Junge, gewalttätige NazisDer gefährliche Sumpf, dem deutsche Teenager verfallen
Erneut gehen Sicherheitsbehörden gegen rechtsextreme Gruppierungen vor. Und erneut setzen sich diese teilweise aus Minderjährigen zusammen. Über Freunde, soziale Medien oder sogar die eigenen Eltern verfallen schon Kinder der Propaganda und greifen im schlimmsten Fall andere Menschen an.
Mit einer Razzia in zwölf Bundesländern ist der Generalbundesanwalt gegen 36 junge mutmaßliche Rechtsextremisten vorgegangen. Ihnen wird die Bildung der kriminellen Vereinigungen "Deutsche Jugend voran" und "Jung & stark" vorgeworfen. In den meisten Fällen geht es um Rädelsführerschaft und Gewaltaufrufe gegen Angehörige der linken Szene oder mutmaßliche Pädophile. Acht Beschuldigte werden zudem mit gefährlicher Körperverletzung in Verbindung gebracht.
Auch wenn die Gruppierungen bundesweit aktiv sind, sind sie alles andere als ein Massenphänomen. Beide zusammen haben im harten Kern wahrscheinlich nur wenige Hundert Mitglieder. Der jüngste Beschuldigte im Zusammenhang mit der aktuellen Razzia soll 16 Jahre alt sein.
24-Jähriger inhaftiert
Die Gruppierung "Deutsche Jugend voran" ist vor allem aus Berlin bekannt. Ihr Kopf Julian Milz trat in der Hauptstadt im vergangenen September im Alter von 24 Jahren eine Haftstrafe im offenen Vollzug von drei Jahren und drei Monaten an. Der Rechtsextremist hatte 2024 nach einer Demonstration mit ein paar Gleichgesinnten auf einen jungen Mann in einer S-Bahn eingeprügelt, den sie als links identifiziert hatten.
Milz’ Ex-Freundin bezeichnete ihn bei "Spiegel TV" als "extrem rechts" und berichtete von Hitlergrüßen und White-Power-Zeichen. Nach der Trennung hatte er ihr in Sprachnachrichten mit dem Tod gedroht.
Mitglieder und Unterstützer von "Deutsche Jugend voran" inszenieren sich gerne in sozialen Medien. Was bei der Durchsicht der Aufnahmen und auch Bilder von Demonstrationen schnell auffällt, ist das sehr junge Alter vieler Beteiligter. Der Blick in die Gesichter erinnert oft eher an eine Klassenfahrt.
Vieles, was unter dem Hashtag "Deutsche Jugend voran" in sozialen Netzwerken auftaucht, sind bekannte Phänomene in der rechtsextremen Szene. Neben rassistischer Propaganda und KI-Fakes finden sich auch Videos von echten jungen Mädchen, die im Kinderzimmer vor Flaggen posieren. Darunter jene der Bundesrepublik Deutschland, aber auch die Reichskriegsflagge oder solche mit AfD-Logo. Zudem sind immer wieder Fotos der von der ostdeutschen Szene gerne instrumentalisierten Simson-Mopeds zu sehen.
Bei Klamotten setzen die jungen Rechtsextremen auf wilde Aufdrucke mit einschlägigen Parolen oder Zeichen. Ansonsten sind die Marken Lonsdale und Fred Perry nach wie vor beliebt, obwohl beide ausgerechnet beim politischen Gegner hauptsächlich getragen werden und sich die Hersteller strikt gegen Rechtsextremismus aussprechen.
Der Potsdamer Forscher und Politologe Christoph Schulze hält Gruppen wie "Deutsche Jugend voran" für nicht gefestigt. Aber es herrsche dort eine "Gewaltkultur". In sozialen Netzwerken finden sich Aufrufe, über die angeblich neue Mitglieder rekrutiert werden sollen. Inwiefern diese wirklich auf den Kern der Gruppierung zurückzuführen sind, ist unklar.
Aufkleber beim BFC
In Berlin könnten Teile der Fanszene des Fußballvereins BFC Dynamo mit der Gruppierung in Zusammenhang stehen - oder mit ihr sympathisieren. Das BFC-Umfeld ist seit Jahrzehnten bekannt für rechtsextreme Umtriebe. Der Verein ist im Nordosten der Hauptstadt beheimatet. Eine Gegend, in der auch "Deutsche Jugend voran" aufgefallen ist.
Nach einem Pokalspiel im Mommsenstadion im vergangenen Jahr hinterließen BFC-Fans einen Aufkleber mit der Beschriftung "Jugend voran BFC Dynamo". Der "Berliner Morgenpost" sagte Stephan Kuhlmann von der mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, rechtsextreme Positionen würden in der Fanszene zunehmend sichtbarer.
"Diese Entwicklung läuft teilweise parallel zur Entstehung neuer Zusammenschlüsse aktionsorientierter Rechtsextremer, wie 'Deutsche Jugend Voran' oder 'Jung & stark'", so Kuhlmann. Der BFC äußerte sich auf Anfrage der Zeitung nicht. "Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass der Verein aktiv versucht, dieses Problem anzugehen", so der Experte.
"Scharfes Schwert"
Auch unter den Begriffen "Jung und stark" finden sich zahlreiche rechtsextreme Beiträge in sozialen Netzwerken. Laut der Amadeu Antonio Stiftung organisiert "Jung und stark" Wanderausflüge, Rechtsrockkonzerte, Fußballturniere oder Kampfsporttrainings. Ein Mitglied soll sich auf Instagram beim Schusswaffentraining in der Natur gezeigt haben.
150 Mitglieder von "Jung und stark" demonstrierten im März 2025 in Essen. Einige Monate später fiel die Gruppierung bei Protesten für eine "würdige Grabstätte" für den Dortmunder Rechtsextremisten Siegfried Borchard auf. Genau wie bei "Deutsche Jugend voran" sind zudem Gegenaktivitäten bei CSD-Kundgebungen bekannt.
Das jetzige Vorgehen der Bundesanwaltschaft schwächt diese Gruppen, sagte Forscher Schulze. "Aber die generellen Räume für rechtsextreme Tendenzen in der Jugend wird man mit solchen Maßnahmen nicht aufhalten können." Den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung bezeichnete er zudem als "scharfes Schwert". "Es wird sich zeigen müssen, ob sich das erhärten lässt."
Es ist nicht lange her, dass eine weitere rechtsextreme Gruppierung mit teilweise minderjährigen Mitgliedern für Entsetzen gesorgt hat. Im März wurden acht junge Anhänger der "Letzten Verteidigungswelle" angeklagt wegen der Mitgliedschaft in einer rechtsextremen Terrorgruppe oder deren Unterstützung, versuchten Mordes, Verabredung zum Mord und gefährlicher Körperverletzung.
Die investigative RTL- und "Stern"-Reporterin Angelique Geray hatte die Gruppierung monatelang unterwandert. Sie sagte ntv, Gewaltfantasien aus Chatgruppen hätten sich ins reale Leben verlagert. "Schlussendlich wurde auch ein Kulturhaus angezündet." In der Gruppe sei nach Anerkennung und Aufmerksamkeit gesucht worden. Manche hätten auch das Werk ihrer Eltern, die in den "Baseballschläger-Jahren" aktiv waren, fortführen wollen, so Geray.
(mit dpa)
