden, wobei die Quote in Kiew häufig bei rund 80 Prozent liegt. Infolge der jüngsten Eskalation im Iran-Krieg sind neue Lieferungen von AIM-9 und AIM-120 aus US-Beständen unwahrscheinlich. Auf der jüngsten Sitzung der Ramstein-Kontaktgruppe kündigte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius zwar eine Erhöhung der Lieferungen von AIM-9 aus deutschen Beständen an. Eine konkrete Zahl nannte er jedoch nicht.

Solche Lieferungen aus Beständen der Partnerländer sind für die Ukraine im Moment überlebenswichtig. Eine wirkliche Lösung für das Problem der Banderol und der neuen Geran-Modelle wären eigene Abfangdrohnen in größerer Serienproduktion. An Modellen solcher Drohnen gibt es keinen Mangel, doch es geht dabei stark um das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Die Abfangdrohnen gegen die alten Shaheds waren effizient, weil sie kaum teure Elektronik enthielten. Die neueren Abfangdrohnen brauchen dagegen einen Zielsuchkopf. Technisch und preislich sind sie damit näher an der klassischen Flugabwehr.

Die Herausforderung für die Ukraine ist klar: Sie muss einen Weg finden, Abfangdrohnen zu produzieren, die nicht viel teuer sind als Banderol oder Geran-5. Daher muss die Ukraine auch an einer Lösung für die fehlenden Luft-Luft-Raketen und Raketen für Bodensysteme arbeiten. "Im letzten Fall besteht sogar die Hoffnung auf eine recht schnelle Ausweitung bereits bestehender Entwicklungen, die sich als wirksam erwiesen haben", schreibt der ukrainische Militärreporter Bohdan Myroschnykow. Die Abfangdrohnen sind allerdings immer noch in der Testphase: Es seien Einzelmodelle mit unklarer Effektivität im Einsatz, die Serienproduktion sei noch Fehlanzeige, so Myroschnykow.

Quelle: ntv.de

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