Politik

John Bercow und der Brexit Der Mann, der "Order" ruft, tritt ab

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Sichtlich gerührt kündigte Bercow seinen Rücktritt an - und bekam Applaus von vielen Abgeordneten.

(Foto: dpa)

Als er vor etwa zehn Jahren sein Amt antrat, war John Bercow der jüngste Unterhaus-Sprecher aller Zeiten. Nun tritt er ab - und ist nicht nur in Großbritannien ein Star. Er legte sich mit Premiers an, wurde aber auch für sein Auftreten kritisiert. Und seine Frau sorgte mit frivolen Aussagen für Aufsehen.

"Ordeeeer", "Ordeeeer!" - schallt es bei Sitzungen des britischen Unterhauses durch den Saal. Selbst Kinder, die in den Nachrichten die markanten Ordnungsrufe von John Bercow aufschnappen, ahmen ihn nach. Der Parlamentspräsident hat sich in Großbritannien und anderen Ländern zur Kultfigur gemausert. Er spielt im Brexit-Streit eine wichtige Rolle.

Nun hat Bercow angekündigt, sein Amt spätestens am 31. Oktober aufzugeben, dem Tag, an dem Großbritannien die EU verlassen soll. Kritiker werfen ihm vor, die Neutralität seines Amts zugunsten der Brexit-Gegner zu verletzen und forderten immer wieder seinen Rücktritt. Doch Bercow blieb stur. "Während meiner Zeit als Sprecher habe ich versucht, die relative Autorität dieses Parlaments zu erhöhen, wofür ich mich absolut bei niemandem, nirgendwo, zu keiner Zeit entschuldigen werde", sagte Bercow nun im Parlament.

Was aber war der Grund für seine Rücktrittsankündigung? Er habe seiner Familie bei der vergangenen Parlamentswahl versprochen, nicht noch einmal anzutreten, sagte der dreifache Vater. Und sein Versprechen halte er nun mal ein, so der sichtlich bewegte Bercow. Die Reaktion im Unterhaus: nicht enden wollender Beifall bei seinen Anhängern, während die Brexit-Hardliner mit verschränkten Armen sitzen blieben.

Der jüngste Speaker aller Zeiten

Bercow ist der 157. "Speaker of the House of Commons" - bei Amtsantritt war er mit 46 Jahren der jüngste Parlamentspräsident aller Zeiten. Mittlerweile zittern die Abgeordneten vor dem exzentrischen Politiker. Denn "Mr Speaker", so wird er im Parlament angesprochen, ist quasi der Herr über die Debatten und Abstimmungen. Seit er vor zehn Jahren das Amt des Speakers antrat, hat er immer mal wieder geltende Regeln über Bord geworfen. Das Tragen der traditionellen Perücken hat er abgeschafft. Im Juni 2017 erlaubte er den Abgeordneten, ohne Krawatten zu erscheinen.

Auch die frühere Premierministerin Theresa May kam nicht an Bercow vorbei. Eine dritte Abstimmung über ihren bereits zwei Mal gescheiterten Brexit-Deal ließ er erst nach einer substanziellen Änderung der Vorlage zu. Der Clou: Er berief sich dabei auf eine 415 Jahre alte Regel, die kaum noch jemand parat hatte. Die Regierung musste sich schließlich beugen.

Mit dem heutigen Premier Boris Johnson geriet er ebenfalls mehrfach aneinander. Berühmt wurde ein Video von einer Parlamentsdebatte, in der Bercow ihm eine Standpauke hielt. Jüngst warf er Johnson gar "Verfassungsfrevel" vor, als dieser dem Parlament eine Zwangspause verordnete.

Bercow selbst - das ist kein Geheimnis - hätte Großbritannien lieber weiter in der Europäischen Union gesehen. "Der Schiedsrichter in unseren Angelegenheiten ist nicht mehr neutral", kritisierte ihn ein konservativer Parlamentarier. Diese Vorwürfe wies er aber zurück: "Ich habe meine privaten Überzeugungen, aber im Parlament bin ich unparteiisch", sagte er einmal in einem Interview. Bercow ist ein Dickschädel, der die hohe Kunst der Rhetorik beherrscht. "Ich rede einfach zu gern und im Zweifel zu viel", räumte der aus einfachen Verhältnissen stammende Politiker - der Vater war Taxifahrer - in dem Interview ein. "Meinen Sprachstil habe ich von meinem Vater geerbt, der recht gestelzt sprach."

Seine Frau sorgt für Aufsehen

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Schon als Kind las Bercow Zeitung, kandidierte für das Schülerparlament und protestierte gegen das Schulessen. Er habe keine Probleme, vor einer Menge zu sprechen. Dagegen gehöre Tanzen zu seinen Urängsten - und seine Furcht davor könne er "nur mit einer beträchtlichen Menge Alkohol" überwinden.

Viel Beifall, aber auch Kritik bekam Bercow für die Ankündigung, US-Präsident Donald Trump bei einem Staatsbesuch nicht im Parlament zu empfangen. Indirekt warf er Trump Rassismus und Sexismus vor. Doch es gibt auch immer wieder massive Vorwürfe von Ex-Mitarbeitern und Kollegen gegen ihn. Sein Ex-Privatsekretär Angus Sinclair etwa behauptete, Bercow habe ihn vor anderen Mitarbeitern angeschrien. Mehrere Parlamentarierinnen soll er beleidigt haben.

Für Aufsehen sorgte auch sein Familienleben: Ehefrau Sally, die Bercow um einen Kopf überragt und eine Anhängerin der oppositionellen Labour-Partei ist, fiel mehrfach mit erotischen Fotos und frivolen Äußerungen auf. Ihr Einzug ins Big-Brother-Haus löste bei ihrem Mann keine Begeisterung aus - er reiste nach Indien.

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Bercow spielte als Kind selbst Tennis, dem Sport ist er treu geblieben - hier bei einem Wimbledon-Match.

(Foto: imago images / i Images)

In den vergangenen Jahren entfremdete sich Bercow, der 1997 für die Konservativen erstmals ins Parlament einzog, von den regierenden Tories. Er sieht sich als Verteidiger des Parlaments gegen eine Regierung, die zunehmend autoritäre Züge trägt. Er nahm auch den Kampf gegen die britische Boulevardpresse auf, die EU-freundliche Abgeordnete als Meuterer anprangerte. Bercow rief den Abgeordneten im Unterhaus zu: "Bei der Abgabe Ihrer Stimme (...) sind Sie als Mitglied des Parlaments niemals Meuterer, niemals Verräter, niemals Querulanten, niemals Volksfeinde."

Nun will Bercow nicht nur als Speaker, sondern auch als Abgeordneter zurücktreten. Traditionell ist für ehemalige Sprecher des Unterhauses ein Sitz im Oberhaus vorgesehen. Im Brexit-Tumult gab es allerdings Gerüchte, die Konservativen könnten Bercow diese Ehre verweigern.

Quelle: n-tv.de, mli/dpa/AFP

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